Dutertes Krieg gegen die Drogen Die zerstörten Familien von Manila

Ihr Mann wurde erschossen, Verdacht: Drogenbesitz. Während sie selbst hochschwanger in einem philippinischen Gefängnis saß, Verdacht: Dealerei. Wie die siebenfache Mutter es schafft, trotzdem weiterzumachen.
Eine Reportage aus Manila von Maria Stöhr und Kimberly dela Cruz (Fotos)
Lourdes’ Mann war eines der ersten Todesopfer in Rodrigo Dutertes sogenanntem Krieg gegen die Drogen auf den Philippinen

Lourdes’ Mann war eines der ersten Todesopfer in Rodrigo Dutertes sogenanntem Krieg gegen die Drogen auf den Philippinen

Foto: Kimberly dela Cruz / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Es gibt noch das Loch in der Sofalehne, kreisrund und vielleicht zwei Zentimeter im Querschnitt, dort, wo die Kugel, nachdem sie sein Herz durchschlagen hatte, aufs Polster traf. Aber laut der Todesurkunde ist Constantino de Juan, Müllsortierer, Philippiner, Vater, Ehemann, an Bluthochdruck gestorben.

Manila, die Hauptstadt der Philippinen. Hier leben 15 Millionen Menschen. Viele von ihnen in kleinen Hütten und Häuschen in Barangays – kleinen Vierteln, in denen die schmalen Wege nicht befestigt sind, wo Katzen und Hunde mit kranken Augen zwischen Kindern spielen. Wo Frauen ihre Flipflops anhaben, bis deren Gummisohlen bis auf ein paar Millimeter abgetragen sind.

Lourdes, 39 Jahre alt, Mutter von sieben Kindern, lebt im Barangay mit dem Namen Payatas im Osten der Stadt. Dort sind viele Junk-Shops zu finden, kleine Müllhalden hinter Zäunen, wo Männer frühmorgens den gesammelten Müll aus der Nacht abladen. Auf einer dieser Halden hat Constantino gearbeitet, Lourdes’ Ehemann.

Spielende Kinder in Payatas, Manila, gegenüber von Lourdes’ Haus

Spielende Kinder in Payatas, Manila, gegenüber von Lourdes’ Haus

Foto: Kimberly dela Cruz / DER SPIEGEL
Armenviertel in Manila

Armenviertel in Manila

Foto: Ezra Acayan / NurPhoto / Getty Images

In Payatas sitzt Lourdes, die in dieser Geschichte nur bei ihrem Vornamen genannt werden soll, in ihrer Hütte, die aus einem größeren Raum und einem kleinen, mit Tüchern abgetrennten Nebenzimmer besteht. Es ist Ende April. Sie erzählt die Geschichte ihrer Familie. Lourdes war nicht dabei, als es passierte, aber sie hat die Abläufe wieder und wieder gehört. Von ihrer Tochter, den Nachbarn, von denen, die Zeugen wurden, an dem Morgen Anfang Dezember 2016:

Lourdes während des Gesprächs: »Während Dutertes Präsidentschaft haben so viele Kinder ihren Vater verloren«

Lourdes während des Gesprächs: »Während Dutertes Präsidentschaft haben so viele Kinder ihren Vater verloren«

Foto: Kimberly dela Cruz / DER SPIEGEL

Als Constantino zum Geburtstag seiner Tochter Spaghetti kochte und die Polizei die Hütte der Familie stürmte. Die Polizisten trugen Uniform. Sahen den Ehemann kochen. Die Tochter, zwölf Jahre alt, wollte ihren Vater nicht allein lassen, umarmte ihn. Die Polizei griff nach ihr. Der Vater flehte. Dass sie ihn festnehmen sollten. Er kniete vor ihnen. Weil er gehört hatte, dass die einzige Chance zu überleben sei, sich zu ergeben.

Sie rangen ihn nieder, drückten ihn auf den Sessel. Trafen ihn dreimal, Kopf, Herz, Brust. Die Tochter, sitzend, daneben. Sie gaben an, Drogen, Geld und eine Waffe gefunden zu haben. Aber Lourdes sagt: »Das haben sie ihm untergeschoben.«

Drei Männer, sagt Lourdes, seien bei der Razzia an diesem Tag in Payatas gestorben; Constantino und zwei Nachbarn, sie wurden zu ersten Opfern in Rodrigo Dutertes sogenanntem Krieg gegen die Drogen.

