Uno-Umweltversammlung in Nairobi Eine Welt ohne Plastikmüll – wer macht mit?

Sind Einwegverpackungen bald Geschichte? Die Uno-Umweltversammlung will Plastikmüll den Kampf ansagen und verhandelt seit Tagen über ein internationales Abkommen. Heraus kam bislang ein Deal mit einigen Hintertüren.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Dandora, eine der größten Müllkippen Ostafrikas in Nairobi

Dandora, eine der größten Müllkippen Ostafrikas in Nairobi

Foto: Zakaria Ahmed / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Ein Bagger schiebt stinkenden Abfall zusammen, um Platz zu machen für noch mehr übel stinkenden Abfall. Wie dieser dystopisch wirkende Ort genau heißt, fragt der norwegische Umweltminister Espen Barth Eide seine Assistentin. Dandora heißt der Ort, es ist eine der größten Müllkippen Ostafrikas. 3000 Tonnen Müll landen hier täglich, die Hälfte davon Plastikabfälle.

Neben dem Minister steht am vergangenen Samstag, ebenso im grünen Kittel, Inger Andersen, Präsidentin des Uno-Umweltprogramms. Die beiden betonen immer wieder und fast wortgleich, warum die Journalisten, Delegierten und Sicherheitsleute gerade in Gummistiefeln durch den Müll waten: »Dieser Ort ist eine starke Erinnerung daran, dass wir ein rechtlich verbindliches Plastikabkommen brauchen.« Schon bei der Produktion müsse angesetzt werden, wenn möglich nur noch wiederverwertbares Plastik hergestellt werden.

Espen Barth Eide, norwegischer Umweltminister und UNEA-Vorsitzender auf der Müllkippe in Nairobi. 3000 Tonnen Müll landen hier täglich, die Hälfte davon Plastikabfälle

Espen Barth Eide, norwegischer Umweltminister und UNEA-Vorsitzender auf der Müllkippe in Nairobi. 3000 Tonnen Müll landen hier täglich, die Hälfte davon Plastikabfälle

Foto: Zakaria Ahmed / DER SPIEGEL

Zwei Tage später sitzen Andersen und Eide in Kenias Hauptstadt Nairobi auf dem Podium der Uno-Umweltversammlung UNEA, deren Vorsitzender Eide ist. Die Kittel haben sie gegen Anzüge getauscht. Sie erzählen noch einmal von ihrem Trip nach Dandora, präsentieren einen Hammer, gefertigt aus recyceltem Plastik von der Müllkippe. Damit wollen sie am Mittwoch das Plastikabkommen offiziell auf den Weg bringen.

Vor der Tür steht eine Kunstinstallation, ein Wasserhahn, der Unmengen von Plastikmüll ausspuckt. An Symbolik mangelt es wahrlich nicht. Immerhin hat die Uno das Thema als »eine der wichtigsten umweltpolitischen Entscheidungen seit dem Pariser Klimaabkommen« angekündigt.

Allein der Krieg in der Ukraine macht der hoffnungsfrohen Stimmung einen Strich durch die Rechnung. Ein EU-Vertreter mahnt in seiner Eröffnungsrede an, dass dieses Treffen von »einem Akt der Aggression überschattet« werde und verurteilt Russlands Einmarsch in der Ukraine scharf. Sichtlich erbost wirft ihm kurz darauf der russische UNEA-Delegierte »Heuchelei« vor und wiederholt die russische Propaganda zur vermeintlichen Entnazifizierung der Ukraine. Sonst gibt man sich auf der UNEA sichtlich Mühe, das Thema zu ignorieren.

Doch am Ende hatte der Krieg wohl noch eine andere, eher überraschende Konsequenz: Er hat laut Verhandlungsteilnehmern möglicherweise zu einem schnelleren Ergebnis geführt. »Wir hatten Bedenken, dass der Konflikt in letzter Sekunde alles noch zum Kippen bringt«, erzählt ein deutscher Delegierter, der vor Ort an den vorbereitenden Sitzungen teilgenommen hat.

Uno-Umweltversammlung in Nairobi

Uno-Umweltversammlung in Nairobi

Foto: DANIEL IRUNGU / EPA

Also beeilt man sich, es wurde über das Wochenende und in mehreren Nachtschichten verhandelt. Am frühen Montagmorgen, dem Eröffnungstag der UNEA, stand bereits der fertige Kompromiss, ein gemeinsam erarbeiteter Resolutionsentwurf. Viel schneller als die meisten Beobachter es vermutet hatten. Nun fehlt nur noch der offizielle Beschluss durch die Umweltministerinnen und -Minister am Mittwoch, er gilt aber eher als Formsache. Was steht also drin in dem Papier? Kann es die Plastikverschmutzung von Meeren, Stränden und Städten beenden?

