Krieg in Osteuropa Raketeneinschlag in Odessa, Blockade von Lyssytschansk droht – das geschah in der Nacht

Im Süden der Ukraine sind mehrere Menschen Opfer eines Raketenangriffs geworden. Kanada schickt zwei Kriegsschiffe in die Ostsee und den Nordatlantik. Und: Ein Sieg Russlands wäre laut Boris Johnson »absolut katastrophal«. Der Überblick.
Ein Fahrradfahrer zwischen zwei zerstörten Militärfahrzeugen in Lyssytschansk (am 11. Juni)

Ein Fahrradfahrer zwischen zwei zerstörten Militärfahrzeugen in Lyssytschansk (am 11. Juni)

Foto: Aris Messinis / AFP

Was in den vergangenen Stunden geschah

Nach der Einnahme der Stadt Sjewjerodonezk in der Ostukraine durch russische Truppen gehen die Kämpfe um die Stadt Lyssytschansk weiter. Der Feind versuche verstärkt mit Unterstützung der Artillerie, die strategisch wichtige Stadt aus südlicher Richtung zu blockieren, teilte der ukrainische Generalstab am Sonntagabend mit. Dabei seien auch zivile und militärische Infrastruktur getroffen worden. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Im Gebiet Luhansk kontrollieren ukrainische Truppen nur noch die Großstadt Lyssytschansk. Dort sind russische Soldaten allerdings schon bis an den Stadtrand vorgedrungen.

Bei einem Raketeneinschlag im Gebiet Odessa im Süden der Ukraine sind sechs Menschen zu Schaden gekommen. Die Rakete sei von einem russischen strategischen Bomber des Typs Tu-22 abgefeuert worden, teilte das ukrainische Wehrkommando Süd am Montag mit. Unter den Opfern ist den Behördenangaben zufolge auch ein Kind. Aus den Angaben geht nicht hervor, ob die betroffenen Personen verletzt oder getötet wurden.

»Wegen des Einschlags im Wohnviertel einer zivilen Siedlung sind mehrere Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude auf einer Fläche von etwa 500 Quadratmetern zerstört und in Brand gesetzt worden«, hieß es. Die Feuerwehr sei noch bei der Brandbekämpfung.

Im Schwarzen Meer ist erneut eine Gasförderplattform angegriffen worden. Das teilten Vertreter der von Russland einverleibten Halbinsel Krim am Sonntagabend mit, wie die russische Staatsagentur Tass meldete. Die Vertreter machten die Ukraine für den Angriff verantwortlich. Das ließ sich nicht überprüfen. Es habe keine Verletzten gegeben, hieß es. Unklar war, ob ein Feuer ausbrach.

Erst am vergangenen Montag waren drei Bohrinseln im Schwarzen Meer mit Raketen attackiert worden. Die ursprünglich ukrainischen Anlagen waren im März 2014 im Zuge der Annexion der Krim besetzt worden.

Kanada hat am Sonntag zwei Kriegsschiffe in die Ostsee und den Nordatlantik geschickt. Die HMCS »Kingston« und die HMCS »Summerside« schlossen sich nach Angaben der kanadischen Marine zwei Fregatten an, die sich bereits zur Stärkung der Ostflanke der Nato in der Region befinden. Der viermonatige Einsatz sei Teil der »Abschreckungsmaßnahmen in Mittel- und Osteuropa«, die 2014 nach der russischen Annexion der Krim eingeleitet worden seien.

Die kanadischen Schiffe wurden den Angaben zufolge in »hohe Alarmbereitschaft« versetzt, um alle Einsätze der Nato »schnell und effektiv« unterstützen zu können. Sie sollen demnach bis Oktober unter anderem an Übungen zur Minenräumung teilnehmen.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident sieht die Ukraine in einer schwierigen Phase des Krieges. Erstmals seit drei Wochen wurde die Hauptstadt Kiew am Wochenende wieder mit Raketen beschossen. Hinzu kommt die militärische Niederlage in der Großstadt Sjewjerodonezk im Osten der Ukraine.

DER SPIEGEL

In seiner täglichen Videoansprache rief Wolodymyr Selenskyj nun in der Nacht zum Montag die Menschen im Nachbarland Belarus dazu auf, sich nicht in den russischen Angriffskrieg in der Ukraine hineinziehen zu lassen. »Der Kreml hat bereits alles für Sie entschieden«, sagte er mit Blick auf Moskau. »Aber Sie sind keine Sklaven und Kanonenfutter. Sie dürfen nicht sterben.«

Zum Hintergrund: Am Samstag hatte sich der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko erneut mit Russlands Präsident Wladimir Putin getroffen. Dabei kündigte der Kremlchef die Lieferung von Raketensystemen vom Typ Iskander-M nach Belarus an, die auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden können (mehr zu den Iskander-Raketen erfahren Sie hier ). Nach jüngsten Angaben aus Kiew griffen russische Truppen die Ukraine zuletzt auch von Belarus aus an. Das Land ist ein enger Verbündeter Russlands.

