Welthungerhilfe in Afghanistan »Die Taliban haben uns aufgefordert, unsere humanitäre Arbeit wieder aufzunehmen«

Sein größtes Problem sind nicht die Taliban, sondern geschlossene Banken und mangelndes Benzin: Hier spricht Thomas ten Boer, Afghanistan-Direktor der Welthungerhilfe, über die drohende humanitäre Katastrophe in dem Land.
Ein Interview von Lena Greiner
Thomas ten Boer ist Landesdirektor der Welthungerhilfe in Afghanistan

Thomas ten Boer ist Landesdirektor der Welthungerhilfe in Afghanistan

Foto: Stefanie Glinski / Welthungerhilfe
Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Herr ten Boer, als Landesdirektor koordinieren Sie die Arbeit der deutschen Welthungerhilfe in Afghanistan. Sie haben sich 15 Minuten für uns freigeschaufelt – woran arbeiten Sie derzeit vor allem?

Thomas ten Boer: Meine Hauptaufgabe in diesen Tagen ist, unsere lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Afghanistan zu unterstützen – oft auch emotional. Ich bin bei uns der Hauptansprechpartner für alle Fragen rund um etwaige Evakuierungen, die die Bundesregierung für Ortskräfte angekündigt hat. Und es melden sich auch sehr viele andere Afghanen bei mir, die mich um Hilfe bitten, aus dem Land rauszukommen.

Zur Person

Thomas ten Boer, Jahrgang 1959, ist seit 2018 Landesdirektor der Welthungerhilfe für Afghanistan. Vorher war er in dieser Position in Liberia tätig.

SPIEGEL: Wie viele Ihrer rund 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich derzeit noch in Afghanistan?

ten Boer: Unser gesamtes lokales Team. Das sind 173 Ortskräfte. Keiner von ihnen wurde meines Wissens bisher von der Bundesregierung kontaktiert und darüber informiert, ob und wann sie ausgeflogen werden. Leider kann ich nicht mehr für sie tun, als in Kontakt zu bleiben. Derzeit wollen viele raus, dennoch: Nicht alle können sich vorstellen, ihre Eltern oder ihre Heimat zu verlassen. Ich selbst war zufällig im Heimaturlaub in den Niederlanden, als die Lage eskalierte, aber sobald der zivile Flugverkehr wieder verlässlich anläuft, möchte ich zurück nach Kabul. Und ich bin bereits damit beschäftigt, zu schauen, welche Möglichkeiten es gibt, unsere Arbeit wieder aufzunehmen.

SPIEGEL: Sie haben aus Sicherheitsgründen vorübergehend alle Büros geschlossen, können Sie derzeit überhaupt Ihrer Arbeit nachgehen?

ten Boer: Ja, wir fangen wieder an. Zwei unserer Außenbüros im Norden in Jawzjan und Samangan sind geöffnet, am Dienstag haben wir außerdem das Zentralbüro in Kabul wieder eröffnet. Kommende Woche wollen wir das letzte noch geschlossene Büro in Nangarhar wieder aufmachen. Übrigens: Alle Organisationen, auch die anderen, sind weiterhin mit ihren lokalen Mitarbeitern im Land vertreten. Wir wollen und müssen den Menschen helfen. Was wir dafür nun von der neuen Regierung brauchen, ist Klarheit: Was wollen sie und was erwarten sie von uns? 

SPIEGEL: Stehen Sie in Kontakt mit den Taliban, um sich frei im Land bewegen zu können?

ten Boer: Die Taliban haben uns und elf andere Organisationen in Gesprächen mit Dorfältesten dazu aufgefordert, unsere humanitäre Arbeit landesweit wieder aufzunehmen. Das ist nicht das Problem. Was mich eher umtreibt ist, ob wir ausreichend Benzin haben, um unsere Hilfsgüter zu verteilen.

SPIEGEL: Der Flughafen ist quasi dicht beziehungsweise nur für Evakuierungsflüge geöffnet – wie bekommen Sie derzeit Hilfslieferungen ins Land?

ten Boer: Wir können auf dem Landweg Güter ins Land bringen, Warenverkehr aus Pakistan oder aus Tadschikistan ist weiterhin möglich.

