Digitale Gewalt Erst kämpfte sie für sich, jetzt kämpft sie für alle Frauen Mexikos

Ein online verbreitetes Sexvideo machte den Alltag von Olimpia Coral zur Hölle. Heute arbeitet die junge Mexikanerin dafür, dass digitale Gewalt als Straftat verfolgt wird. Mit Erfolg: Ein entsprechendes Gesetz trägt ihren Namen.
Olimpia Coral setzt sich für digitale Frauenrechte in Mexiko ein

Olimpia Coral setzt sich für digitale Frauenrechte in Mexiko ein

Foto: Maria Fernanda Ruiz
Globale Gesellschaft

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Olimpia Coral dachte immer, dass sie eine "gute Frau" werden würde, die heiraten, Kinder bekommen würde - und sonst "die Beine schließt", wie sie sagt. Sie war gerade 18 Jahre alt, als plötzlich jeder wusste, wie sie nackt aussieht.

Ihr damaliger Freund hatte intime Aufnahmen von ihr weitergegeben, ihn selbst kann man darauf nicht erkennen. Erst verbreitete sich das Video per Facebook und WhatsApp wie ein Lauffeuer durch das idyllische, konservative Städtchen Huauchinango im mexikanischen Bundesstaat Puebla, in dem Coral aufgewachsen ist.

Hunderttausende Täter: Betroffene von digitaler Gewalt werden immer wieder zum Opfer

Hunderttausende Täter: Betroffene von digitaler Gewalt werden immer wieder zum Opfer

Foto: Daniel Becerril / REUTERS

Dann griffen Zeitungen den vermeintlichen Sex-Skandal auf, berichteten über die gute Schülerin, die nun angeblich "verbrannt" sei, und präsentierten ihren Körper reißerisch auf Titelblättern. Ihr Name wurde zum Hashtag, in sozialen Netzwerken ließen Nutzer sich über Olimpia Coral aus, Pornoseiten veröffentlichten Kopien - und Hunderttausende Bekannte und Fremde sahen sich das Video an, teilten es weiter. "Es fühlt sich an wie eine Vergewaltigung, ohne dass dein Körper angefasst wird", sagt Coral, heute Ende 20, im Telefoninterview - "immer und immer wieder".

Machismo und Gewaltakte jeder Art gegen Frauen sind in Mexiko alltäglich. Jährlich werden Tausende Frauen brutal ermordet; häusliche Gewalt und Morde haben in der Pandemie noch weiter zugenommen. Die Gesellschaft gibt den Betroffenen oft die Schuld daran - weil sie sich falsch verhalten hätten, allein unterwegs gewesen seien, sich überhaupt mit Männern getroffen hätten oder anzüglich gekleidet gewesen wären.

Um derartigen Frauenhass und Femizide anzuprangern, hat sich in den vergangenen Jahren in Lateinamerika eine große Frauenbewegung gebildet, die bis zur Coronakrise laut und regelmäßig auf die Straße ging. In Mexiko haben Aktivistinnen und Opfer auch mitten in der Pandemie weiter protestiert und etwa die Büros zahlreicher Menschenrechtskommissionen besetzt.

Tausende von Mexikanerinnen gingen am 8. März 2020 für Frauenrechte auf die Straße

Tausende von Mexikanerinnen gingen am 8. März 2020 für Frauenrechte auf die Straße

Foto: FRANCISCO GUASCO/EPA-EFE/Shutterstock

Über das vergleichsweise neue Phänomen der digitalen Gewalt wird dagegen weltweit noch zu wenig diskutiert - obwohl sexuelle Übergriffe im Internet wie Belästigung und Vergewaltigungsdrohungen, die Verbreitung persönlicher Daten oder Nacktaufnahmen bis hin zur Überwachung durch technische Hilfsmittel wie Spionagesoftware brutale Folgen haben.

Täter zerstören den Ruf und das Selbstwertgefühl der Frauen, sie stalken und bedrohen sie online oder nutzen digitale Informationen, um Betroffenen im Alltag nachzustellen. Gewalttätige Partner terrorisieren ihre Frauen teils sogar mit smarten Geräten wie Lautsprechern oder Heizungen oder spielen Spionage-Apps auf ihr Handy oder das Telefon der gemeinsamen Kinder - sodass sie die Opfer selbst bei einer Flucht ins Frauenhaus orten können.

Dem kürzlich veröffentlichten Bericht "Free to be online? " von "Plan International" zufolge hat mehr als die Hälfte der weltweit befragten 14.000 Mädchen und jungen Frauen online bereits Belästigung oder Missbrauch erlebt. Sie können nicht mehr im Internet aktiv sein und sich äußern, ohne dass sie angegangen oder überwacht werden. Eine von vier Betroffenen fühlt sich dadurch auch physisch nicht mehr sicher.

