Mutter eines Utøya-Opfers »Ich habe realisiert, dass dieser Terrorist ein Niemand ist«

Lisbeth Røyneland verlor bei dem Attentat auf Utøya ihre Tochter Synne. Jahrelang hasste sie den Täter. Wie geht sie heute mit dem schweren Verlust um?
Lisbeth Røyneland zehn Jahre nach dem Mord an ihrer Tochter Synne: »Ich glaube, es ist notwendig, sich daran zu erinnern, wer all die Menschen waren, die getötet worden sind. Und wofür sie standen«

Lisbeth Røyneland zehn Jahre nach dem Mord an ihrer Tochter Synne: »Ich glaube, es ist notwendig, sich daran zu erinnern, wer all die Menschen waren, die getötet worden sind. Und wofür sie standen«

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Als ich erfahren habe, dass meine Tochter den Anschlag am 22. Juli 2011 nicht überlebt hat, war es, als würde ein Spiegel in mir zerbrechen. Als müsste ich die Teile wieder zusammensetzen. An einige Dinge aus diesen Tagen erinnere ich mich gar nicht, an andere ganz genau.

Ich habe den ganzen Nachmittag und Abend versucht, Synne anzurufen. Aber sie hat nicht geantwortet. Irgendwann fuhren wir in dieses Hotel nahe Utøya, wo sich alle Angehörigen versammelt hatten. Ich dachte, ich würde Synne einfach nur nach Hause holen – bis ich das Chaos gesehen habe. Einige der Überlebenden haben geschrien, andere haben sich umarmt. Viele hatten blutige Socken an, weil sie ohne Schuhe am Ufer der Insel entlang gerannt sind. An der Wand hing eine Liste mit Namen derer, die überlebt hatten. Wir haben die Liste rauf und runter gelesen, in jede Richtung. Aber wir haben Synnes Namen nicht gefunden.

Ich kenne meine Tochter. Sie hätte versucht, mich zu erreichen, wenn sie am Leben gewesen wäre. Und trotzdem habe ich gehofft, dass sie sich irgendwo versteckt hatte. Fünf Tage nach dem Anschlag sagte uns die Polizei, dass Synne tot aufgefunden worden sei – mit drei Kopfschüssen.

Noch heute bin ich wütend, wenn ich Bilder vom Polizeieinsatz sehe. Synne wurde um kurz nach 18 Uhr getötet. Laut dem Bericht der Untersuchungskommission wäre sie gerettet worden, wäre die Polizei schneller da gewesen. Aber das bringt sie mir auch nicht zurück. Ich kann sie nicht zurückholen, also verschwende ich keine Energie daran, darüber nachzudenken.

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»Sie hatte ihren eigenen Kopf«

Es war wirklich hart, die Familie zusammenzuhalten. Ich weiß, dass ich in der Zeit nicht die perfekte Mutter für meine ältere Tochter Kristina war. Meine Erinnerungen und Gedanken haben sich ständig um sich selbst gedreht. Ich war überzeugt, dass ich verrückt werde. Dass ich meinen Verstand verliere. Im September 2011 bin ich einer Selbsthilfegruppe beigetreten. Als ich mit anderen Eltern darüber gesprochen habe, habe ich realisiert: Ich drehe nicht durch. Es ist normal, sich so zu fühlen.

Ich hatte so viele schlimme Bilder im Kopf, Bilder von Schusslöchern und Leichen. Also habe ich psychologische Hilfe bekommen. Ich musste mich auf den Alltag konzentrieren. Nach einem halben Jahr Pause habe ich wieder in Teilzeit gearbeitet, nach einem Jahr in Vollzeit. Dadurch, dass ich wieder zur Arbeit gegangen bin und mit Kolleginnen und Kollegen sprechen konnte, haben sich meine Gedanken beruhigt.

Die Selbsthilfegruppe für Angehörige leite ich mittlerweile. Ich glaube, es ist notwendig, sich daran zu erinnern, wer all die Menschen waren, die getötet worden sind. Und wofür sie standen. Das ist wichtig, um gegen Terrorismus und Rechtsextremismus zu kämpfen. Denn das war nicht einfach ein Verrückter in einem Sommercamp. Das war ein Rechtsextremist, der unsere Kinder eins nach dem anderen niedergeschossen hat.

DER SPIEGEL

Für Breivik habe ich am Anfang tiefen Hass empfunden. Ich wollte ihn wirklich erschießen, ich habe davon geträumt. Während des Prozesses wollte ich erst nur im Gerichtssaal sein, wenn es um Synnes Fall gehen sollte. Am Ende war ich fast jeden Tag da. Währenddessen habe ich realisiert, dass dieser Terrorist ein Niemand ist. Mir ist egal, dass er eine schlechte Kindheit hatte. Viele haben eine schlechte Kindheit, aber sie werden nicht zu Terroristen. Das ist kein Grund.

»Irgendwann habe ich mir gedacht: Wenn ich diesen Hass in mir herumtrage, werde ich mich selbst und meine Familie zerstören.«

Irgendwann habe ich mir gedacht: Wenn ich diesen Hass in mir herumtrage, werde ich mich selbst und meine Familie zerstören. Also habe ich akzeptiert, dass uns diese schlimme Sache passiert ist. Mindestens fünf Jahre lang habe ich wirklich tiefe Trauer empfunden, danach hat es sich mehr dahin geändert, dass ich Synne vermisse. Für mich gibt es ein Leben vor dem 22. Juli 2011, und eins danach.

Ich komme jetzt klar. Ich bin glücklich, eine Großmutter zu sein. Meine ältere Tochter Kristina ist im Mai Mutter geworden. Es ist schön zu sehen, dass das Leben weitergeht. Aber vergessen werde ich all das nicht. Es wird ein Teil von mir bleiben. Diese Sache ist mir passiert und damit werde ich für immer leben müssen.

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