Medienberichte zu Nord-Stream-Explosionen Indizien deuten auf Tat proukrainischer Gruppe hin
Gasleck auf der Ostsee über den Nord Stream-Pipelines (am 27. September 2022)
Foto: Danish Ministry of Defence / dpaUS-Ermittler haben bei ihren Untersuchungen zum Anschlag auf die Nord-Stream-Gaspipelines in der Ostsee womöglich neue Hinweise auf die Drahtzieher erlangt. Wie die »New York Times « berichtet, könnte demnach eine proukrainische Gruppe hinter den Explosionen vom 26. September stecken.
Wie die Zeitung unter Berufung auf anonyme US-Offizielle berichtet, gibt es demnach keine Beweise dafür, dass die ukrainische Führung um Präsident Wolodymyr Selenskyj über die Tat informiert gewesen sei oder sie gar in Auftrag gegeben hätte.
Auch ein Rechercheverbund des ARD-Hauptstadtstudios, des ARD-Politikmagazins Kontraste, des SWR und der »Zeit « berichtet unter Berufung auf deutsche Ermittlerkreise, dass inzwischen weitgehend rekonstruiert werden konnte, wie und wann der Sprengstoffanschlag vorbereitet wurde. Die Spuren führen demnach in die Ukraine. Beweise dafür, wer die Attacke in Auftrag gegeben hat, fehlen demnach aber weiter.
Sechsköpfiges Team soll Aktion durchgeführt haben
Dem »Zeit«-Bericht zufolge sei etwa eine Jacht identifiziert worden, die mutmaßlich für die Geheimoperation verwendet wurde. Das Boot soll demnach von einer Firma mit Sitz in Polen angemietet worden sei, die offenbar zwei Ukrainern gehört.
Hinter dem Anschlag steckte demnach ein Team aus sechs Personen: fünf Männer und eine Frau. Laut »Zeit« bestand die Crew aus einem Kapitän, zwei Tauchern, zwei Tauchassistenten und einer Ärztin, die den Sprengstoff zu den Tatorten transportiert und dort platziert haben sollen.
Die Nationalität der Täter ist demnach unklar, offenbar wurden gefälschte Reisepässe eingesetzt.
Die Teilnehmer sollen dem Bericht zufolge am 6. September 2022 von Rostock aus in See gestochen sein. Die Ausrüstung für die Geheimoperation sei vorher mit einem Lieferwagen in den Hafen transportiert worden, heißt es.
Spuren von Sprengstoff hätten die Ermittler später etwa an einem Tisch im Inneren der Jacht nachweisen können.
Laut dem Bericht von ARD, Kontraste, SWR und »Zeit« soll ein westlicher Geheimdienst bereits im Herbst, also kurz nach der Zerstörung, einen Hinweis an europäische Partnerdienste übermittelt haben, wonach ein ukrainisches Kommando für die Zerstörung verantwortlich sei. Danach soll es weitere geheimdienstliche Hinweise gegeben haben, die darauf hindeuteten, dass eine proukrainische Gruppe verantwortlich sein könnte.
USA weisen jegliche Beteiligung zurück
Die Ukraine und ihre Verbündeten, darunter auch die USA selbst, waren in der Vergangenheit bezichtigt worden, den Anschlag verübt zu haben, um Russland zu schwächen. Belege für diese Darstellung gibt es jedoch nicht. Kiew bestreitet eine Verwicklung in die Attacke, die US-Regierung wies eine angebliche Enthüllungsstory über eine Drahtzieherschaft durch den Journalisten Seymour Hersh zuletzt ebenfalls zurück.
In Sicherheitskreisen wurde auch immer wieder die Möglichkeit einer sogenannten False Flag-Operation diskutiert. Demnach würden etwa bewusst Spuren gelegt, die ein bestimmtes Land als Verursacher erscheinen lassen sollen. Darauf, dass die Ukraine mit einem solchen Szenario bewusst hätte diskreditiert werden sollen, gibt es laut »Zeit« jedoch keine Hinweise.
Auch laut »New York Times« bleibt die konkrete Urheberschaft des Angriffs mit den durch die USA zusammengetragenen Informationen weiter offen. Dem Bericht zufolge soll es sich bei den Tätern um eine Gruppierung handeln, die gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin agiere. Es handele sich jedoch entweder um russische oder ukrainische Akteure, die für die Tat verantwortlich seien. US-amerikanische oder britische Staatsbürger seien den Informationen zufolge nicht an der Aktion beteiligt gewesen. Auch Russland bestreitet, für die Lecks verantwortlich zu sein.
Zur Anzahl der Personen in der Gruppe und den Auftraggebern machten die US-Ermittler der Zeitung zufolge keine Angaben. Auch über die Herkunft der Informationen und zur Stichhaltigkeit der Indizien gab es keine Details. Eine abschließende Bewertung sei weiter nicht möglich.
Womöglich doch kein staatlicher Auftraggeber?
Den von der Zeitung zitierten Quellen zufolge wurden die Sprengsätze an den Pipelines vermutlich durch erfahrene Taucher angebracht, die wohl nicht für das Militär oder Geheimdienste gearbeitet hätten. Es sei jedoch möglich, dass die Täter in der Vergangenheit Spezialtrainings erhalten hätten. Auch in US-Sicherheitskreisen besteht laut »New York Times« Uneinigkeit darüber, wie mit den spärlichen neuen Informationen umzugehen ist.
Die CIA kommentierte die neuen Erkenntnisse nicht. Ein Sprecher des Weißen Hauses verwies auf die von europäischen Behörden und Geheimdiensten durchgeführten eigenen Ermittlungen. Der Generalbundesanwalt (GBA) wollte sich auf Anfrage zu dem Bericht der »New York Times« nicht äußern. Auch der Bundesnachrichtendienst kommentierte den Bericht nicht, ein Sprecher verwies ebenfalls auf den GBA.
Deutschland, Schweden und Dänemark informierten Uno-Sicherheitsrat
Die Bundesregierung teilte auf Anfrage mit, man habe den Zeitungsbericht zur Kenntnis genommen. Deutschland, Schweden und Dänemark hätten zudem »vor wenigen Tagen« den Uno-Sicherheitsrat darüber informiert, dass die Untersuchungen zu dem Vorfall laufen, es aber noch kein Ergebnis gebe.
Bei der so genannten Energieversorgungssicherheitslage im Kanzleramt – eingerichtet nach Beginn des Krieges in der Ukraine – waren nach SPIEGEL-Informationen die Nordstream-Erkenntnisse trotz Rückfrage von Kanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck kein Thema. Nachrichtendienste behaupteten, es gäbe keine neuen Informationen.
Die insgesamt vier Lecks waren nach Explosionen in der Nähe der Ostseeinsel Bornholm entdeckt worden, jeweils zwei davon in den ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens. Bereits kurz nach Entdeckung der Lecks war vermutet worden, dass Sabotage dahintersteckt und sie durch vorsätzlich herbeigeführte Detonationen verursacht wurden.
Im vergangenen November hatte dann die schwedische Staatsanwaltschaft Sabotage als Ursache für die Pipeline-Explosionen bestätigt. Analysen hatten damals Sprengstoffspuren an mehreren entdeckten Fremdkörpern gezeigt. Durch die Pipeline Nord Stream 1 hatte Russland bis zum Lieferstopp Gas aus Sibirien nach Deutschland und in weitere europäische Länder gepumpt. Nord Stream 2 wurde wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine nie in Betrieb genommen.