Selenskyj sagte nun: »Ich weiß, dass die Menschen in Belarus uns unterstützen, nur uns, nicht den Krieg. Und deshalb will die russische Führung Sie in einen Krieg hineinziehen.«

Zugleich forderte Selenskyj mit Blick auf russische Angriffe abermals mehr Waffen. Jede Verzögerung von Waffenlieferungen an die Ukraine sei eine Einladung an Russland, weiter zuzuschlagen. »Wir brauchen eine schlagkräftige Luftverteidigung – modern, wirksam.« Es gebe bereits Vereinbarungen mit Partnern, doch die müssten sich schneller bewegen.

Internationale Reaktionen

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist überzeugt, dass Russlands Präsident »diesen Krieg schon nicht mehr gewinnen« kann. In den ARD-»Tagesthemen« sagte sie zudem , Russland müsse eine »strategische Niederlage« erleiden.

Von der Leyen sprach sich im ZDF zudem gegen einen Boykott des G20-Gipfels im Herbst aus – auch wenn Putin am nächsten Treffen teilnehmen sollte. »Wir müssen sehr genau überlegen, ob wir die gesamte G20 lahmlegen, da plädiere ich nicht dafür«, sagte sie dem »heute journal«. »Meines Erachtens ist G20 zu wichtig, auch für die Entwicklungsländer, die Schwellenländer, als dass wir uns dieses Gremium kaputtmachen lassen sollten auch wieder von Putin.«

Der nächste Gipfel der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer findet Mitte November auf der indonesischen Insel Bali statt. Zu der Gruppe gehört auch Russland – eine Teilnahme Putins ist also möglich. Es sei wichtig, Putin »ins Gesicht zu sagen, was wir von ihm halten und was wir von dieser Art des Handelns halten«, sagte von der Leyen mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. »Eines ist ganz klar: Es wird kein ›business as usual‹ geben.« Mehr zu von der Leyens Äußerungen können Sie hier nachlesen.

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Der britische Premierminister Boris Johnson hat mit dem US-Sender CNN unter anderem über den Krieg in Osteuropa gesprochen . Dabei sagte Johnson, ein Sieg Russlands in der Ukraine wäre »absolut katastrophal«. Sollte Putin mit seiner Invasion Erfolg haben, würde dies einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. »Sie können die Konsequenzen sehen, die Lehren, die daraus gezogen werden. Das ist letztlich katastrophal, nicht nur für die Demokratie und die Unabhängigkeit der Länder, sondern auch für die wirtschaftliche Stabilität.«

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Der neue Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Bernd Schütt, sieht die größte Gefahr für eine militärische Eskalation mit Russland an der Nordostflanke der Nato. »Und deswegen ist der Punkt der glaubwürdigen Abschreckung in dieser Region für mich ein ganz zentraler Punkt. Hier spielt die Präsenz von Landstreitkräften eine zentrale Rolle«, sagte der Generalleutnant im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Verstärkte Übungen für die Landes- und Bündnisverteidigung werde es auch in seinem Kommando geben. »Diese Art von intensiver Kriegsführung haben wir hier so noch nicht trainiert«, sagte Schütt. »Da bedarf es einer Anpassung bestehender Strukturen und Verfahren.«

Was heute noch passiert

  • Am zweiten Tag des G7-Gipfels in Bayern wird der russische Angriffskrieg in der Ukraine eines der beherrschenden Themen sein: Heute Vormittag soll der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu den Beratungen der Staats- und Regierungschefs zugeschaltet werden.

  • In Luxemburg beraten heute die für Energie zuständigen Minister der EU-Staaten über die Energiesituation in der EU im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine.

  • Im Streit über eine Nato-Mitgliedschaft von Finnland und Schweden wird sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seinem Sprecher zufolge am Dienstag mit den Regierungschefs beider Staaten treffen. Bereits am Montag solle es zudem in Brüssel Gespräche auf Ministerebene geben, sagte İbrahim Kalın dem Sender Habertürk. Die Türkei hat sich gegen eine Mitgliedschaft beider Staaten gestellt.

aar/dpa/AFP
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