Der Krieg

»Meine Kampagne gegen Drogen wird nicht enden bis zum Ende meiner Amtszeit. Das sind von jetzt an sechs Jahre. Bis der letzte Dealer und der letzte Drogenbaron tot ist.«

So lauten die Worte, die Rodrigo Duterte wählte bei einer Rede kurz nach seinem Amtsantritt  2016, dem Jahr, in dem die Wählerinnen und Wähler ihn zum neuen Präsidenten der Philippinen machten. Während er sprach, imitierte Duterte mit einer Geste einen Schnitt durch die Kehle. Die Menge kreischte begeistert, rief: »Duterte, Duterte.«

2016 erklärte der neu gewählte Präsident Duterte einen »Krieg gegen Drogen«: In der Folge wurden Nacht für Nacht potenzielle Dealer oder Konsumenten erschossen

2016 erklärte der neu gewählte Präsident Duterte einen »Krieg gegen Drogen«: In der Folge wurden Nacht für Nacht potenzielle Dealer oder Konsumenten erschossen

Foto: Ezra Acayan / Getty Images

30.000 Opfer, schätzen Menschenrechtsorganisationen, hat Dutertes »Krieg gegen die Drogen« seitdem gekostet – Menschen, die willkürlich ermordet wurden, von Sicherheitskräften oder vermummten Unbekannten, weil sie vermeintlich Drogen besaßen oder nahmen. Darunter mehr als 60 Anwälte, die Drogenabhängige verteidigt hatten. Die wenigsten Fälle wurden aufgeklärt oder vor einem Gericht verhandelt.

Männer tragen den Sarg mit einem Toten, der im Zuge einer Drogenrazzia erschossen wurde (2017 in Caloocan, Manila)

Männer tragen den Sarg mit einem Toten, der im Zuge einer Drogenrazzia erschossen wurde (2017 in Caloocan, Manila)

Foto: Ezra Acayan / NurPhoto / Getty Images

In seinen Reden hatte Duterte Polizisten und die Bevölkerung von Anfang an aufgewiegelt: »Wenn ihr irgendwelche Abhängigen kennt, geht und tötet sie. Deren Eltern dazu zu zwingen, wäre zu schmerzhaft für sie.« Die Leichen von Süchtigen würden »die Fische in der Bucht von Manila fett machen«. Das Ergebnis: Polizisten schossen, statt mutmaßlichen Gesetzesübertretern Gerichtsprozesse zu gewähren. Mit dem Segen des Präsidenten. Der Internationale Strafgerichtshof ICC in Den Haag ermittelt gegen Duterte wegen möglicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Am 9. Mai wählen die Menschen auf den Philippinen eine neue Präsidentin oder einen neuen Präsidenten. Dutertes Amtszeit endet. Wie in Zukunft die Drogenpolitik im Land aussieht, ist ungewiss; zuletzt waren die Tötungen zurückgegangen.

Aber was ist mit denen, die zurückbleiben? Den Frauen, Kindern, Freunden, Eltern der Toten. Wie schaffen sie das: Weitermachen?

Die Lebenden

Das Café, in dem Lourdes seit ein paar Jahren arbeitet, hat einen großen Tresen, davor ein paar Hocker an der Fensterfront. Es liegt zwischen Trödelläden und Bars, eine ruhige Ecke im sonst unruhigen Manila. Draußen zwei weitere Tischchen. Lourdes kommt an sechs Tagen im Monat hierher, bereitet Cappuccino und Iced Latte für die Kundschaft zu.

Lourdes im Café, das von Pater Flavie gegründet wurde – gezielt, um den Hinterbliebenen des Drogenkriegs zu helfen

Lourdes im Café, das von Pater Flavie gegründet wurde – gezielt, um den Hinterbliebenen des Drogenkriegs zu helfen

Foto: Kimberly dela Cruz / DER SPIEGEL

Das Café wurde gegründet von Pater Jun, einem katholischen Priester, der ein Projekt mit dem Namen »Paghilom« führt; es dient dazu, den Hinterbliebenen Hilfe zukommen zu lassen. Zum Beispiel, indem man den Witwen der toten Männer eine Arbeit verschafft.

