Nordkorea Die Legende vom Krisenmanager Kim

Mit dem Ausbruch des Coronavirus hat sich Nordkorea noch stärker abgeschottet, die Wirtschaft trifft das hart. Jetzt droht eine weitere Krise: Regenfälle überschwemmen Felder, Taifune zerstören Tausende Wohnungen.
Kämpft gegen Corona und Naturgewalten: Kim Jong Un

Kämpft gegen Corona und Naturgewalten: Kim Jong Un

Foto: KCNA VIA KNS / AFP

Dass harte Zeiten auf die ohnehin darbende nordkoreanische Bevölkerung zukommen, wurde deutlich, als Diktator Kim Jong Un zu Beginn des Jahres erklärte, man werde den "Gürtel enger schnallen" müssen. 

Die Wirtschaft des Landes war bereits gelähmt durch die Sanktionen, die die internationale Gemeinschaft verhängt hat, um das Regime von der Entwicklung von Atomwaffen abzubringen. 

Damals wusste Kim noch nichts von dem Coronavirus. Doch wenige Wochen nach seiner Botschaft ließ er wegen des Ausbruchs in der Stadt Wuhan die Grenzen zu China schließen. Das ohnehin weitgehend abgeschottete Nordkorea isolierte sich weiter - mit drastischen Folgen für die Wirtschaft und die Menschen im Land:

  • Der Handel zwischen China und Nordkorea brach im Frühling teilweise um 90 Prozent ein.

  • Im ganzen ersten Halbjahr 2020 sank er nach Schätzungen des südkoreanischen Wiedervereinigungsministeriums um zwei Drittel im Vergleich zum Vorjahr.

  • Unter der Grenzschließung leiden auch die Nordkoreanerinnen, die sonst Waren aus China auf den Märkten verkaufen.

Ein ungewöhnlich nasser und stürmischer Sommer verschärft die Probleme nun. Wochenlange Regenfälle und Überschwemmungen bedrohten im Juli und August die Ernte, jetzt rasen Taifune über die Region. Dutzende Menschen sollen gestorben sein, als der Sturm "Maysak" vergangene Woche Nordkorea traf. Tausende Wohnungen wurden zerstört, wieder gab es verheerende Überschwemmungen. Besonders betroffen ist die Region Hwanghae, wo Reis angebaut wird. 

Schon vor der Krise waren etwa elf Millionen Nordkoreaner mangelernährt. Sie leben von Ernte zu Ernte - ein einziger Ausfall ist für sie dramatisch. Das lässt sich auch mit staatlicher Propaganda nicht überspielen.

Bereits Mitte August musste Kim bei einem Treffen der Arbeiterpartei eingestehen, dass Nordkorea "wegen unvorhergesehener Schwierigkeiten" die Lebensumstände der Menschen nicht habe verbessern können und seine wirtschaftlichen Ziele verfehlt habe. Im Januar 2021 müsse ein neuer Fünfjahresplan entworfen werden, zitierten ihn die staatlichen Medien. 

Seither versucht er, sich als obersten Krisenmanager zu inszenieren, der mal Maisfelder überprüft, mal die lokalen Funktionäre rügt für ihre mangelhafte Vorbereitung. Am Samstag kritisierte er marode Deiche. Lokale Funktionäre in der von starkem Wind und Überschwemmungen betroffenen Hafenstadt Wonsan werden laut Staatsmedien nun "auf Schärfste" bestraft.

Gibt den Krisenmanager: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un

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Foto: KCNA / REUTERS

Erstmals begleitete das staatliche Fernsehen die Stürme mit Sondersendungen, zunächst mit Warnungen und später mit Bildern des Extremwetters. Knietief im Wasser standen die Berichterstatter, mit windzerzausten Haaren und regennasser Kleidung, was an westliche Fernsehreporter in ähnlichen Wetterlagen erinnerte.

