Sorge vor Eskalation des Krieges Polen spricht von Einschlag von Rakete aus russischer Produktion

In Polen sind offenbar eine Rakete oder Raketenteile eingeschlagen, zwei Menschen wurden getötet. Die polnische Armee ist in erhöhter Alarmbereitschaft, die Nato trifft sich zur Krisensitzung.
Nach möglichem Treffer einer Rakete: Eine Rauchwolke steigt im polnischen Grenzgebiet zur Ukraine auf

Nach möglichem Treffer einer Rakete: Eine Rauchwolke steigt im polnischen Grenzgebiet zur Ukraine auf

Foto:

Stowarzyszenie Moje Nowosiolki / REUTERS

Eine tödliche Explosion in der polnischen Ortschaft Przewodów schürt die Sorge vor einer weiteren Eskalation des Krieges in der Ukraine. Zwei Menschen sind dort am Dienstagnachmittag getötet worden, als eine womöglich fehlgeleitete Rakete aus Russland auf dem Gelände einer landwirtschaftlichen Anlage nahe der Grenze zur Ukraine einschlug.

Polens Außenministerium sprach in der Nacht zumindest davon, dass eine Rakete aus russischer Produktion die Explosion verursacht habe. Staatspräsident Andrzej Duda erklärte wenig später jedoch, dass man noch keinen abschließenden Beweis habe, wer die Rakete abgefeuert habe.

Was genau ist passiert?

Russland hatte am Dienstagnachmittag die Ukraine mit Raketen angegriffen – und das in einer Intensität wie schon lange nicht mehr. Am Nachmittag ertönte in der gesamten Ukraine der Luftalarm, kurz darauf waren in vielen Städten Explosionen zu hören. Ein Sprecher der ukrainischen Luftwaffe sprach von etwa hundert Raketen, die Russland insgesamt abgefeuert habe. Es wäre der zweitgrößte Raketenangriff seit Beginn der Offensive am 24. Februar.

Am Abend meldete zunächst der polnische Hörfunksender ZET, zwei verirrte russische Raketen dieser Attacke seien in Przewodów eingeschlagen, dabei seien zwei Menschen gestorben. Die Feuerwehr in der Region bestätigte die Explosion und die Todesfälle, konnte aber noch keine mögliche Ursache nennen.

Über Twitter verbreitete Fotos sollen den Einschlagsort zeigen:

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Wie reagiert Polen?

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki rief den nationalen Sicherheitsrat für den Abend zu einer Krisensitzung zusammen. Dort fiel der Beschluss, einen Teil der Streitkräfte des Landes in erhöhte Bereitschaft zu versetzen. Dies gelte auch für andere uniformierte Dienste, sagte Regierungssprecher Piotr Muller in Warschau.

In der Nacht erklärte das polnische Außenministerium, dass in Przewodów um 15.40 Uhr (Ortszeit) eine Rakete aus russischer Produktion eingeschlagen sei. Der russische Botschafter in Warschau sei einbestellt worden, um »sofort detaillierte Erklärungen« für den Vorfall zu liefern.

Przewodów nach der Explosion: Die Polizei patrouilliert

Przewodów nach der Explosion: Die Polizei patrouilliert

Foto: Wojtek Jargilo / EPA

Premierminister Morawiecki erklärte am Abend, die Behörden arbeiteten noch daran, die Ursache der Explosion in Przewodów festzustellen. Seine Regierung habe entschieden, den Luftraum noch genauer zu überwachen. Morawiecki rief seine Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren.

Polens Regierung erklärte zudem, prüfen zu wollen, ob sie Artikel 4 der Nato-Charta in Kraft setzen müsse. In Artikel 4 sichern sich die Nato-Staaten »Konsultationen« in allen Fällen zu, in denen ein Mitglied »seine territoriale Integrität, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit« gefährdet sieht. Daraus gehen aber nicht zwingend gemeinsame Schritte hervor.

Artikel 4 ist deutlich weniger weitreichend als der in Artikel 5 geregelte Bündnisfall. Dieser sieht im Falle eines »bewaffneten Angriffs« auf einen oder mehrere Mitgliedstaaten eine kollektive Antwort vor. Artikel 5 wurde in der 73-jährigen Nato-Geschichte nur ein einziges Mal von einem Mitgliedsland bemüht: von den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Was sagen die Nato und die westlichen Staaten?

In der Nacht teilte die Nato mit, dass sich das Bündnis am Mittwoch auf Botschafterebene zu einer Dringlichkeitssitzung treffen werde. Eine Nato-Sprecherin erklärte, bei dem Treffen werde es um den »tragischen Vorfall« in Polen gehen. Die Sitzung findet aber offenbar noch nicht auf Basis des Artikel 4 statt. Polens Präsident Duda nannte es in der Nacht aber sehr wahrscheinlich, dass sein Land Artikel 4 aktivieren werde.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte vor voreiligen Reaktionen: »Wichtig ist, dass alle Tatsachen festgestellt werden«, schrieb Stoltenberg nach einem Telefonat mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda auf Twitter. »Die Nato beobachtet die Situation, und die Bündnispartner stimmen sich eng ab.« Stoltenberg sprach weder von Raketen noch von Russland, sondern vielmehr von einer »Explosion in Polen«.

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Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums in Washington erklärte, es gebe momentan keine Informationen, um die polnischen Medienberichte zu einem angeblichen russischen Raketeneinschlag zu bestätigen. Auch das Weiße Haus teilte mit, die Berichte könnten derzeit nicht bestätigt werden. Am Abend sprach US-Präsident Joe Biden mit dem polnischen Präsidenten, wie dessen Kanzleichef Jakub Kumoch mitteilte.

Außenministerin Annalena Baerbock zeigte sich betroffen. »Meine Gedanken sind bei Polen, unserem engen Verbündeten und Nachbarn«, schrieb die Grünenpolitikerin am Dienstagabend auf Twitter. »Wir beobachten die Situation genau und stehen in Kontakt mit unseren polnischen Freunden und Nato-Verbündeten.«

EU-Ratspräsident Charles Michel erklärte, die EU stehe an der Seite Polens. Auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen zeigte sich besorgt. »Wir beobachten die Situation genau«, twitterte sie.

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Die deutlichsten Reaktionen kamen aus den baltischen Staaten. Der lettische Verteidigungsminister Artis Pabriks schlug vor, die Nato könne Luftverteidigung für Polen und »einen Teil des Territoriums der Ukraine« bereitstellen. »Eine der Möglichkeiten wäre eine Vereinbarung zwischen Nato-Mitgliedstaaten und Polen über die Bereitstellung zusätzlicher Flugabwehr, auch in einem Teil des Territoriums der Ukraine«, twitterte er.

Der estnische Außenminister Urmas Reinsalu sagte, sein Land berate sich mit Verbündeten über eine »gemeinsame und entschlossene Reaktion«. Es handele sich um einen äußert ernsten Vorfall.

Was sagt Russland?

In einer ersten Reaktion wies das Verteidigungsministerium in Moskau jegliche Verantwortung von sich. Die Explosionen seien nicht durch russische Raketen verursacht worden. Nahe der ukrainisch-polnischen Grenze habe es keine Angriffe mit russischen Waffen gegeben. Es handele sich bei dem Vorfall um eine »absichtliche Provokation, die darauf zielt, die Situation zu eskalieren«. Wrackteile, die Berichten zufolge am Tatort gefunden wurden, hätten »nichts mit russischen Waffen zu tun«.

Kremlsprecher Dmitri Peskow teilte später am Abend mit, er habe keine Informationen über den Vorfall.

Was sagt die Ukraine?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj legte sich fest: Er erklärte, es seien russische Raketen, die Polen getroffen hätten. Die Ukraine habe seit Langem davor gewarnt, dass sich die russischen Aktionen nicht auf die Ukraine beschränken würden. Der russische Raketenangriff auf Nato-Gebiet bedeute eine gravierende Eskalation der Lage. Darauf müsse es eine Reaktion geben: »Es besteht Handlungsbedarf.«

Die ukrainische Regierung forderte zudem eine geeinte Reaktion gegen Russland. Ein Nato-Gipfel unter Teilnahme der Ukraine sollte weitere Schritte ausarbeiten, schlug der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba vor. An den Vorfall knüpfte er die Forderung nach besserer Flugabwehr und US-Kampfjets der Typen F-15 und F-16 für Kiew. »Heute bedeutet Schutz für den Himmel der Ukraine auch Schutz für die Nato«, schrieb Kuleba auf Twitter.

Zudem wies Kuleba Mutmaßungen zurück, dass eine ukrainische Rakete das Nachbarland getroffen habe.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Meldung hieß es in der Überschrift, »Polen bestätigt Einschlag von russischer Rakete«, im Anriss war von einer »russischen Rakete« die Rede, die eingeschlagen sei. Dies war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht zweifelsfrei geklärt, wir haben die Formulierungen deshalb geändert.

sol/dpa/AFP/Reuters
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