Krieg in Osteuropa Lukaschenko zelebriert Einheit mit »brüderlichem Russland«, Ukraine »gibt nichts verloren«

Belarus ist laut Diktator Lukaschenko so eng mit Russland verbunden, »dass wir praktisch eine gemeinsame Armee haben«. Und: Die Ukraine will erstmals ihre Prioritäten für den Wiederaufbau des Landes präsentieren. Der Überblick.
Einsatzkräfte löschen am Sonntag einen Brand in der ostukrainischen Stadt Slowjansk – dort war kurz zuvor eine Rakete eingeschlagen

Einsatzkräfte löschen am Sonntag einen Brand in der ostukrainischen Stadt Slowjansk – dort war kurz zuvor eine Rakete eingeschlagen

Foto: Scott Olson / Getty Images

Im Osten der Ukraine sind die russischen Truppen weiter auf dem Vormarsch. Nach wochenlangem Abwehrkampf gab die ukrainische Armee am Sonntagabend bekannt, dass sie aus der Stadt Lyssytschansk im Gebiet Luhansk abzieht. Die russischen Besatzungstruppen hätten eine mehrfache Überlegenheit, erklärte der Generalstab in Kiew. Eine weitere Verteidigung hätte daher »fatale Folgen«.

Russland hatte zuvor gemeldet, dass es die Großstadt eingenommen habe. Von unabhängiger Seite lassen sich die Berichte aus den Kampfgebieten kaum überprüfen.

Lyssytschansk war die letzte größere Bastion der Ukrainer im Gebiet Luhansk. Dessen Eroberung gehört zu den von Russland benannten Kriegszielen.

Russland warf derweil dem Westen vor, Friedensverhandlungen mit der Ukraine zu verhindern – und den Krieg damit in die Länge zu ziehen. »Jetzt ist der Moment, wo die westlichen Länder alles auf eine Fortsetzung des Krieges setzen«, sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow am Sonntag im Staatsfernsehen. Unter Führung der USA erlaube der Westen den Ukrainern »weder an Frieden zu denken noch darüber zu reden oder ihn zu besprechen«. Damit reagierte Peskow auf Äußerungen westlicher Politiker, die Ukraine nicht zu Verhandlungen drängen zu wollen.

Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak reagierte auf Peskows Aussagen mit den Worten, Russland kenne die Bedingungen für Verhandlungen: Waffenstillstand, Truppenabzug, die Rückkehr entführter Bürger, die Auslieferung von Kriegsverbrechern sowie ein Reparationsmechanismus und die Anerkennung der souveränen Rechte der Ukraine. »Die Zeit wird kommen, und wir werden sie auf Papier festhalten«, schrieb Podoljak bei Twitter .

Weitere Entwicklungen im Überblick:

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht die Stadt Lyssytschansk im Osten des Landes trotz des Rückzugs der ukrainischen Armee noch nicht als verloren an. »Wenn das Kommando unserer Armee Menschen von bestimmten Punkten der Front abzieht, wo der Feind den größten Feuervorteil hat – insbesondere Lyssytschansk –, bedeutet das nur eins: Dass wir dank unserer Taktik, dank der verstärkten Versorgung mit modernen Waffen, zurückkommen werden«, sagte er in einer Videobotschaft. 

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Die ukrainische Armee bewege sich vorwärts – sowohl im Gebiet Charkiw im Osten als auch im Gebiet Cherson im Süden und auf dem Schwarzen Meer. Die jüngst wiedererlangte Schlangeninsel sei ein gutes Beispiel dafür. »Es wird einen Tag geben, an dem wir dasselbe über den Donbass sagen werden«, meinte Selenskyj. »Die Ukraine gibt nichts verloren.«

Das sagen Kiews Verbündete

Großbritannien hat der Ukraine andauernde Unterstützung zugesichert. Außenministerin Liz Truss werde am Montag ankündigen, dass London »alles Mögliche tun wird, um sicherzustellen, dass die Ukraine den Krieg gewinnt und sich erholt«. Wie das britische Außenministerium am Sonntagabend weiter mitteilte, bat der ukrainische Präsident Selenskyj das Vereinigte Königreich, sich für den Wiederaufbau der Hauptstadt Kiew und des gleichnamigen Gebiets einzusetzen.

»Die Erholung der Ukraine vom russischen Angriffskrieg wird ein Symbol der Macht der Demokratie über die Autokratie sein«, zitierte das Außenministerium Truss weiter. Damit werde bewiesen werden, dass die Versuche von Kremlchef Wladimir Putin, die Ukraine zu zerstören, nur eine stärkere, wohlhabendere und geeintere Nation geschaffen hätten.

Die britische Regierung will im kommenden Jahr eine Ukrainekonferenz ausrichten. Dort soll ein Programm nach dem Vorbild des Marshallplans zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedet werden, wie das Außenministerium weiter mitteilte.

London hat der Ukraine bisher 1,5 Milliarden Pfund (1,74 Milliarden Euro) finanzielle Hilfe zugesagt, meist in Form von Krediten. Zudem hat Großbritannien erhebliche Mengen Waffen geliefert oder zugesagt.

Das sagen Moskaus Verbündete

Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hat seine enge Verbundenheit mit Russland bekräftigt. Belarus sei so eng mit der Russischen Föderation verbunden, »dass wir praktisch eine gemeinsame Armee haben«, sagte der Diktator bei einer Feier zum Jahrestag der Befreiung von Minsk durch sowjetische Truppen im Zweiten Weltkrieg. »Aber das wussten Sie ja alles. Wir werden weiterhin mit dem brüderlichen Russland fest vereint sein.« Er habe Putins Vorgehen gegen die Ukraine »vom ersten Tag an« unterstützt, sagte Lukaschenko weiter.

Putin und Lukaschenko Ende Juni bei einem Treffen in Russland

Putin und Lukaschenko Ende Juni bei einem Treffen in Russland

Foto: IMAGO/Mikhail Metzel / IMAGO/SNA

Erst vor wenigen Tagen hatte Lukaschenko dem Westen mit Konsequenzen gedroht, sollte sein Land angegriffen werden. »Fassen Sie uns nicht an – und wir werden Sie nicht anfassen.« Ungeachtet der Tatsache, dass Russland selbst die Ukraine angegriffen hat, stellen sich Moskau und das verbündete Minsk immer wieder als Opfer vermeintlich feindlicher Politik des Westens und der Nato im Speziellen dar.

Was heute passiert

  • Die ukrainische Regierung stellt heute erstmals ihre Prioritäten für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes vor. Rund 40 potenzielle Geberländer sind bei dem Treffen in Lugano in der Schweiz vertreten, ebenso wie viele internationale Organisationen und Finanzinstitutionen. Beraten werden soll, wer welche Aufgabe übernehmen kann. Der Bedarf wird auf Hunderte Milliarden Euro geschätzt. In einer »Erklärung von Lugano« sollen die wichtigsten Prinzipien für den Wiederaufbau festgelegt werden.
    An der Konferenz nehmen unter anderem der ukrainische Regierungschef Denys Schmyhal; die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) teil. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj soll live aus Kiew zugeschaltet werden.

  • Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) reist zu einem Treffen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach Paris. Themen des Gesprächs sollen aktuelle internationale, bilaterale und europapolitische Fragen sein – der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dürfte das beherrschende Thema sein.

aar/dpa/Reuters/AFP
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