Pflegekräfte in der Pandemie »Wir fühlen uns wie Nummern«

Pflegekräfte in ganz Europa arbeiten schon lange am Limit. Sie klagen über Kündigungen per SMS, Wochenverträge, schlechte Bezahlung und psychische Probleme. Die Delta-Welle könnte die Situation nun weiter zuspitzen.
Pflegekräfte in Madrid demonstrieren gegen die Gesundheitspolitik der Regionalregierung

Pflegekräfte in Madrid demonstrieren gegen die Gesundheitspolitik der Regionalregierung

Foto: Alejandro Martinez Velez / Europa Press / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Am 1. Juni 2021 packt Krankenpfleger Joan Pons Laplana, 46, im Sheffield Teaching Hospital kurz vor 11 Uhr seine Tasche und geht, bevor die Schicht zu Ende ist. So endet sein vorerst letzter Arbeitstag. Laplana, vor 23 Jahren von Barcelona ins Vereinigte Königreich ausgewandert, erhielt 2018 die Auszeichnung als Großbritanniens »Pflegekraft des Jahres«, aber nun kann er nicht mehr. Er fühlt sich ausgebrannt. Kurz darauf wird ihm sein Arzt eine posttraumatische Belastungsstörung bescheinigen.

So wie ihm könnte es in den kommenden Wochen noch vielen von Laplanas Kolleginnen und Kollegen gehen. Seit über einem Jahr arbeiten Krankenschwestern und Pfleger in ganz Europa im Ausnahmezustand. Nun macht die Delta-Variante vielerorts alle Hoffnungen auf eine Entspannung der Lage zunichte. Für Pflegekräfte, die sich schon länger alleingelassen und ignoriert fühlen, ist das ein harter Schlag. Sie kämpfen mit psychischen Problemen, werden oft schlecht bezahlt und sollen mit unsicheren Arbeitsverhältnissen zurechtkommen. Aber es geht ihnen auch um Anerkennung und Respekt.

Spanien: Per SMS in die Arbeitslosigkeit

In Spanien wurden bereits im Mai Pflegekräfte per SMS und WhatsApp-Nachricht darüber informiert, dass ihre Verträge kurzfristig nicht verlängert würden. Die Regionalregierung von Valencia hatte die Stellen erst zu Beginn der Pandemie neu besetzt, doch jetzt, zum Ende der dritten Welle, wurden sie wieder eingespart. »Wir rechnen damit, dass es auch in anderen Regionen solche Pläne gibt«, schreibt Manuel Cascos, Vorsitzender der Gewerkschaft SATSE in einer Mail an den SPIEGEL.

Krankenschwester in einem spanischen Impfzentrum: Landesweit fehlen Zehntausende Pflegekräfte

Krankenschwester in einem spanischen Impfzentrum: Landesweit fehlen Zehntausende Pflegekräfte

Foto: Diego Radames+ / SOPA / LightRocket / Getty Images

Lisbet Alguacil ist eine derjenigen, die noch einmal Glück hatten. Am 24. Mai, kurz vor Feierabend, erfährt sie von ihrem Arbeitgeber, dass sie weiterhin als Krankenschwester gebraucht werde. Eine Woche vor Auslaufen ihres Vertrags wusste sie nun, dass es weitergeht, zumindest noch einmal für ein halbes Jahr. Zur gleichen Zeit wurde etlichen Kolleginnen und Kollegen klar, dass sie bald arbeitslos würden.

»Wir fühlen uns wie Nummern«, klagt Alguacil, »Nicht einmal die Auswahlkriterien waren fair. Es gibt Kolleginnen, die nach fünf Jahren entlassen wurden und jetzt auf der Straße stehen. Andere sind neu dabei und durften bleiben. Wer soll das verstehen?«

Alguacil selbst arbeitet seit anderthalb Jahren mit Sechsmonatsverträgen. Um überhaupt eine Arbeitsstelle zu haben, ist die ausgebildete Fachkrankenschwester als Pauschalistin überall dort, wo sie gebraucht wird. Derzeit hilft sie bei den Impfungen. Die letzte Vertragsverlängerung per SMS erhielt sie davor im vergangenen Herbst. »Ich fürchte, dass es noch lange Zeit so weitergehen könnte«, sagt die Spanierin.

42 Prozent hatten bloß einen Zeitvertrag

Tatsächlich ist die Situation in Spanien besonders prekär. Das Gesetz erlaubt Arbeitsverträge, die auf wenige Tage oder Wochen beschränkt sind. Im Gesundheitsbereich hatten im vergangenen Jahr 42 Prozent aller Angestellten bloß einen Zeitvertrag. »Diese Bedingungen machen es schwieriger, neue Arbeitskräfte zu gewinnen und zu halten«, warnt Gaetan Lafortune, Gesundheitsexperte der OECD.

