Lockdown in Österreich »Die Menschen fühlen sich verarscht«

Seit Dienstag gilt zwischen Bregenz und Wien der zweite harte Lockdown. Die Politiker schieben sich gegenseitig die Schuld zu, das Volk schwankt zwischen Zorn und Galgenhumor.
Von Walter Mayr Wien
Leere Einkaufsstraße in Wien: Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen

Leere Einkaufsstraße in Wien: Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen

Foto: Leopold Nekula / Viennareport / imago images

Franz Holzer hat sich nicht abhalten lassen. Er ist am Arbeitsplatz erschienen – um »eine Träne zu verdrücken« und um nach dem Rechten zu sehen.

Holzer gehört das vornehme Schuhgeschäft »Dominici« in der Wiener Ringstraßengalerie, einer von Zehntausenden Läden in Österreich, die an diesem Dienstagmorgen verriegelt bleiben. Die Regierung unter Bundeskanzler Sebastian Kurz hat zum zweiten Mal nach Mitte März einen landesweiten Lockdown verfügt, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Seit Mitternacht ist die Verordnung in Kraft. Sie sorgt dafür, dass außer in Banken, Apotheken und Geschäften zur Grundversorgung das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kommt. Eine zuvor bereits gültige Ausgangssperre wurde zusätzlich verschärft.

Trauriger Spitzenwert weltweit

Die dramatisch gestiegene Zahl von Ansteckungen zwischen Neusiedler See und Bodensee gab den Ausschlag: Mit 831 Neuinfizierten pro eine Million Einwohner erreichte Österreich am Wochenende vorübergehend einen traurigen globalen Spitzenwert. »Endlich Weltmeister«, vermerkte die Wiener Tageszeitung »Der Standard« mit bitterem Spott. Noch im Frühjahr hatte Kanzler Kurz viel darauf gehalten, dass sein Land »früher als andere« auf die Herausforderungen der Pandemie reagiert und »besser« abgeschnitten habe.

Und nun das: ein zweiter harter Lockdown bis zum 7. Dezember. Franz Holzer, der an zwei feinen Adressen der Wiener Innenstadt gediegenes Schuhwerk unter dem Motto »leistbarer Luxus« anbietet, räumt ein, dass er nicht weiß, ob und wie es für ihn weitergehen wird. Dem Geschäftsführer des Handelsverbands, der an diesem Morgen bei Finanzminister Gernot Blümel vorsprach, hat er deshalb eine Bitte mit auf den Weg gegeben: Die Regierung möge für den modischen Einzelhandel eine Entschädigung in Höhe von 80 Prozent des Vorjahresumsatzes veranlassen. »Wir waren im Oktober gerade dabei, uns zu erholen, obwohl die Touristen in Wien seit dem Frühjahr fast vollständig fehlen«, sagt Holzer. »Dann aber kam der Terroranschlag vom 2. November, nun kommt der zweite Lockdown, und demnächst muss ich das Weihnachtsgeld auszahlen.«

Schuhe seien zuletzt »das neue Klopapier« gewesen, heißt es in Wien: An die 200 Meter lang war die Schlange Einkaufswütiger, die am Montag, dem letzten Tag vor dem Lockdown, bei Holzers Konkurrenz um dramatisch reduzierte Schnäppchen anstanden – ein Menschenauflauf ausgerechnet in Zeiten staatlich verordneten Abstandhaltens, sinnbildlich für die zuletzt wenig überzeugende Corona-Bekämpfungsstrategie der Regierung in Wien.

Hiobsbotschaft für die Skisport-Nation Österreich

Noch im September hatte Gesundheitsminister Rudolf Anschober von den Grünen erklärt, bei der Meldung, es drohe ein zweites Herunterfahren des ganzen Landes, handle es sich nicht nur um eine Ente – nein, um eine ganze »Entenfarm«. Kanzler Kurz wiederum beharrt bis heute darauf, dass es »kein Fehler« gewesen sei, dem Volk einen »relativ normalen Sommer« ohne strenge Auflagen genehmigt zu haben.   

Nur, was bringt nun der Winter? Für die Tourismus- und Skisportbranche Österreichs sind die neuesten Nachrichten aus der Regierungszentrale und die Bilder verwaister Innenstädte Hiobsbotschaften.

Ski-Urlauber bei Open-Air-Konzert in Ischgl 2018

Ski-Urlauber bei Open-Air-Konzert in Ischgl 2018

Foto: Felix Hörhager / picture alliance / dpa

Der Finanzminister rechnet mit einem Haushaltsdefizit von mehr als sieben Prozent im kommenden Jahr – was ihm in der Budgetdebatte am Dienstag heftige Vorwürfe vor allem aus den Reihen der rechtspopulistischen FPÖ bescherte. Regierende und Opposition, im Bund wie im Land, aber auch Koalitionspartner untereinander schieben sich gegenseitig die Schuld zu. »Die Menschen fühlen sich verarscht«, fasst der Vizefraktionschef der Sozialdemokraten im Parlament zusammen.

Verwaiste Klassenzimmer, volle Intensivstationen

Hinzu kommt: Geschätzte zwei Millionen Schulkinder samt Eltern suchen seit Dienstagmorgen gemeinsam mit den Lehrern nach Wegen, die neue Situation zu bewältigen – Unterricht im Klassenzimmer gibt es nicht mehr. Gleichzeitig vermelden einzelne Krankenhäuser vor allem im Westen Österreichs bereits, ihre Intensivstationen arbeiteten am äußersten Limit. Die Zahl der Intensivpatienten steigt noch immer.

Sebastian Kurz aber zeigt sich, trotz leicht sinkender Zustimmungswerte, nach außen hin weiter unerschütterlich. Am vergangenen Mittwoch konferierte er per Videoschaltung einmal mehr mit den sogenannten »smart first-movers«, den Regierungschefs aus Ländern wie Dänemark, Norwegen und Israel, die sich als Vorreiter bei der Bekämpfung des Coronavirus verstehen. Mit Israels Premier folgte ein weiteres Telefonat am Sonntag – die rigiden Maßnahmen Benjamin Netanyahus, darunter das zeitweilige landesweite Verbot, sich mehr als tausend Meter vom eigenen Haus zu entfernen, imponieren dem 34 Jahre jungen Macher in Wien.

Und die nächste – allem Anschein nach nicht ausgereifte – Idee steht schon im Raum: Massentests nach dem Muster der Slowakei, wo in der Vorwoche fast die gesamte Bevölkerung im Alter zwischen zehn und 65 Jahren einem gigantischen Feldversuch mit einem bedingt verlässlichen Antigentest unterzogen wurde. Die Bilanz: Rund 50.000 Menschen, die von ihrer Infektion nichts wussten, wurde ein positives Ergebnis mitgeteilt.

Wer den Test in der Slowakei verweigerte, wurde zur Zwangsquarantäne verurteilt. Kanzler Kurz hingegen will die flächendeckenden Tests in Österreich nach Ende des zweiten Lockdowns auf freiwilliger Basis organisieren. Der Erkenntniswert droht entsprechend gering auszufallen.

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