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Trotz 300er-Inzidenz Niederlande beenden Ausgangssperre und öffnen wieder

Die Krankenhäuser sind kurz vorm Kollaps, die Inzidenz hoch – trotzdem setzen die Niederlande wieder auf Normalität. Terrassen und Geschäfte dürfen öffnen, Ausgangssperren sind vorbei. Die Mediziner im Land sind entsetzt.
War mal Corona? Menschen fallen sich in Amsterdam beim »Königstag« in die Arme

War mal Corona? Menschen fallen sich in Amsterdam beim »Königstag« in die Arme

Foto: Peter Dejong / AP

Gut vier Monate lang hatte die niederländische Regierung seinen Bürgerinnen und Bürgern einen strengen Lockdown auferlegt. Nun erklärt sie die Eindämmung der Coronapandemie für beendet. Von Mittwoch an sollen die Niederlande mit einem großen Schritt in die Normalität zurückkehren: Die Ausgangssperre ist vorbei, Geschäfte und Terrassen von Gaststätten dürfen unter Auflagen wieder Kunden empfangen. Zunächst sollen die Terrassen von 12 bis 18 Uhr täglich geöffnet sein. Bürger dürfen auch wieder zwei Personen außerhalb des eigenen Haushalts empfangen.

Noch am Vortag hatte das Land den »Koningsdag« – den Geburtstag von König Willem-Alexander – unter harten Auflagen gefeiert. Eigentlich. Zum zweiten Mal fielen die traditionellen Volksfeste, Megaflohmärkte und Straßenpartys aus. Der König besuchte mit seiner Familie Eindhoven und erlebte dort ein vor allem virtuelles Programm mit Kultur, Hightech und Sport: »Es war unvergesslich«, sagte er zum Abschied. »Aber bitte nie wieder!«, meinte er mit Blick auf Corona. Nun sind viele Auflagen wieder hinfällig, die Menschen feierten.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Coronabeirates warnten vor dem Schritt. Die Infektionszahlen sind weiter hoch, und der Druck auf Krankenhäuser und Intensivstationen steigt noch. Jüngst lag die Inzidenz bei 323 Infizierten auf 100.000 Personen.

Rutte setzt auf Impfungen

Die Regierung unter dem rechtsliberalen geschäftsführenden Premier Mark Rutte hatte sich trotz der Warnungen für diese erste Lockerung der Corona-Maßnahmen entschieden. Sie rechnet damit, dass die Zahlen wegen der Impfungen schnell abnehmen. Etwa fünf Millionen Dosen wurden den Angaben zufolge gespritzt. Etwas mehr als 20 Prozent der Bevölkerung wurden demnach mindestens einmal geimpft.

Niederländische Mediziner hatten noch vergangene Woche vor einem Notzustand in Krankenhäusern gewarnt. Wenn die Infektionszahlen nicht schnell zurückgingen, dann drohe »Code Schwarz«, sagte der Vorsitzende der Vereinigung der Intensivmediziner, Diederik Gommers, am Freitag im Radio. Bei »Code Schwarz« muss eine Triage-Kommission in Krankenhäusern entscheiden, welchen Patienten noch geholfen wird. Mehrere Krankenhäuser im Land seien so überfüllt mit Covid-Patienten, dass die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit erreicht sei, sagte Gommer.

Nordrhein-Westfalen zeigt sich besorgt

Angesichts des bevorstehenden Lockdown-Endes in den Niederlanden wuchs am Dienstag in den Grenzgebieten die Sorge vor möglichen Ansteckungen. Der Kreis Heinsberg bat die Bürger, nicht notwendige Reisen und Tagesausflüge zu unterlassen. Aber man könne natürlich nicht ausschließen, dass bei dem schönen Wetter Deutsche in die Niederlande fahren und sich möglicherweise infizieren, sagte eine Sprecherin am Dienstag. Sie erinnerte daran, dass die Grenzkreise vor einiger Zeit das Land NRW um mehr Impfstoff gebeten hatten, um diesen Szenarien vorzubeugen. Eine Rückmeldung habe es nicht gegeben.

Der Landrat des Kreises Borken, Kai Zwicker (CDU), appellierte ebenfalls an die Bevölkerung, nun nicht in die Niederlande zum Einkaufen oder zum Cafébesuch zu fahren. Die Niederlande werden wegen der hohen Corona-Zahlen von Deutschland seit drei Wochen als Hochinzidenzgebiet eingestuft. Einreisende aus dem Nachbarland – gleich welcher Nationalität – müssen einen negativen Coronatest vorweisen. Der Kreis Borken im Münsterland grenzt auf 108 Kilometern an die Niederlande.

Hinweis der Redaktion: Wir hatten die Sieben-Tage-Inzidenz für die Niederlande zunächst mit mehr als 200 angegeben. Tatsächlich sind es aktuell mehr als 320 Infizierte auf 100.000 Einwohner. Die Zahlen sind korrigiert.

mrc/dpa