Dabei fehlten bereits heute Zehntausende Beschäftigte, kritisiert Gewerkschaftschef Cascos: »Wir sind mit 5,9 Pflegekräften auf 1000 Einwohner das Schlusslicht in Europa. Der Durchschnitt liegt bei 9, Deutschland hat 13.« Um auf den europäischen Durchschnitt zu kommen, benötige Spanien mehr als 87.000 zusätzliche Pflegekräfte. »Die Lage ist absolut prekär.«

Sechs von zehn spanischen Pflegekräften fühlen sich ausgebrannt

Die chronische Unterversorgung hat laut Cascos bereits heute Konsequenzen und könnte sich mit der vierten Welle und der Ausbreitung der Deltavariante noch weiter zuspitzen. Laut einer Untersuchung der spanischen Pflegegewerkschaft leiden neun von zehn Beschäftigten unter Stress. Sechs von zehn klagen über »profesional quemado« – einen Burn-out. Viele seien durch die Pandemie längst körperlich und seelisch erschöpft. »Die gesundheitlichen Probleme haben deutlich zugenommen«, so Cascos.

Schon in den vergangenen Jahrzehnten litt Spanien unter massiver Abwanderung. Sollten die Arbeitsbedingungen so bleiben, könnte sich die Situation nach der Pandemie nicht erholen, sondern schlimmer werden.

Pflegekräfte in einem italienischen Impfzentrum warten auf neue Besucher

Pflegekräfte in einem italienischen Impfzentrum warten auf neue Besucher

Foto: Emanuele Cremaschi / Getty Images

Bislang profitiert das Gesundheitssystem des Landes womöglich noch davon, dass Ausnahmezustand herrscht und es in anderen Staaten kaum besser aussieht. Joan Pons Laplana, der nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger nach Sheffield auswanderte, klingt heute desillusioniert. »Unsere Arbeit erfährt grundsätzlich keine Wertschätzung. Wir sind die größte Gruppe von Menschen im Gesundheitsbereich, doch man sieht uns nicht.« In Talkshows und Medienberichten kämen Ärztinnen und Ärzte zu Wort, aber keine Pflegekräfte. »Wir sind ein Heer von Unsichtbaren, das sich mit dieser Rolle zu lange abgefunden hat.«

Großbritannien: 12.000 Anrufe bei der psychologischen Notfallberatung

Nachdem Großbritannien jahrzehntelang das Ziel von Einwanderern gewesen ist, haben sich die Vorzeichen spätestens seit dem Brexit auch hier verändert. Der Druck sei schon vor der Pandemie hoch gewesen, jetzt sei er kaum noch auszuhalten, klagen Expertinnen und Betroffene. Der nationale Gesundheitsdienst NHS spricht längst selbst vom härtesten Jahr seiner Geschichte. Eine im vergangenen Jahr eingerichtete Notfallnummer wurde nach eigenen Angaben allein bis zum Frühjahr 2021 mehr als 12.000 Mal kontaktiert. Die Laura Hyde Foundation, die sich um Suizidprävention im Gesundheitssystem kümmert, berichtete kürzlich  von Hunderten Gefährdeten, die um Hilfe gebeten hätten.

Die große Frage ist längst, wie es nach der Pandemie einmal weitergehen soll.

Italien war das erste Land in Europa, das vom Coronavirus überrollt wurde. Auch hier klagen Mitarbeitende und Gewerkschaften über die Arbeitsbedingungen. Das Verhältnis von Pflegekräften zu Einwohnern ist nur unwesentlich besser als in Spanien. Bis 2018 habe es zehn Jahre lang keinen neuen Tarifvertrag gegeben, klagt Giancarlo Go, Sekretär der Gewerkschaft FPCGIL. Seitdem sei es kaum besser geworden, wegen der Pandemie fehle bis heute ein wirklicher Plan.

Italien: Weniger Gehalt, als vor der Pandemie zu erwarten war

Außer einzelnen Bonuszahlungen von 100 bis 200 Euro habe sich in den vergangenen Monaten nichts getan, findet Go. Weil durch Corona die meisten Weiterbildungen ausgefallen seien, verdienten heute viele Pflegekräfte sogar weniger, als vor der Pandemie zu erwarten gewesen sei. »Es ist respektlos, wie mit unseren Leuten in dieser schwierigen Zeit oft umgegangen wurde.«

Pflegekräfte in Großbritannien fordern zum Geburtstag des nationalen Gesundheitssystems NHS bessere Bezahlung

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Foto: Mark Kerrison / In Pictures / Getty Images

Die fehlenden Perspektiven seien trotz Rekordsummen aus dem Wiederaufbauplan ein grundsätzliches Problem. Bislang sei vieles nur vage angekündigt und außer einem Programm für kommunale Pflegekräfte nichts umgesetzt. Vor allem die jüngeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verließen unter diesen Umständen den Job. »Viele wissen nicht mehr, wie sie die vierte Welle überstehen sollen«, warnt Go. »Wir erhalten derzeit jede Woche Nachrichten von Kolleginnen, die aufhören und die Krankenhäuser verlassen.«

Gleichzeitig steigt mit dem rasanten Anstieg der Fallzahlen erneut der Druck. Die in anderen Ländern diskutierte Impfpflicht gilt in Italien bereits seit April. Go und seine Kollegen hielten sich damals mit Empfehlungen zurück. Tatsächlich, sagt der Gewerkschafter, müsse er aber anerkennen, dass die Pflicht ihr Ziel erreicht habe. Nur noch zwei Prozent des Personals im Gesundheitssektor seien heute ungeimpft. Er sieht es als Zeichen: »Wir haben unseren Teil erfüllt. Jetzt liegt es an der Regierung, dass uns geholfen wird.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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