Österreich Kurz und die Anti-Corona-Offensive

In einem gewaltigen Feldversuch will Österreichs Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz die Bevölkerung auf das Coronavirus testen lassen. Das Projekt ist umstritten.
Von Walter Mayr, Wien
Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz: Mehr als doppelt so viele Neuinfektionen wie in Deutschland

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz: Mehr als doppelt so viele Neuinfektionen wie in Deutschland

Foto: CHRISTIAN BRUNA/EPA-EFE/Shutterstock

Die Nervosität ist deutlich zu spüren, auch bei den Offizieren in der ABC-Abwehrschule des österreichischen Bundesheers in Korneuburg nördlich von Wien: Sie erwarten Stress in der Vorweihnachtszeit. Ein bevorstehender Großeinsatz wirft seine Schatten voraus.

Ab Mittwoch, 2. Dezember, läuft in Österreich ein in diesem Ausmaß nie dagewesenes Experiment im Kampf gegen das Coronavirus an, bei dem Soldaten des Bundesheers eine tragende Rolle spielen: Die als »Massentest« bezeichnete Überprüfung eines möglichst großen Teils der fast neun Millionen Menschen zählenden Bevölkerung. Zuerst in Wien, und dann von Vorarlberg und Tirol aus, wo die Situation am kritischsten ist, nach Osten bis hin zur ungarischen Grenze soll mittels Antigen-Test herausgefunden werden, wie viele Österreicher das Virus in sich tragen und nichts davon ahnen. Flächendeckend werden auch einzelne Berufsgruppen bevorzugt behandelt: zuallererst Lehrer, dann Polizisten und Menschen in Pflegeberufen.

Bei den geplanten Massentests handle es sich um »das offizielle Eingeständnis der Regierung, die Kontrolle über das Contact Tracing«, also über die Nachverfolgung von Infektionsketten, verloren zu haben, urteilt der Fachjournalist Köksal Baltaci in der »Presse«. Inzwischen gelinge es nicht einmal mehr in jedem fünften Fall, den sogenannten »Patienten Null«, also die Quelle einer Infektion, ausfindig zu machen. Mit enormem logistischem Aufwand versuche die Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz nun, Versäumtes wiedergutzumachen.

Sorge um Wintertourismus und Weihnachten

Gemessen an der Bevölkerungszahl infizieren sich in Österreich, verglichen mit Deutschland, derzeit mehr als doppelt so viele Menschen mit dem Virus. Die Sorge der Regierung um Vorweihnachtsgeschäft, Wintertourismus und Weihnachtsfest im Familienkreis ist verständlich. Doch es wirkt, als sei im Kanzleramt doch mit ziemlich heißer Nadel gestrickt worden beim Versuch, ein ganzes Land zum Antigen-Test zu bewegen.

Die Teilnahme soll auf freiwilliger Basis erfolgen – anders als beim Feldversuch in der Slowakei, wo Testverweigerern mit Ausgangssperre gedroht wurde. Unklar ist weiter, woher in kürzester Zeit Zehntausende möglichst medizinisch geschulte Kräfte für die Abwicklung der Tests rekrutiert werden könnten. Und, vor allem: was nach einem positiven Ergebnis passieren soll. Folgt dann ein zweiter Antigen-Test, oder ein deutlich verlässlicherer PCR-Test?

Bei einem vergleichbaren Massentest in Südtirol, den die Österreicher unter Leitung von Generalmajor Rudolf Striedinger aus nächster Nähe beobachteten, erwies sich knapp ein Prozent der Untersuchten als positiv. Auf die gesamte österreichische Bevölkerung gerechnet wären das fast 90.000 Infizierte, deren Kontakte dann dringend zurückverfolgt werden müssten. Selbst wenn nur die Hälfte der Bevölkerung zwischen Kitzbühel und den Karawanken sich zum Mitmachen entschließt, bleibt das Ganze eine schwer zu bewältigende logistische Herausforderung.

Als wahrscheinlich gilt außerdem, dass die Zahl der Testverweigerer den Nutzen des gesamten Projekts gefährden könnte. Da sind zum einen jene Skeptiker, die befürchten, wegen eines positiven Ergebnisses in Quarantäne zu müssen und dadurch um das Weihnachtsfest geprellt zu werden. Und da sind, zum anderen, notorische Maskengegner, Verschwörungstheoretiker, Fundamentalkritiker des Regierungskurses, die wenig Neigung zum Mitmachen zeigen.

»Massentests! Wenn ich das schon höre! Wir werden zu Vieh gemacht«, schäumt etwa die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz im »profil«: »Die Vorstellung vom Volk als Herde resultiert aus einem undemokratisch-katholischen Hirtengefühl, das mit heimtückischem Sendungsbewusstsein auf die Herde als formloses ›Wir‹ schaut.« Andere Kritiker formulieren handfestere Einwände: Ein negatives Testergebnis könnte als positives Signal für verschärfte Weihnachtsgaudi verstanden werden, was dann eine schöne Bescherung nach dem Christfest zur Folge hätte; umgekehrt würde ein irrtümlicherweise positiv gewerteter Test gesunde Menschen über die Feiertage in Quarantäne zwingen.

»Riesenprojekte sind immer Lernprojekte«, räumt Gesundheitsminister Rudolf Anschober von den Grünen ein, mit dem ihm eigenen Hang zu entwaffnender Ehrlichkeit und Optimismus. »Wir sollten jede Chance nutzen, um weitere Lockdowns zu verhindern«, sagt Kanzler Kurz, auch wenn »Massentests kein Allheilmittel« seien.

Es klingt, als stocherten die Regierenden in Wien noch kräftig im Nebel.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war von "Gurgeltests" statt von Antigen-Tests die Rede. Wir haben den Fehler korrigiert.

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