Acht Milliarden – Putins Krieg Das polnische Frontstaat-Gefühl

Russlands Ex-Premier Medwedew wütet auf Telegram gegen Polen. Seine Tiraden erinnern dabei stark an Putins Rede über die Ukraine. Ist Polen Russlands nächstes Ziel?
Ein Podcast von Olaf Heuser und Jan Puhl

»Wir wussten schon lange über das zeitgenössische Russland und über Putins Intentionen Bescheid – aber niemand hat uns zugehört.«

Diesen bemerkenswerten Satz sagte Polens US-Botschafter Marek Magierowski zu Beginn dieser Woche in der amerikanischen Nachrichtensendung »PBS News Hour«. Magierowski drückte damit aus, was viele Polinnen und Polen fürchten und inzwischen viele Beobachter des Kriegs in der Ukraine vermuten: Sollte die Ukraine fallen, ist Polen Putins nächstes Ziel.

Ebenfalls am Montag veröffentlichte Dmitrij Medwedew, ehemals russischer Ministerpräsident und aktuell stellvertretender Leiter des russischen Sicherheitsrates, eine harte Tirade auf Telegram, die den programmatischen Titel »Über Polen« trägt.

Beschimpfung als Marionetten des Westens

»Die polnische Propaganda ist die böseste, vulgärste und schrillste Kritik an Russland, es handelt sich um eine Bande von Schwachsinnigen«, schrieb er dort, und auch, dass polnische Politiker nur Marionetten des Westens seien. Plant Russland einen Angriff auf den Nato-Staat Polen, wenn die Ukraine erobert sein sollte?

»Polen rechnet eindeutig und nicht erst seit dem Einmarsch in Wahrheit damit, irgendwann zum Ziel russischer Aggressionen zu werden«, erklärt Jan Puhl, Polen-Experte des SPIEGEL. »Und die meisten Sicherheitsexperten stellen sich das nicht so vor, dass Putin nach der Ukraine dann flugs weiter Richtung Westen nach Polen fährt, sondern dass das ein längerer Prozess ist und dass ein wichtiger Baustein dieses Ausgreifens nach Westen es eben ist, sich in der Ukraine festzusetzen.«

Polen tritt Putin entschieden entgegen

Polen befürchtet also, dass sich der Westen mit zunehmender Kriegsdauer einem Kompromiss mit Russland zuneigen könnte, Teile der Ukraine dauerhaft zu kontrollieren. Und dadurch die Möglichkeit gewänne, seine Truppen für den nächsten Angriff zu sammeln. In Putins Krieg ist Polen zu einer führenden Stimme im Westen geworden, wenn es darum geht, Putin entgegenzutreten. Nicht nur, aber auch, weil Deutschlands Nachbarstaat im Osten bislang die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen hat: Zwei Drittel aller flüchtenden Menschen sind von dort nach Polen geflohen.

»Man hatte ja vor dem Krieg den Eindruck, dass Polen sich eher vom Westen entfernt. Es gab etwa den Streit um Fragen der Rechtsstaatlichkeit mit der EU«, sagt Jan. »Jetzt ist Polen der Schrittmacher, darauf ist man zu Recht ein bisschen stolz. Man hat das Gefühl, nicht mehr so ignoriert zu werden mit den historischen Erfahrungen. Polen ist im Zweiten Weltkrieg ja nicht nur Opfer der Deutschen, sondern auch Opfer der Sowjetunion geworden«.

Wie wirkt sich Putins Krieg auf die Stellung Polens in der EU aus? Wie kann die Ostflanke der EU gesichert werden? Und wie wahrscheinlich ist ein russischer Angriff auf Polen? Um diese Fragen dreht sich diese Folge des Auslandspodcasts »Acht Milliarden«.

Diese Folge hören Sie hier: