Ärger über Brexit-Verhandlungen Schottlands Regierungschefin wirft Boris Johnson "Ruchlosigkeit" vor

Einer Umfrage zufolge wollen so viele Schotten wie nie die Unabhängigkeit. Vor dem Brexit-Gipfel attackiert Nicola Sturgeon nun Premier Boris Johnson: Er handle "töricht" und "verantwortungslos".
Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon: "Alternativen Weg nach vorn"

Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon: "Alternativen Weg nach vorn"

Foto: Jane Barlow / dpa

Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon teilt kurz vor dem Brexit-Gipfel zwischen Großbritannien und der EU gegen den britischen Premierminister Boris Johnson aus. In einem Gastbeitrag für die Zeitung "Welt " wirft Sturgeon Johnsons Regierung unter anderem "Ruchlosigkeit" vor.

"Dass die britische Regierung entschlossen scheint, einen EU-Ausstieg ohne Abkommen voranzutreiben, wäre schon in normalen Zeiten töricht; inmitten einer globalen Pandemie ist es vollkommen verantwortungslos", schrieb Sturgeon.

Insgesamt widerspreche das Vorgehen der Regierung in London "genau wie der Brexit an sich - komplett der Vision dieser schottischen Regierung für unser Land." Da die Regierung in London entschlossen sei, "Konsens und Solidarität den Rücken zu kehren", brauche Schottland "einen alternativen Weg nach vorn", erklärte Sturgeon.

Sie beklagte, dass ihr Land kein direktes Mitspracherecht bei den Verhandlungen mit der EU habe, obwohl sich beim Referendum über den EU-Austritt 2016 eine Mehrheit der Schotten für den Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen hatte.

Umfrage sieht deutliche Mehrheit für schottische Unabhängigkeit

Die Regierungschefin kann sich bei ihrer Kritik an Johnson auf eine jüngst veröffentlichte Umfrage stützen. Demnach wünscht sich ein Rekordanteil von 58 Prozent der Schotten die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich.

Den Daten des britischen Marktforschungsinstituts Ipsos MORI zufolge wollen 64 Prozent der Schotten zudem, dass die britische Regierung ein zweites Unabhängigkeitsreferendum für Schottland binnen fünf Jahren erlaubt, sollte die aktuelle Regierungspartei Scottish National Party (SNP) auch die nächste Wahl des schottischen Parlaments gewinnen.

Bei der jüngsten Abstimmung im Jahr 2014 hatten 55 Prozent der Schotten für einen Verbleib in Großbritannien gestimmt. Die SNP argumentiert jedoch, dass angesichts des Brexits eine neue Abstimmung nötig sei.

Johnson enttäuscht über schleppende Verhandlungen

Die EU-Staats- und Regierungschefs befassen sich ab Donnerstagnachmittag mit den Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit Großbritannien nach dem Brexit. Sie wollen laut einem vorbereiteten Erklärungsentwurf ihre "Besorgnis" über bisher unzureichende Ergebnisse äußern und eine nochmalige Intensivierung der Verhandlungen fordern.

Eine von Großbritannien gesetzte Frist zur Einigung soll zudem ignoriert werden. Stattdessen will die EU auch in den nächsten Wochen intensiv weiterverhandeln. Dies geht aus einem Entwurf des Abschlussdokuments zum EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag in Brüssel hervor. Der britische Premier Johnson hält sich hingegen weiter offen, die Gespräche abzubrechen.

Nach einem Telefonat mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und Ratschef Charles Michel ließ Johnson erklären: "Der Premierminister stellte fest, dass ein Deal wünschenswert ist, drückte aber seine Enttäuschung aus, dass in den vergangenen zwei Wochen nicht mehr Fortschritte erzielt wurden."

fek/AFP
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