Auf den Treppenstufen hinauf zum ersten Stock des Cafés steht auf Englisch mit weißer Farbe geschrieben: »Es ist ein illegaler Krieg gegen die Drogen. Und es ist noch nicht mal ein Krieg gegen die Drogen. Es ist ein Krieg gegen die Armen.«

Die Frauen, die nach den nächtlichen Erschießungen zurückblieben, sagt Pater Jun, stünden ganz allein da. Müssen die Kinder ernähren, während der Verdienst des Mannes fehlt. Viele Kinder, viele Frauen werden Zeuginnen der Ermordungen und sind mit dem Trauma allein.

Menschen trauern an einem Tatort, an dem ein Mann von der Polizei erschossen wurde

Menschen trauern an einem Tatort, an dem ein Mann von der Polizei erschossen wurde

Foto: Jes Aznar / Getty Images

Der Priester hat nach Dutertes Amtsantritt angefangen, nachts durch die Barangays zu fahren und die Tatorte zu fotografieren. Zehn, fünfzehn tote Männer seien es oft gewesen, in einer Nacht. Er dokumentierte, was es heißt, wenn der mächtigste Mann im Land Menschen zum Abschuss freigibt.

Lourdes verdient im Café 537 Pesos pro Schicht, das sind knapp zehn Euro. Sie sagt, es reiche nicht, um die Strom- und Wasserrechnung zu bezahlen. Deshalb näht sie an den anderen Tagen Taschen und Masken für ein weiteres Hilfsprojekt.

Lourdes sagt, ihre Tochter, die die Schüsse auf ihren Vater mitangesehen hat, sei vor der Pandemie manchmal zu einem psychologischen Dienst gegangen. Sie spreche kaum über das, was damals passierte. Sie selbst komme im Café mit anderen Leuten ins Gespräch und auf andere Gedanken. Manchen erzählt sie ihre Geschichte.

Lourdes bereitet einen Kaffee zu. Sie arbeitet an sechs Tagen im Monat hinterm Tresen, doch das Geld reicht nicht

Lourdes bereitet einen Kaffee zu. Sie arbeitet an sechs Tagen im Monat hinterm Tresen, doch das Geld reicht nicht

Foto: Kimberly dela Cruz / DER SPIEGEL
Das Café in Cubao, Manila, in dem Lourdes arbeitet: Manchen Gästen erzählt sie ihre Geschichte

Das Café in Cubao, Manila, in dem Lourdes arbeitet: Manchen Gästen erzählt sie ihre Geschichte

Foto: Kimberly dela Cruz / DER SPIEGEL

Der Grund, warum Lourdes den Morgen, an dem ihr Mann starb, nicht persönlich miterlebt hat, ist, dass sie da schon vier Monate im Gefängnis saß.

Lourdes war im achten Monat schwanger, als am 9. August 2016, wie sie erzählt, Polizisten ihre Hütte vom Hintereingang aus stürmten. Duterte war damals seit zwei Monaten im Amt. Es sei mitten in der Nacht gewesen. Sie suchten nach dem Ehemann, aber der war draußen, beim Arbeiten, mit der Müllkolonne unterwegs.

»Nimmst du Drogen?«, hätten sie Lourdes gefragt. Sie sagt, sie habe »nein« gesagt und dass sie schwanger sei. Sie durchsuchten das Haus. Fanden 200 Pesos, 3,60 Euro. Lourdes sagt, sie hätten das Geld wie einen Beweis in die Höhe gehalten, ihr vorgeworfen, eine Dealerin zu sein. Sie festgenommen und auf die Polizeiwache Nummer 6 gebracht. »Du hast 24 Stunden, um uns zu sagen, wo dein Mann ist«, hätten sie gesagt.

Lourdes sagte nichts. Kam für ein Jahr und neun Monate ins Gefängnis, verurteilt nach Sektion fünf des »Comprehensive Dangerous Drugs Act«: illegaler Drogenhandel.

Lourdes bringt ihr siebtes Kind im Gefängnis zur Welt. »Ich habe mich darauf konzentriert, am Leben zu bleiben«, sagt sie. Die Schwiegermutter kümmert sich um die sechs Kinder zu Hause.

Lourdes hatte keine Gelegenheit, sich von ihrem Mann zu verabschieden. Sie erinnert sich, dass sie ihn noch warnte, er solle nicht mehr nach Hause kommen. Dass dort im Viertel schon die Killer unterwegs seien.

Der Tote

Lourdes schaut am 6. Dezember 2016 die TV-News beim Abendessen im Gefängnis. Sie erkennt ihre Wohngegend. Sie hört, dass drei Männer umgebracht wurden. Dann sieht sie ihre Schwiegermutter, die ein verstörendes Interview gibt. Sie versteht.