Belästigung, Missbrauch, Erpressung: Viele Mädchen und Frauen erleben das Internet als unsicheren Raum

Belästigung, Missbrauch, Erpressung: Viele Mädchen und Frauen erleben das Internet als unsicheren Raum

Foto: Silvia Izquierdo / AP

Auch diese digitale Gewalt wächst derzeit offenbar: Olimpia Coral sammelt zusammen mit Mitstreiterinnen Vorfälle in Mexiko - vor der Coronakrise wurden ihr durchschnittlich drei Fälle pro Tag gemeldet, mittlerweile sind es fünf bis acht Fälle täglich. "Ein Großteil unseres Lebens und auch unserer Intimität hat sich während der Krise ins Internet verlagert", sagt Coral - parallel nehme das Missbrauchspotenzial zu.

Als das Video von Olimpia Coral öffentlich wurde, machten sich Mitschüler, Kollegen bei der Arbeit, aber auch Passanten auf der Straße über sie lustig - und gaben ihr die Schuld, dass solch eine Aufnahme überhaupt existiert. Sie verlor ihren Job als Assistentin bei einer lokalen Partei, weil sie angeblich einen schlechten Einfluss habe. Männer forderten sie zum Sex auf und luden sich ihre Facebook-Fotos herunter. "Die Leute haben mich hypersexualisiert, sie haben mich überhaupt nicht als Opfer gesehen oder das, was passiert ist, als Gewalt", so Coral. "Aber das Virtuelle ist real."

Sie schloss sich monatelang zu Hause ein, kam sich wie eine Kriminelle vor - dachte darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Erst als ihr bewusst wurde, dass vielen Mädchen und Frauen ähnliches passiert war, sie immer mehr Seiten online entdeckte, auf denen intime Bilder von Frauen ausgestellt und bewertet wurden, erkannte sie, dass sie Opfer war, nicht Täterin.

"Als Mädchen aus einer ärmeren, indigenen Familie in einem konservativen Umfeld habe ich lange nicht verstanden, dass ich ein Recht auf Intimität habe", sagt Olimpia Coral. "Ich hätte damals jemanden gebraucht, der mir sagt, dass ich keine Angst haben muss - und dass es nicht meine Schuld, sondern ein Verbrechen ist, das Video ohne mein Einverständnis zu teilen."

Sie wirkt im Gespräch kämpferisch, offen und energisch, hat eine kräftige Stimme und lacht oft laut - als Mädchen wurde ihr immer wieder gesagt, sie solle leiser sein, nur "vulgäre Frauen" würden so laut lachen. In Huauchinango gilt es für Mädchen und junge Frauen als unschicklich, vor der Schule oder vor dem Haus auf der Straße herumzustehen - wie Prostituierte.

"Du wächst mit diesen Klischees auf - und was du am wenigsten willst, ist, zu den Huren, den schlechten Frauen und Exhibitionistinnen zu gehören", erinnert Coral sich. "Ich dachte auch, dass Feministinnen einfach Frauen sind, die Männer hassen."

Olimpia bat ihre Mutter, ihr beim Sterben zu helfen

Sie hatte panische Angst, dass ihre Familie das Video sehen könnte und versuchte, seine Existenz geheim zu halten. Ihre Mutter ist Analphabetin und nutzt das Internet nicht - doch an einem Sonntag outete ihr damals 14-jähriger Bruder sie, indem er sein Smartphone auf den Tisch legte und einfach das Video vorspielte.

Als ihre Mutter zu weinen begann, weinte Olimpia Coral mit, warf sich auf die Knie, entschuldigte sich bei ihr und bat sie, ihr beim Sterben zu helfen. Die Reaktion überraschte sie: Ihre Mutter antwortete, dass sie alle Sex haben würden. "Der einzige Unterschied ist", so sagte ihre Mutter, "dass man dir nun beim Sex zusehen kann." Olimpia sei deswegen aber kein schlechter Mensch. "Die Frauen aus meiner Familie waren die Ersten, die mich nicht verurteilt, sondern mich unterstützt haben."

"Schlechte Frauen": Viele Mädchen wachsen mit konservativen Frauenbilder auf

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Foto: ULISES RUIZ / AFP

Coral rang sich dazu durch, zur Polizei zu gehen. Während sie vor einem Beamten am Schreibtisch saß, sah er sich das Video an, holte noch Kollegen dazu - und erneut wurde ihr Intimleben vor Fremden vorgeführt, nur, dass sie diesmal auch zusehen musste.

Dann fragte der Polizist sie, ob sie Drogen genommen habe, betrunken gewesen sei? Sie verneinte. Ob sie Sex gehabt habe, weil sie es wollte? "Ich sagte ja, und kam mir wieder vor wie eine Kriminelle", erinnert sich Coral. Er antwortete, dass er nichts tun könne - weil das Teilen des Videos nicht unter Strafe stand.