Der Knackpunkt wird gleich in der Überschrift aufgegriffen: »Auf dem Weg zu einem rechtlich bindenden Abkommen«. Lange wurde im Vorfeld des Gipfels darüber gestritten, wie verbindlich die Resolution am Ende sein sollte. Vor allem Indien schoss quer, wollte eine rein freiwillige Lösung – und brachte eine entsprechende Gegen-Resolution ein. Auch die USA waren zurückhaltend, und die Lobbyisten der Plastikindustrie versuchten mit Hochdruck eine allzu strenge Lösung zu verhindern. Gleichzeitig wollten 60 Länder, darunter Deutschland, unbedingt ein verbindliches Papier verabschieden. Keine einfache Ausgangslage für die Verhandlungsführer.

Heraus kam ein Kompromiss: Das Abkommen soll im Grunde verbindlichen Charakter haben, einzelne Elemente aber freiwillig bleiben. In spätestens zwei Jahren soll es unterschriftsreif sein, ein weiteres Gremium muss nun die Detailverhandlungen übernehmen.

Mehrfach wird in der Resolution eine »nachhaltige Herstellung« von Plastik angemahnt, die schon das Produktdesign neu denken soll. Heißt: weg von Einwegplastik. Das wäre eine radikale Kehrtwende, bisher werden gerade einmal neun Prozent des Mülls wiederverwertet. Einwegverpackungen in Supermärkten oder in Plastik eingeschweißte Elektronikprodukte könnten damit der Vergangenheit angehören.

»Wir wussten, dass es ein Kompromiss werden wird. Am Ende haben wir aber mehr erreicht, als wir uns vorgestellt haben«, sagt ein deutscher Unterhändler sichtlich zufrieden. Doch andere sind weniger optimistisch. »Ich würde dem Abkommen eher die Schulnote drei geben«, sagt der Unterhändler eines anderen europäischen Landes im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Denn die ganz zentrale Frage, wie robust es am Ende sein wird, bleibt völlig offen.« Der Resolutionsentwurf klärt nämlich nicht, welche Forderungen im verbindlichen und welche im freiwilligen Teil landen werden.

»Ich fürchte, dass sich Länder wie die USA so eine Art Pariser Klimaabkommen vorstellen: Auf dem Papier verbindlich – aber am Ende wird nur festgeschrieben, dass überhaupt Ziele formuliert werden müssen«, sagt ein Verhandlungsführer. Ohnehin wird das Plastikabkommen nur für die Länder verpflichtend sein, die es am Ende auch unterzeichnen.

Vor der Tür des UNEA-Hauptgebäudes in Nairobi steht eine Kunstinstallation: ein Wasserhahn, der Unmengen von Plastikmüll ausspuckt

Vor der Tür des UNEA-Hauptgebäudes in Nairobi steht eine Kunstinstallation: ein Wasserhahn, der Unmengen von Plastikmüll ausspuckt

Foto: Daniel Irungu / EPA

Skeptisch macht auch, von wem am Montagabend lobende Worte kommen: Ausgerechnet von der Plastiklobby, die im Vorfeld der Verhandlungen laut Medienberichten so vehement gegen harte Maßnahmen gekämpft hatte. »Wir unterstützen den Resolutionsentwurf und freuen uns darauf, künftige Möglichkeiten zur Teilnahme am Prozess wahrzunehmen«, schreibt die Lobbygruppe American Chemistry Council auf SPIEGEL-Anfrage. Tatsächlich sieht das Papier vor, dass Interessengruppen am weiteren Prozess direkt beteiligt werden.

Die großen Umweltschutzorganisationen reagieren hingegen zurückhaltend. »Wir fordern ein starkes, rechtlich verbindliches Abkommen«, schreibt Greenpeace. Zur verhandelten Resolution will sich die Organisation aber erst konkret äußern, wenn sie final beschlossen wurde.

Das wird am Mittwoch passieren, wenn die Umweltminister in Nairobi zusammenkommen. Die Uno plant eine feierliche Veranstaltung, inklusive Reggae-Band. Einwegbesteck ist selbstverständlich tabu, die Symbolik soll stimmen. Der Plastikhammer aus Dandora liegt bereit – wenn die Minister nicht noch in letzter Sekunde einen Rückzieher machen. Gelegenheit dazu hätten sie aber auch in den kommenden zwei Jahren noch mehr als genug.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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