Dies könnte ein Versuch Kim Jong Uns sein, nordkoreanisches Fernsehen moderner wirken zu lassen - so wie er sich auch gern als besorgter, moderner Landesvater inszeniert, wenngleich in seinem Staat schwerste Menschenrechtsverletzungen geschehen und geschätzt Zehntausende in politischen Lagern inhaftiert sind.

Das Wetter als Feind: Das nordkoreanische Regime kämpft aktuell mit den Folgen der Pandemie und Naturkatastrophen

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Foto: Cha Song Ho / AP

Das wahre Ausmaß der Sturmschäden - und die wirtschaftlichen Folgen - lassen sich nur erahnen. Denn die Abschottung, die Nordkorea seit Beginn der Coronakrise betreibt, führt auch dazu, dass es immer schwieriger ist, an verlässliche Informationen zu gelangen.

Viele internationale Organisationen und Botschaften haben in den vergangenen Monaten ihre Mitarbeiter abgezogen; sie durften sich noch weniger als ohnehin schon im Land bewegen. So gibt es immer weniger Beobachter, die zumindest einen kleinen Eindruck der Lage vor Ort weitergeben könnten.

Spezialisierte Websites wie "DailyNK " versuchen so gut es geht, aus Lebensmittelpreisen Hinweise auf die wirtschaftliche Lage abzuleiten. Demnach haben Straßenverkäufer zwar nicht die Preise gesenkt, verkaufen aber kleinere Portionen. Die Preise für Reis sind noch erstaunlich stabil, sagt die Marktanalystin Kang Mi-jin. Der Preis für Mais ist allerdings gestiegen.

Dies könnte darauf hinweisen, dass die Nordkoreaner auf Mais ausweichen müssen, weil Reis knapp werde, sagt Bernhard Seliger, Leiter der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul. Die Lage im Land sei nicht gut, "und die Fluten haben es sicher noch schwerer gemacht für die Menschen", so Seliger. 

Erhöhte Temperatur? Medizinisches Personal testet einen Mann auf Symptome des Coronavirus

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Foto: KCNA VIA KNS / AP

Tomás Ojea Quintana, der Uno-Sonderberichterstatter für die Menschenrechtslage in Nordkorea, mahnte bereits vor Wochen: "Der Mangel an Lebensmitteln hatte in den Neunzigerjahren verheerende Folgen, und die Aussicht, dass Nahrungsmittel noch knapper werden, ist alarmierend."

Auch wenn einige Beobachter vor einer Hungersnot wie in den Neunzigerjahren warnen  - Anzeichen dafür sieht der deutsche Experte Seliger nicht. Die verheerenden wirtschaftlichen Folgen werden aber wohl erst in einigen Monaten zu sehen sein, glaubt er.

Auch werden ausländische Helfer, die die Menschen jetzt unterstützen könnten, um die Sturmschäden zu beseitigen, gar nicht erst ins Land gelassen - offenbar aus Angst, das diese das Virus einschleppen könnten.

Dass das kommunistische Land frei vom Coronavirus ist, glauben Beobachter nicht. Auch die nordkoreanischen Behörden, die darauf anfangs beharrten, haben diese Behauptung in staatlichen Medien fallen gelassen. Wie viele Menschen sich tatsächlich infiziert haben könnten, ist unmöglich zu sagen.

Klar ist: Einen großen Ausbruch würde das schwache Gesundheitssystem nicht bewältigen können. Daher sind die Anti-Pandemie-Maßnahmen noch einmal verschärft worden in den vergangenen Wochen - nichts soll die Propaganda zum 75. Jubiläum der Kommunistischen Partei stören, das am 10. Oktober begangen wird. Die Vorbereitungen für die Militärparade laufen bereits. 

Das extreme Wetter jedoch entzieht sich der Kontrolle des autoritären Regimes. Seit diesem Montagmorgen tobt der nächste Sturm in der Region. In Japan waren Hunderttausende Haushalte ohne Strom, in Südkorea wurden Zugfahrten und Flüge storniert sowie Überschwemmungen und Erdrutsche gemeldet. Im Laufe des Montags trifft Taifun "Haishen" auf Nordkorea.

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