Sabotagekrimi in der Ostsee Die dubiosen Spuren der Pipelineexplosionen

Dass die Explosionen an Nord Stream 1 und 2 kein Unfall sind, gilt mittlerweile als sicher. Was genau passiert ist – und wer dahintersteckt – ist hingegen unklar. Nun tauchen die ersten Spekulationen auf. Ein Überblick.
Auf diesen Wasserstrudel blickt Europa

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Foto: Planet Labs PBC / Handout / AFP

Nach den drei Lecks in Nord-Stream-Pipelines häufen sich die Spekulationen über die Hintergründe der Explosionen. Die EU und die Nato gehen von vorsätzlichen Sabotageakten aus, halten sich aber mit Schuldzuweisungen bedeckt – zu wenig Fakten sind bisher über die Explosionen vom Montag bekannt.

Erste Mutmaßungen einzelner Akteure dringen dennoch an die Öffentlichkeit – fast alle gehen von einer russischen Tat aus.

Ein Überblick der Anschuldigungen

  • Die britische »Times«  berichtet unter Berufung auf Geheimdienstkreise, »höchstwahrscheinlich« zeichne Russland für die Explosionen verantwortlich. Die Sprengsätze könnten demnach bereits vor Wochen oder Monaten an den Pipelines platziert worden sein. Zum Anbringen hätte es gereicht, mit einem kleinen Fischerboot in die Nähe zu fahren. »Sie [die Sprengsätze] hätten schon seit Monaten dort haften können und auf die Aktivierung zur Zündung warten können«, heißt es von der Quelle. »Russland hat absolut kein Druckmittel auf den Westen, außer diesem einen – Gas«, so der Geheimdienstler weiter.

  • Die »Tagesschau«  hat den Bundeswehrkommandeur Michael Giss interviewt. Er suggeriert ebenfalls, dass der Kreml hinter den Explosionen steckt. Zwar könnten Taucher die Sprengsätze anbringen, ein Einsatz von Spezialgerät sei aber wahrscheinlicher. Die Bundeswehr wisse, »dass es bei der russischen Marine Drohnen gibt – oder auch Kleinst-U-Boote –, die man für solche Zwecke nutzen könnte«, sagt Giss. Er könne sich auch vorstellen, dass schon im Vorfeld beim Bau der Pipeline bestimmte Maßnahmen getroffen wurden, »um ein solches Ereignis auszulösen«.

  • Auch die »Bild«-Zeitung  schließt private Akteure aus. Der Anschlag habe nur von absoluten Spezialisten durchgeführt werden können, sagte Jürgen Weber, Fregattenkapitän a. D., der Zeitung. »Eine nicht bestens ausgestattete Terrorgruppe ist bei den Tauchtiefen von bis zu hundert Metern kaum vorstellbar.« Die Region um Bornholm sei eines der »bestbewachten Seegebiete« weltweit. Wer nicht über ausreichend militärisches Gerät verfüge, könne kaum unbemerkt zu den Pipelines vordringen.

  • Russland selbst wies erste Vorwürfe zurück – und machte stattdessen die USA für die Lecks verantwortlich. Kremlsprecher Dmitrij Peskow sagte, es sei »dumm und absurd« zu vermuten, dass Russland hinter den Lecks stecke. Die Lecks seien für Moskau »ziemlich problematisch«, das teure Gas verschwinde nun »in der Luft«. Derweil hat die russische Generalstaatsanwaltschaft eigenen Angaben zufolge wegen der mutmaßlichen Sabotage an den Pipelines Ermittlungen wegen Verdachts des internationalen Terrorismus eingeleitet.

  • Washington wies die Anschuldigungen aus Moskau als »lächerlich« zurück. Die CIA hatte bereits vor Wochen vor möglichen Anschlägen gewarnt. Am Freitag wird sich der Uno-Sicherheitsrat mit Nord Stream befassen.

Das mehrheitlich russische Unternehmen Nord Stream selbst schreibt in einer Mitteilung von einer »physischen Beschädigung« der Pipeline. Man könne nicht sagen, wie lange eine Reparatur dauere. Es sei »nicht möglich, einen Zeitrahmen für die Wiederherstellung der Gastransportinfrastruktur abzuschätzen«.

»Robuste und geeinte Antwort«

In der EU sorgen die Explosionen für erhöhte Wachsamkeit. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell stellte eine »robuste und geeinte Antwort« der EU auf »vorsätzliche Störungen« der europäischen Infrastruktur in Aussicht. Borrell kündigte an, die EU werde »weitere Schritte unternehmen, um die Widerstandsfähigkeit unserer Energiesicherheit zu erhöhen«. Zuvor hatte bereits Norwegen erklärt, die Sicherheitsvorkehrungen an seinen Ölanlagen verstärken zu wollen. Oslo reagiert damit auch auf Drohnen, die Ölfirmen kürzlich rund um ihre Plattformen in norwegischen Gewässern gesichtet hatten.

Bei der Suche nach den Ursachen werden lokal schwedische und dänische Behörden zusammenarbeiten. Auch die deutsche Marine will sich beteiligen. Dazu stehe sie im Kontakt mit ihrem dänischen Amtskollegen, sagte Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD).

mrc
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