»Jungfräulichkeitstests« in Pakistan »Es hat nichts damit zu tun, wie viel Sex eine Frau in ihrem Leben hatte«

In Pakistan hat ein Gericht sogenannte Jungfräulichkeitstests bei Vergewaltigungsopfern verboten. Ein wichtiger Schritt. Doch die Sicherheit von Frauen im Land steht weiter jeden Tag auf dem Spiel.
Nach der Gruppenvergewaltigung einer Frau auf einer Landstraße in Pakistan protestierten im September 2020 in Karachi viele gegen sexuelle Gewalt

Nach der Gruppenvergewaltigung einer Frau auf einer Landstraße in Pakistan protestierten im September 2020 in Karachi viele gegen sexuelle Gewalt

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AKHTAR SOOMRO / REUTERS

Globale Gesellschaft

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In Pakistan sind es oft zwei Finger, die darüber entscheiden, ob ein Gericht einer Frau, die vergewaltigt wurde, Glauben schenkt. Ob ein Vergewaltiger Konsequenzen fürchten muss.

Der sogenannte Zwei-Finger-Test, auch als »Jungfräulichkeitstest« bekannt, ist in dem Land gängige Praxis bei der medizinischen Beurteilung mutmaßlicher Vergewaltigungsopfer. Es wird unter anderem untersucht, inwieweit das Hymen, Jungfernhäutchen genannt, intakt ist. Es wird angenommen, dass das Ergebnis Auskunft darüber gibt, in welchem Ausmaß die Frau sexuell aktiv ist. Was ebenso falsch und ohne wissenschaftliche Grundlage ist wie der Schluss, der dann gezogen wird:

Oft werden Frauen nach dem Test als unmoralisch, tugendlos eingestuft und der Missbrauch, den diese Frauen anzeigten, als einvernehmlicher Sex.

»Eine demütigende Praxis, um das Opfer in Verdacht zu bringen, anstatt sich auf den Angeklagten zu konzentrieren.«

Richterin Ayesha Malik am Obersten Gericht in Lahore

Anfang Januar hat das Oberste Gericht in Lahore diese Tests in der bevölkerungsreichsten Provinz Punjab verboten. Die Richterin am Lahore High Court, Ayesha Malik, sagte, die Tests seien »erniedrigend« und hätten »keinen forensischen Wert«. »Es ist eine demütigende Praxis, die benutzt wird, um das Opfer in Verdacht zu bringen, anstatt sich auf den Angeklagten und den Vorfall sexueller Gewalt zu konzentrieren«, sagte sie.

Aktivistinnen, Psychologinnen, Anwältinnen und Soziologinnen hatten zuvor in zwei Petitionen ein Ende der Tests gefordert. Sie feierten das Urteil als wichtigen Schritt für Frauen in Pakistan. Die pakistanische Menschenrechtsministerin Shireen Mazari schrieb nach dem Urteil bei Twitter, die Entscheidung sei ein »wegweisendes Urteil« gegen eine »erniedrigende und absurde« Praxis .

Die Anwältin Sahar Zareen Bandial hat eine der Antragstellerinnen vor Gericht verteidigt. Auch sie findet das Urteil wichtig. Im Gespräch mit dem SPIEGEL warnt sie aber, dass Gewalt gegen Frauen weiterhin Alltag in ihrem Land sei.

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privat

Sahar Zareen Bandial, Jahrgang 1985, studierte Rechtswissenschaften unter anderem an der University of Cambridge. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Gender und Antidiskriminierung und schreibt regelmäßig über Frauenrechte in Pakistan. Bandial vertrat eine der Frauen vor dem Obersten Gericht in Lahore, die sich für das Ende des Zwei-Finger-Tests einsetzten.

SPIEGEL: Frau Bandial, was bedeutet das Verbot des Zwei-Finger-Tests für Frauen in Pakistan?

Sahar Bandial: Dieses Urteil erklärt in sehr klaren Worten, dass diese Tests weder rechtmäßig noch verfassungskonform sind. Sie verletzen die Würde von Vergewaltigungsopfern, das Recht auf Privatsphäre, das Recht, vor dem Gesetz gleichberechtigt zu sein. Eine Art Rufmord. Ob es eine Vergewaltigung gegeben hat oder nicht, hat nichts damit zu tun, wie viel Sex eine Frau in ihrem Leben hatte. Jede Klägerin verdient denselben Schutz und Respekt vor dem Gesetz, mit Tugend hat das nichts zu tun.

