"Operation Rubikon" BND und CIA sollen jahrzehntelang mehr als 100 Länder abgehört haben

Die Schweizer Firma Crypto AG stand schon länger im Verdacht, manipulierte Verschlüsselungstechnik an zahlreiche Länder verkauft zu haben. Jetzt belegen Dokumente laut Medienberichten, dass das Unternehmen BND und CIA gehörte.
Neue BND-Zentrale in Berlin: Keine Auskunft "zu Angelegenheiten, welche die operative Arbeit betreffen"

Neue BND-Zentrale in Berlin: Keine Auskunft "zu Angelegenheiten, welche die operative Arbeit betreffen"

Foto: Steffi Loos/ Getty Images

Der Bundesnachrichtendienst (BND) und der US-Auslandsgeheimdienst CIA haben offenbar über Jahrzehnte hinweg gemeinsam die verschlüsselte Kommunikation von mehr als 100 Staaten ausgespäht. Das berichtete das ZDF  unter Berufung auf Akten, die von führenden BND- und CIA-Mitarbeitern verfasst wurden.

Die "Washington Post" , die die Geheimdienstberichte mit dem ZDF und dem Schweizer Fernsehen  auswertete und analysierte, berichtete, dass sich Regierungen in aller Welt bei der Verschlüsselung ihrer Kommunikation auf die Schweizer Firma Crypto AG verließen - im Unwissen darüber, dass diese je zur Hälfte in Besitz der CIA und des BND gewesen sei und die Geheimdienste die Technik manipulierten, um die Verschlüsselung zu knacken.

Die an der Recherche zu dem Fall beteiligten Medien werteten nach eigenen Angaben rund 280 Seiten an bisher unveröffentlichten Dokumenten aus, die von führenden BND- und CIA-Mitarbeitern über die von 1970 bis 1993 laufende Operation verfasst worden waren. "Diplomatische und militärische Verkehre vieler wichtiger Länder der Dritten Welt, aber auch europäischer Staaten (...) konnten (...) flächendeckend mitgelesen werden", heißt es demnach in den Unterlagen. Die sogenannte Operation Rubikon werde als "eine der erfolgreichsten nachrichtendienstlichen Unternehmungen der Nachkriegszeit" bezeichnet.

Die Unterlagen weisen laut "Washington Post" zudem darauf hin, dass insgesamt mehr als 120 Länder zwischen den Fünfziger- und den Zweitausenderjahren Verschlüsselungstechnik der Firma verwendeten. Die Crypto International Group, die 2018 nach eigenen Angaben die Namensrechte "und andere Assets" der Crypto AG erworben hatte und in Schweden beheimatet ist, nannte die Berichte "sehr besorgniserregend". Das heutige Unternehmen habe keine Verbindungen zu CIA oder BND und mit der Crypto AG nicht mehr als den Namen gemein, hieß es in einer ersten Stellungnahme .

Der SPIEGEL hatte bereits 1996 über den Verdacht berichtet, dass deutsche und US-amerikanische Geheimdienste die Verschlüsselung der Crypto AG manipuliert haben, um in Krisenregionen besser spionieren zu können. In dem Text war die Rede von der "dreistesten Geheimdienstfinte des Jahrhunderts”. Das Unternehmen hatte dies damals als "reine Erfindung” bezeichnet.

Saudi-Arabien und Iran offenbar größte Abnehmer

Die größten Abnehmer für die manipulierten Verschlüsselungsgeräte waren den Berichten zufolge Saudi-Arabien und Iran. Jahrzehntelang seien deutsche und US-Stellen über die geheime Regierungskommunikation der iranischen Führung informiert gewesen, auch während der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran im Jahr 1979.

Die Dokumente belegten außerdem zum ersten Mal, dass BND und CIA frühzeitig über den Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende 1973 und schwere Menschenrechtsverletzungen durch die argentinische Militärjunta informiert gewesen seien. Von Deutschland und den USA weitergeleitete entschlüsselte Funksprüche der argentinischen Marine hätten außerdem 1982 entscheidend zum Sieg Großbritanniens im Falklandkrieg beigetragen.

Der BND teilte auf ZDF-Anfrage mit, er nehme "zu Angelegenheiten, welche die operative Arbeit betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung."

Der frühere Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer (CDU) bestätige die Geheimdienstoperation. "Die Aktion Rubikon hat sicher dazu beigetragen, dass die Welt ein Stück sicherer geblieben ist", sagte er dem ZDF. Der BND habe diese Zusammenarbeit mit der CIA aber 1993 beendet.

Schweizer Bundesrat leitet Untersuchung ein

Der Schweizer Bundesrat hat zu der Geheimdienstaffäre eine Untersuchung veranlasst. "Die zur Diskussion stehenden Ereignisse nahmen um 1945 ihren Anfang und sind heute schwierig zu rekonstruieren und zu interpretieren", teilte das Schweizer Verteidigungsministerium der Deutschen Presse-Agentur mit. Der Bundesrat habe daher am 15. Januar Niklaus Oberholzer, der bis Ende 2019 Bundesrichter war, damit beauftragt, die Faktenlage zu klären. Oberholzer soll bis Ende des laufenden Jahres Bericht erstatten.

Nach Angaben des Schweizer Verteidigungsministeriums wurde der Bundesrat des Landes im "Nachgang der Medienrecherchen" am 5. November 2019 über den Fall informiert.

mes/dpa/AFP
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