Pressefreiheit in Polen Warum ein Ölkonzern plötzlich Zeitungen kauft

Über einen staatlichen Ölkonzern verschafft sich Polens Regierung Kontrolle über 20 Zeitungen – und tauscht Chefredakteure aus. Auch Krzysztof Zyzik rechnet mit seiner Entlassung. Er zeichnet ein düsteres Bild.
Ein Interview von Jan Puhl
Der staatlich kontrollierte Ölkonzern PKN Orlen hat das Polen-Geschäft der Verlagsgruppe Passau aufgekauft.

Der staatlich kontrollierte Ölkonzern PKN Orlen hat das Polen-Geschäft der Verlagsgruppe Passau aufgekauft.

Foto: Kacper Pempel / REUTERS

SPIEGEL: Der staatlich kontrollierte Ölkonzern PKN Orlen hat die polnischen Besitzungen der Verlagsgruppe Passau  aufgekauft. Die nationalkonservative Regierung hat damit Zugriff gewonnen auf 20 Regionalzeitungen, etliche Lokalblätter und Internetportale, darunter auch die »Nowa Trybuna Opolska«. Was wird als Nächstes passieren?

Krzysztof Zyzik: Orlen beteuert zwar, dass die Übernahme eine rein geschäftliche Entscheidung war. Allerdings ist schon die Mehrheit der Chefredakteure ausgewechselt worden. Alle diese neuen Leute stehen politisch der Regierungspartei PiS nahe. Man kann vermuten, dass dieser Großeinkauf PiS dient, um die öffentliche Debatte in Polen mehr zu kontrollieren. Alle verkauften Medien erreichen zusammen immerhin 17 Millionen Konsumenten.

Zur Person

Krzysztof Zyzik, 48, arbeitet seit 25 Jahren als Journalist bei der »Nowa Trybuna Opolska« im schlesischen Opole (Oppeln). Seit 14 Jahren ist er auch ihr Chefredakteur. Das Blatt ist mit einer Auflage von rund 10.000 Exemplaren die wichtigste Zeitung in der Wojewodschaft und betreibt auch die Seite www.nto.pl.

SPIEGEL: Werden Sie denn auch bald gefeuert?

Zyzik: Ja, das ist offensichtlich. Es werden Gespräche geführt darüber, wer mich ersetzen soll. Daran nehmen auch Vertreter der Regierungspartei teil. Warum sollte Orlen hier in Opole (Oppeln) anders vorgehen als im Rest des Landes.

SPIEGEL: Das Argument der Konservativen ist, ein deutscher Eigner polnischer Medien würde diesen immer einen »deutschen Standpunkt« aufzwingen, deutsche Interessen vertreten. Dienen Sie den Deutschen?

Zyzik: Ich bin seit 14 Jahren Chefredakteur, aber niemals habe ich den Versuch der Besitzer erlebt, irgendwie auf unsere Berichterstattung Einfluss zu nehmen. Dabei habe ich »Deutschland-kritisch« – wenn man es denn so nennen will – geschrieben: Zum Beispiel, dass Polen nicht nur verlängerte Werkbank Deutschlands sein sollte, wo einfache Arbeiten zum Billigtarif durchgeführt werden. Diese Behauptung, wir seien alle den Deutschen zu Willen, das sind Fake News, um uns zu diskreditieren.

Wie sich die Medienkontrolle bei der kommenden Wahl auszahlen könnte

SPIEGEL: Und wie wird sich die Berichterstattung unter den neuen Besitzern ändern?

Zyzik: Das kann man noch nicht genau sagen. Man kann aber sehen, was sich im öffentlichen Fernsehen und Radio geändert hat, es ist pure Erfolgspropaganda für die Regierung: Alles was sie tun ist super! Und gleichzeitig wird die Opposition gnadenlos attackiert.

SPIEGEL: Welches Ziel verfolgt die Regierung?

Zyzik: PiS ist der Auffassung, die Mehrheit der Medien gegen sich zu haben – was meiner Meinung nach nicht stimmt. Die Zeitungen und Portale der Passauer Verlagsgruppe brauchen sie, um dieses angebliche Übergewicht umzukehren. Zusammen mit dem öffentlichen Fernsehen und Rundfunk haben sie jetzt eine gewaltige Medienwalze in der Hand. Damit lassen sich Wahlen gewinnen. Bei der letzten Präsidentenwahl lagen Andrzej Duda und der liberale Kandidat Rafał Trzaskowski nur 400.000 Stimmen auseinander. Wer die Medien hat, der hat eben auch die Macht.

Leser könnten sich abwenden

SPIEGEL: Lassen Redaktionen wie die Ihre sich denn einfach so auf eine regierungstreue Linie einschwören?

Zyzik: Viele Journalisten in Polen suchen sich derzeit bereits einen neuen Job. Vor allem kann man aber vermuten, dass die Leser die inhaltlichen Veränderungen nicht goutieren. Die öffentlichen Medien, zum Beispiel Polskie Radio 3, haben viele Hörer verloren, seit der Sender nur noch Regierungspropaganda betreibt. Die Leute verstehen das nicht und wollen keine politischen Empfehlungen durch die Medien empfangen. Allerdings: PKN Orlen, der Ölkonzern und neue Besitzer, ist sehr reich. Die könnten mit Werbeaktionen gegensteuern. Vielleicht bekommt man die Zeitungen ja in Zukunft umsonst an der Tankstelle.

SPIEGEL: Passt diese Methode der Machtsicherung in das moderne Europa: Staatliche Konzerne kaufen private Medien und setzen sie als Propaganda-Trompeten für die Regierung ein?

Zyzik: Dass so etwas in Deutschland oder Schweden passiert, kann ich mir nicht vorstellen. Wir sind die vierte Macht und sollen die Mächtigen kontrollieren. Dass die Partei an der Regierung so viel Einfluss auf die Medien hat, das gibt es in Europa sonst nur in Ungarn – und Russland.

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