Es blieb nur noch die Flucht nach vorn.

Olimpia Coral teilt ihre Erfahrung, um anderen zu helfen - und kämpft für strengere Gesetze

Olimpia Coral teilt ihre Erfahrung, um anderen zu helfen - und kämpft für strengere Gesetze

Foto: Mario Arturo Martinez / imago / ZUMA Press

Kurz darauf, mit Anfang 20, flüchtete Coral aus der Provinz in die Hauptstadt Mexiko-Stadt, sie hatte damals keinen Job, kein Geld, schlief bei Freunden - aber sie fühlte sich zum ersten Mal verstanden, während "mich alle in Puebla verfluchten". Mit anderen Betroffenen, Anwältinnen und Frauen, die mit Gewaltopfern arbeiten, gründete sie das feministische Kollektiv "Frente Nacional para la Sororidad" (Nationale Front für Sororität).

Olimpia Coral und ihre Mitstreiterinnen verbünden sich mit lokalen Frauenbewegungen und analysieren, welche Formen digitaler Gewalt auftreten - dann drängen sie die Politiker zu Gesetzesreformen. Mit dem "Ley Olimpia", einem Reformpaket, das Olimpias Namen trägt, wird digitale Gewalt erstmals als Delikt erfasst und mit Strafen belegt - von Bußgeldern bis zu mehrjährigen Gefängnisstrafen.

Nicht nur Täter, die Fotos, Videos oder Tonaufnahmen mit intimen, sexuellen Inhalten ohne Zustimmung erstellen oder einverständlich angefertigtes Material unerlaubt weiterverbreiten, müssen sich verantworten - sondern auch, wer sich zum Komplizen macht, indem er solche Aufnahmen weiterverbreitet, reproduziert oder kommerzialisiert.

Puebla, der Bundesstaat, aus dem Coral flüchten musste, war schließlich auch der erste Bundesstaat, der Ende 2018 das "Ley Olimpia" einführte. Inzwischen haben 27 von 31 Bundesstaaten in Mexiko die Reform angenommen - Coral will sie landesweit durchsetzen. Zudem fehlen ihr zufolge häufig noch wirksame Protokolle, die Polizisten dabei anleiten, wie sie bei digitalen Verbrechen vorgehen und mit den Betroffenen umgehen sollen.

In ihrem neuen Leben ist Olimpia Coral Vollzeit-Aktivistin, ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Workshops und Vorträgen zu digitaler Gewalt. Sie ist schwer zu erreichen, arbeitet oft bis spät in die Nacht. Manchmal würden sie und ihre Mitstreiterinnen beschimpft oder sogar verprügelt, manchmal wolle sie hinwerfen, weil ihr so viel Hass entgegenschlage, erzählt Coral.

"In diesem Land regt es die Leute auf, wenn Frauen selbst bestimmen, wie sie leben wollen und sich durchsetzen, deswegen bedrohen sie uns mit Gewalt", glaubt Coral. "Dieses Video hat mich fast das Leben gekostet, jetzt ist es mein Antrieb, um weiterzuleben."

Olimpia Coral ist heute Vollzeit-Aktivistin

Olimpia Coral ist heute Vollzeit-Aktivistin

Foto: Mario Arturo Martinez / imago / ZUMA Press

Den Kontakt zu den meisten alten Freunden aus Huauchinango hat sie abgebrochen, sie hasst es, dort hinzufahren, weil die Stadt so viele schlechte Erinnerungen für sie birgt. Nur mit ihrer Familie spricht sie regelmäßig, am meisten vermisst sie gerade ihre Großmutter, die sie aufgrund der Pandemie nicht besuchen kann. "Manchmal denke ich, dass meine Familie gar nicht richtig versteht, was ich hier eigentlich mache", sagt sie. "Aber ich weiß, dass sie stolz auf mich sind."

Mit Bezug auf das "Ley Olimpia" laufen bereits erste Prozesse, in mindestens vier Bundesstaaten wurden erste Strafen verhängt. Im Juni 2020 wurde etwa ein 24-Jähriger  zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe, Bußgeld sowie Schmerzensgeld für die Opfer verurteilt. Er hatte Nacktaufnahmen von Studentinnen an seiner Universität über soziale Netzwerke verkauft.

Für Olimpia Coral ist das "Ley Olimpia" nicht nur ein Gesetzestext, sondern eine Bewegung, die digitale Gewalt sichtbar macht und den Blick auf Frauen und ihre Intimität verändern soll - und ein persönlicher Triumph. Denn selbst die, die sie lange für verrückt erklärt haben, müssten ihr nun doch zustimmen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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