Perus junge, politische Generation »Es lohnt sich zu kämpfen«

Mit ihren Massenprotesten haben Peruaner den Interimspräsidenten Manuel Merino zum Rücktritt gezwungen. Doch sie wollen noch mehr – über eine junge Generation, die aufgewacht ist.
Alejandra Thais, 24, setzt sich für den Wandel ein

Alejandra Thais, 24, setzt sich für den Wandel ein

Foto: privat
Globale Gesellschaft

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Sie wurden unfreiwillig zu Helden der jungen Generation, die in Peru den Interimspräsidenten Manuel Merino zu Fall gebracht hat: Die Studenten Inti Sotelo, 24, und Bryan Pintado, 22, wurden am vergangenen Wochenende bei Protesten in Lima von Polizisten regelrecht exekutiert, wie der Forensikbericht  zeigt: Bryan Pintado wurde mit zehn Bleikugeln in Schädel, Gesicht, Hals, Arm und Brust erschossen, Inti Sotelo bekam vier Schrotkugeln ab, eine davon ging ins Herz.

Die beiden jungen Männer hatten sich den Massenprotesten in Peru angeschlossen, nachdem der Kongress den Präsidenten Martín Vizcarra vor knapp zwei Wochen wegen Korruptionsvorwürfen des Amtes enthoben hatte – in vielen Städten Perus gingen seitdem täglich Tausende auf die Straße. Sie glauben, dass Vizcarra abgesetzt wurde, weil korrupte Politiker sich an die Macht klammerten. Denn der Präsident wollte gegen den Korruptionssumpf vorgehen, er hatte Reformen gegen die Wiederwahl und für eine Einschränkung der parlamentarischen Immunität unterstützt.

Ein Demonstrant hält ein Plakat mit den Gesichtern von Inti Sotelo und Bryan Pintado hoch

Ein Demonstrant hält ein Plakat mit den Gesichtern von Inti Sotelo und Bryan Pintado hoch

Foto: Aldair Mejia/EPA-EFE/Shutterstock

Auch die 24-jährige Alejandra Thais war bei den Protesten und erlebte eine Polizeigewalt, die so brutal war wie nie zuvor. »Sie haben uns mit Tränengasbomben angegriffen und mit Schrotkugeln geschossen – aber nicht in die Luft, um uns Angst einzujagen, sondern sie haben auf uns gezielt.« Mit ihren Freunden floh sie vor den Tränengasbomben, sie halfen auch anderen Demonstranten, die nichts mehr sehen oder riechen konnten.

Hunderte wurden bei den Massenprotesten von der Polizei verletzt, Dutzende wurden festgenommen und blieben bis zu drei Tage lang verschwunden. Doch die Demonstrierenden, darunter viele Jugendliche und junge Erwachsene, ließen sich trotzdem nicht von der Straße vertreiben.

»Wir haben gespürt, dass es sonst nie wieder einen Moment der Stabilität oder der Hoffnung geben wird«, sagt Thais. »Es gab so viele aufeinanderfolgende Regierungen und so viele Präsidenten, denen Korruption nachgewiesen wurde, dass die Bevölkerung es satthat, diese Menschen an der Macht zu sehen.«

Der Tod von Inti Sotelo und Bryan Pintado war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat – am vergangenen Sonntag musste Übergangspräsident Manuel Merino zurücktreten, nach nur fünf Tagen im Amt. Nun soll der Mitte-rechts-Politiker Francisco Sagasti die Regierungsgeschäfte bis zu den Wahlen im kommenden Jahr führen – doch die junge Generation in Peru ist noch nicht zufrieden.

Der neue Interimspräsident Francisco Sagasti übernimmt ein Land in der Krise

Der neue Interimspräsident Francisco Sagasti übernimmt ein Land in der Krise

Foto: HANDOUT / AFP

Die Massenproteste haben auch viele junge Peruaner mobilisiert, denen lange egal war, was die Regierung trieb. Rocío Rojas, 24, war bisher unpolitisch, informierte sich kaum, sie hatte das Gefühl, dass Politik nichts mit ihrem Leben zu tun hat. »Das hat sich jetzt völlig verändert«, sagt die Grafikdesignerin und Illustratorin aus Lima.

Auch ihre beiden Cousins, 20 und 23 Jahre alt, seien zum ersten Mal in ihrem Leben auf die Straße gegangen, um »gegen das falsche Spiel der Regierung« zu protestieren: »Es kam uns einfach wie eine Riesenungerechtigkeit vor, dass der Präsident aufgrund persönlicher Interessen einiger korrupter Kongressabgeordneter mitten in der Pandemie abgesetzt werden sollte«, so Rojas.

Für Rocío Rojas, 24, spielt Politik und Protest erst seit diesem Jahr eine größere Rolle

Für Rocío Rojas, 24, spielt Politik und Protest erst seit diesem Jahr eine größere Rolle

Foto: Gianfranco Peraza Arce

Die drei sind über soziale Netzwerke politisiert worden. Auf WhatsApp, Facebook, Instagram oder TikTok übersetzten junge Peruaner in den vergangenen Tagen die komplexe Staatskrise in simple Parolen und riefen zum Protest auf, sie teilten Videos, auf denen die Polizei brutal gegen Demonstranten vorgeht.

Auch internationale Influencer wie der Venezolaner La Divaza, dem auf YouTube mehr als zehn Millionen Menschen folgen, und der Spanier Jorge Cremades mit mehr als einer Million Fans, solidarisierten sich mit den Demonstrierenden.