Sie sagt: »Wir waren glücklich, wir waren komplett. Dann verschwand in einer kurzen Sekunde unser Leben.«

Bilder an der Wand in Lourdes’ Wohnung zeigen ihre Kinder und, in der Mitte, ihren erschossenen Mann Constantino

Bilder an der Wand in Lourdes’ Wohnung zeigen ihre Kinder und, in der Mitte, ihren erschossenen Mann Constantino

Foto: Kimberly dela Cruz / DER SPIEGEL

Wenn man Lourdes fragt, ob ihr Mann Drogen genommen hat, dann sagt sie nicht Nein. Sie macht dann eine Pause, bevor sie antwortet. Ihr Mann habe manchmal etwas genommen, damit er wach bleibt. »Als Energy-Boost«, sagt sie. Er habe den Konsum kontrollieren können.

Die Droge, um die es vor allem geht in den Stadtvierteln von Manila, heißt »Shabu«. Ein Methamphetamin. Es macht wach, putscht auf, verdrängt den Hunger. Es macht schnell abhängig. Es ist billig. Es ist, zu Pulver zerdrückt und in der Zigarette geraucht, das Mittel für viele, die wenig Geld für Essen haben, aber eine kräftezehrende Arbeit, vielleicht zwei oder drei Schichten am Tag.

Drogenpolitik könnte zum Beispiel sein, die Ursachen für den Konsum zu bekämpfen, also: mehr soziale Absicherung, mehr Unterstützung für Familien in bestimmten Gegenden, höhere Lohnniveaus, günstigere Lebensmittelpreise. Eine flächendeckende Betreuung Süchtiger. Aber es scheint leichter, mit Gewehren durch die Viertel der Armen zu ziehen. Wer draufgeht, ist schuldig.

Duterte hatte in seiner gesamten Amtszeit stets hohe Beliebtheitswerte. Die Menschen mögen ihn, weil sie das Gefühl haben, dass er durchgreift. Er hat seinen Krieg gegen die Drogen zuerst als Bürgermeister der Stadt Davao durchgezogen, dann als Präsident im ganzen Land. Viele, die man auf der Straße fragt, haben das Gefühl, ihre Wohngegend sei seit Duterte tatsächlich sicherer geworden.

Verlässliche Untersuchungen, wie groß das Drogenproblem auf den Philippinen tatsächlich ist, fehlen aber. »Wir können deshalb das wahre Ausmaß des Problems nicht erkennen«, schreibt etwa der Kriminologe Raymund E. Narag im philippinischen Onlinemedium »Rappler« . Wie viele Abhängige gibt es im Land im Vergleich zu früher, wie groß ist die gefühlte Problematik? Kann niemand sagen. Was bedeutet, dass auch die Bilanz schwerfällt: ob in den vergangenen sechs Jahren unter Duterte der Shabu-Konsum zurückgegangen ist.

Lourdes’ Hund Gangster in der Wohnung in Payatas, Manila

Lourdes’ Hund Gangster in der Wohnung in Payatas, Manila

Foto: Kimberly dela Cruz / DER SPIEGEL

Lourdes, auf dem Sofa in ihrem Haus, neben dem Einschussloch in der Lehne, hat aber eine Bilanz, sie sagt: »Während Dutertes Präsidentschaft haben so viele Kinder ihren Vater verloren.«

»Es ist, als hätte er uns das Recht zu leben genommen.«

Sie sagt, manchmal fühle sie sich müde und schwach. Es sei nicht leicht, eine Mama zu sein, wenn man Witwe ist. Aber sie sage sich, sie müsse weitermachen, die Kinder durchbringen, damit sie die Schule beenden. Damit sie nicht den Schmerz erleben müssen, den sie trage.

»Den Killern ist bis heute nichts passiert«, so Lourdes. »Ich verlange, wie so viele, Gerechtigkeit.«

Pater Jun, aus dem Kaffeeladen, hat erwirkt, dass der Leichnam von Constantino de Juan exhumiert und gerichtsmedizinisch untersucht wird. Bald soll Lourdes die Urne mit der Asche ihres Mannes erhalten. Es gibt jetzt einen zweiten Totenschein, den der SPIEGEL einsehen konnte, mit einer zweiten Todesursache: Tod durch Erschießen. Die Täter: unbekannt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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