SPIEGEL: Werden die Tests bald im ganzen Land verboten?

Bandial: Es ist ganz wichtig zu sagen: Diese Praxis hat überhaupt keine Grundlage im pakistanischen Gesetz. Es ist ein Überbleibsel aus kolonialen Zeiten, das unhinterfragt weiter betrieben wird. Vor Gericht haben wir Bespiele anderer islamischer Länder in Südostasien angeführt, in denen diese Tests verboten wurden. Bangladesch etwa hat den Test 2018 verboten, ebenso Afghanistan und Malaysia. Wir haben auch mit den Gesetzen in Großbritannien und den USA argumentiert, mit Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Laut den Vereinten Nationen haben die Tests keine klinische oder wissenschaftliche Grundlage.

SPIEGEL: Wie haben die Menschen in Pakistan das Urteil aufgefasst?

Bandial: Viele Frauen haben hinterher in den sozialen Medien über ihre Erfahrungen berichtet. Wie traumatisierend der Test für sie war, wie schrecklich unmenschlich. Sogar Ärztinnen und Ärzte, die solche Tests schon durchgeführt hatten, berichteten, dass sie die Praxis für nicht vertretbar halten . Insgesamt gab es keinen großen öffentlichen Widerstand, das ist eine gute Nachricht.

SPIEGEL: Erst im vergangenen Herbst wurde eine Frau auf einer Landstraße von einer Gruppe Männern vergewaltigt – vor den Augen ihrer beiden Kinder. In Karachi wurde kürzlich ein 14-jähriges Mädchen entführt, zum Islam zwangskonvertiert und zwangsverheiratet. Wie sicher ist das Leben für Frauen in Pakistan?

Bandial: Wissen Sie, ich bin 35 Jahre alt. Ich fühle mich heute viel sicherer als vor zehn Jahren in diesem Land. Vor 15 Jahren hätte ein pakistanisches Gericht vielleicht noch anders über die Zwei-Finger-Tests entschieden. Frauen sind sichtbarer und lauter in der Gesellschaft geworden. Aber die Antwort auf die Frage, wie geschützt der Körper von Frauen in Pakistan ist, bleibt deprimierend. Kinderehen sind ein riesiges Problem, häusliche Gewalt, Säureangriffe. Mädchen wird Bildung verwehrt, Frauen ihr Erbe. Es gibt Gesetze, die die Rechte von Frauen schützen, aber in der Praxis werden sie oft nicht angewandt. In der Praxis werden die männlichen Täter geschützt.

SPIEGEL: Ein weiteres Beispiel für diese patriarchalen Strukturen: Nur ein Bruchteil der Vergewaltigungsfälle in Pakistan landen überhaupt vor Gericht, in den seltensten Fällen werden Täter zur Verantwortung gezogen.

Bandial: Oft gibt es keine richtige Untersuchung. Beweise werden nicht gesichert. Bei medizinischen Untersuchungen wird die DNA-Analyse ausgelassen. Viele Frauen werden – auch von der eigenen Familie – unter Druck gesetzt, ihre Anklage fallen zu lassen. Die meisten Frauen trauen sich gar nicht erst, über das zu sprechen, was ihnen widerfahren ist. Sie wissen: Vergewaltigungen sind ein soziales Tabu, die Prozesse sehr aufreibend für die Opfer. Sie haben gesehen, dass oft der Spieß umgedreht wird – und sich am Ende der Ermittlungen die Frau rechtfertigen muss, anstatt der Täter. Damit sich grundsätzlich etwas ändert an dem Täter-Opfer-Ungleichgewicht, muss sich das Mindset von Richtern ändern, von Ermittlern, den Behörden. Dafür braucht es Trainings – und wir Frauen müssen weiter laut sein für unsere Rechte. So erfreulich das Gerichtsurteil jetzt ist – es muss noch viel geschehen, damit Frauen in Pakistan sicher sind.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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