»Über die sozialen Netzwerke haben uns die Nachrichten diesmal viel direkter erreicht, und sie erklären sehr komprimiert und leicht verständlich, was gerade passiert«, so Rojas. Sie glaubt aber auch, dass die Coronakrise und ihre direkten Folgen für den Alltag in den vergangenen Monaten selbst unpolitische Peruaner aufgerüttelt habe. Ihr sei in der Pandemie jeden Tag bewusster geworden, wie politische Entscheidungen und Misswirtschaft den Alltag prägen.

Corona-Hotspot: Peru hat eine der höchsten Sterblichkeitsraten pro Einwohner weltweit

Corona-Hotspot: Peru hat eine der höchsten Sterblichkeitsraten pro Einwohner weltweit

Foto: Rodrigo Abd / dpa

Die Regierung hatte im März einen strengen Lockdown verhängt, doch das Virus verbreitet sich dennoch rasant. Offiziellen Angaben zufolge haben sich bisher rund 940.000 Peruaner mit Corona infiziert, mit mehr als 35.000 Corona-Toten hat das 32-Millionen-Einwohner-Land eine der höchsten Sterblichkeitsraten weltweit .

Das Gesundheitssystem ist marode, die Krankenhäuser sind überfüllt, Sauerstoff ist knapp – wohlhabendere Peruaner kaufen sich auf dem Schwarzmarkt Sauerstoff zu Wucherpreisen.

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie treffen die Armen besonders hart. Rund zwei Drittel der Bevölkerung arbeitet im informellen Sektor, wer seinen Job verliert, ist nicht abgesichert und die Hilfen der Regierung reichen nicht . Währenddessen fließt ein Teil der staatlichen Gelder, die der Corona-Bekämpfung dienen sollen, in die Taschen korrupter Unternehmer und Politiker.

Die Staatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung  untersucht derzeit mehr als 120 Beschwerden über Unregelmäßigkeiten beim Kauf von medizinischer Ausrüstung oder Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, mehr als 300 Anzeigen prangern Misswirtschaft bei der Beschaffung und Verteilung von Lebensmitteln an. Auf die Millionen von Menschen, die hungern müssen, wirken die Skandale wie blanker Hohn. »Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass ein kollektives Bewusstsein entstanden ist«, glaubt Rocío Rojas. »Wir sind alle aufgewacht.«

Den Status quo infrage stellen

Cecilia Quiroz, die in der 86.000-Einwohner-Stadt Tacna nahe der Grenze zu Chile lebt, glaubt, dass die Massenproteste erst der Anfang waren. Die jungen Peruaner hätten gerade eine wichtige Lektion gelernt: »Wenn wir uns ein wenig mehr organisieren, können große Veränderungen stattfinden«, sagt sie. »Es lohnt sich zu kämpfen, es lohnt sich zu mobilisieren – und wir haben eine neue Normalität geschaffen.«

Cecilia Quiroz, 25, aus Tacna: »Es lohnt sich zu kämpfen«

Cecilia Quiroz, 25, aus Tacna: »Es lohnt sich zu kämpfen«

Foto: privat

Obwohl der neue Interimspräsident Sagasti versuchen wird, die Unruhe einzudämmen, geht die Historikerin Quiroz davon aus, dass die Jugend weiter auf die Straße gehen wird. Sie glaubt, dass die jungen Leute sich auch vom Blick ins Nachbarland inspirieren lassen: In Chile haben die Massenproteste seit dem vergangenen Jahr zu Zugeständnissen geführt, vor Kurzem stimmten die Chilenen bei einem Referendum dafür, dass die Verfassung neu geschrieben wird, die als Relikt der Pinochet-Diktatur gilt.

Damit wird auch Chiles neoliberales Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell auf den Prüfstand gestellt – zu den Forderungen der Protestbewegung zählt etwa, dass zentrale Sektoren wie Bildung, Wasser oder Gesundheit zukünftig stärker vom Staat anstatt von Privatunternehmen kontrolliert werden.

Auch in Peru ist die Ungleichheit enorm: In Cajamarca im Norden Perus, wo Quiroz aufgewachsen ist, sieht sie seit ihrer Kindheit, wie eine Minderheit mit Minen reich wird, während die Arbeiter ausgebeutet werden, die Natur zerstört und Grundwasser verschmutzt wird. Schon als Schülerin protestierte Quiroz deshalb gegen die geplante Mega-Gold- und Kupfermine Conga in der Region.

Wie in Chile machen auch in Peru Bürger ihre Wut hörbar, indem sie bei »cazeroleros« auf Töpfe und Pfannen schlagen

Wie in Chile machen auch in Peru Bürger ihre Wut hörbar, indem sie bei »cazeroleros« auf Töpfe und Pfannen schlagen

Foto: Rodrigo Abd / dpa

»Soziale Ungleichheit ist hier nichts Neues, aber die Folgen von mehr als 30 Jahren Neoliberalismus zeigen sich in der Coronakrise mit aller Härte«, sagt sie. »Die Regierung weist uns an, die Hände regelmäßig zu waschen, aber fast acht Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, an vielen Orten fehlen Abwassersysteme. Der Unterricht findet digital statt – aber etwa sechs Millionen Familien haben kein Internet.«

Cecilia Quiroz engagiert sich dafür, dass auch Peru eine neue Verfassung bekommt und fordert die Bevölkerung auf, über ihre Vorstellungen für ein neues Peru zu diskutieren. Sie will auch, dass Firmen politische Parteien nicht mehr finanzieren dürfen, weil sonst nur deren Wirtschaftsinteressen zählen – und dass die Polizei nicht weiter straflos töten  oder foltern kann. In abgelegeneren Region geht die Polizei häufig brutal gegen Arbeiter oder Ärmere vor – die Morde an Inti Sotelo und Bryan Pintado haben die Gewalt nun auch für die Hauptstädter in Lima sichtbar gemacht.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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