SPIEGEL: Was ist das Schwierigste derzeit in Bezug auf Ihre Arbeit?

ten Boer: Dass die Banken geschlossen sind. Wenn wir in großem Umfang Nahrungsmittel oder andere Hilfsgüter verteilen möchten, können wir die Lieferanten nicht bezahlen. Selbst wenn wir das Geld aus Deutschland überweisen würden, könnte die Person vor Ort nicht sehen, dass es auf ihrem Konto angekommen ist, geschweige denn das Geld abheben.

Binnenvertriebene in Afghanistan aus Kunduz und Takhar sammeln sich an einer Essensausgabe: Mehr als 13 Millionen der rund 32 Millionen Menschen im Land haben nicht ausreichend Nahrung

Binnenvertriebene in Afghanistan aus Kunduz und Takhar sammeln sich an einer Essensausgabe: Mehr als 13 Millionen der rund 32 Millionen Menschen im Land haben nicht ausreichend Nahrung

Foto: JAWED KARGAR / EPA-EFE

SPIEGEL: Wie ist die humanitäre Situation der Menschen der vor Ort?

ten Boer: Mehr als 13 Millionen der rund 32 Millionen Menschen im Land befinden sich in akuter Ernährungsunsicherheit, haben also nicht zuverlässig ausreichend zu essen; im Welthunger-Index belegt Afghanistan Rang 99 von 107 Ländern. Die Lage war also schon vorher schlecht. Seit Monaten leben Binnenflüchtlinge in informellen Lagern rund um die Hauptstadt in desaströsen Verhältnissen, zwischen Müllhalden und ohne medizinische Versorgung, stabile Unterkünfte und Schulbildung für die Kinder. Nun verschärft sich die Situation weiter. So haben zum Beispiel Regierungsmitarbeiter seit Juni, spätestens seit Juli kein Gehalt mehr bekommen. Keiner von ihnen wird im August Geld erhalten. Zudem sind die Preise extrem gestiegen. Vor allem im Norden können sich viele Menschen schlicht keine Lebensmittel mehr leisten. Das bedeutet, dass Mahlzeiten gestrichen werden und Familien sich kein Gemüse oder Obst mehr leisten können, sodass die Mangelernährung der Kinder zunimmt. Hinzu kommt: Dürren haben Ernten geschädigt, und Häuser von Kleinbauern wurden durch die Kämpfe zerstört. Wenn diese Menschen jetzt zurückkehren, stehen sie vor dem Nichts.

SPIEGEL: Was brauchen die Menschen am dringendsten?

ten Boer: In den Regionen, in denen wir arbeiten, mangelt es vor allem an nahrhaften Lebensmitteln. Dabei arbeite ich allerdings lieber mit Anbietern vor Ort, um den Privatsektor im Land anzukurbeln und nicht alles von außen reinzubringen. Dafür müssen aber die Banken wieder aufmachen. Außerdem wäre es zu teuer, alles in Tadschikistan einzukaufen, und aus Pakistan wäre der Weg sehr weit bis in den Norden Afghanistans.

Afghanische Familien, die vor den Taliban geflüchtet sind, in einem Park in Kabul

Afghanische Familien, die vor den Taliban geflüchtet sind, in einem Park in Kabul

Foto: HEDAYATULLAH AMID / EPA

SPIEGEL: Was befürchten Sie für die kommenden Tage, Wochen und Monate?

ten Boer: Wir müssen die Menschen jetzt dabei unterstützen, ihre Häuser wieder aufzubauen. Denn in zwei, drei Monaten haben wir Winter – und der ist hier bitterkalt. Bei minus 20 Grad können die Menschen nicht in Zelten oder notdürftigen Behausungen überleben. Das betrifft Hunderttausende. Sie brauchen Sicherheit, Essen, eventuell finanzielle Unterstützung oder auch Baumaterialien, aber nicht unbedingt Experten vor Ort. Die Menschen hier können vieles selbst.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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