Sikorski-Skandal in Polen Die Tonbandaffäre, die Osteuropa verändert hat

Außenminister Radek Sikorski galt als liberale Vorzeigefigur - bis der Mitschnitt eines Gesprächs auftauchte, in dem er seine Landsleute übel beleidigte. Damit begann der Aufstieg der Rechtspopulisten in Polen.
Radek Sikorski

Radek Sikorski

Foto: Etienne Laurent/ dpa

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Die vergangene Dekade war geprägt von Brüchen, Aufständen und Protesten, von sozialer Wut und dem Siegeszug des Populismus. Es war auch das Jahrzehnt der gefallenen Stars, der Antihelden und Hoffnungsträger, deren Karriere abrupt endete. Verschwörungstheorien wanderten in den Mainstream, Clowns stiegen in die Politik auf, Boxer wurden zu Revolutionären und Nerds zu Ikonen. In einer Serie porträtieren SPIEGEL-Korrespondenten und -Reporter die Außenseiter und Nebenfiguren, die die Zehnerjahre beeinflusst haben. 

Der "Amber Room" in Warschau liegt nicht weit vom Außenministerium entfernt, direkt an der Prachtstraße der polnischen Hauptstadt, dem sogenannten Königstrakt. Radek Sikorski hätte theoretisch noch nicht einmal seine Dienstlimousine bemühen müssen, um dorthin zu kommen. Das Restaurant ist eine von Warschaus ersten Adressen, vielfach ausgezeichnet für die Küche und den Weinkeller, auch vom Gault-Millau. Sikorski war im Januar 2014 Polens Außenminister und wurde für wesentlich höhere Posten gehandelt, als er den Fehler beging, im "Amber Room" zu sagen, was er wirklich über die Welt im Allgemeinen und Polen im Besonderen denkt. 

Sikorski saß mit einem Kollegen, dem ehemaligen Finanzminister Jan Vincent-Rostowski, beisammen, sie bestellten Rotwein, als der Außenminister begann, über den Nationalcharakter seiner Landsleute zu schwadronieren. Und überhaupt, die anderen Politiker in Europa: Großbritanniens David Cameron sei "inkompetent". Und Warschaus Treue zu Washington sei "nichts wert": "Wir bekommen Streit mit den Russen und den Deutschen. Und glauben, alles ist super, weil wir den Amerikanern einen geblasen haben." Diese polnische Unterwürfigkeit sei kaum zu ertragen: "Loser, alles Loser", sagt Sikorski, die Mentalität der Polen: "negerhaft". Rostowski fragt nach: "Wie?" Sikorski wiederholt: "Murzyńskość", "Negerhaftigkeit". 

Sikorski weiß in diesem Moment nicht, dass das Gespräch, das er mit dem früheren Finanzminister führt, heimlich mitgeschnitten wird. Der Geschäftsmann Marek Falenta hatte Kellner bestochen, die im "Amber Room" und in einem weiteren Edelrestaurant, dem "Sowa i przyjaciele", Mikrofone versteckten. Abgehört wurden rund 100 Minister, Staatssekretäre, hohe Beamte und Unternehmer aus dem Umfeld der regierenden Bürgerplattform (PO), zu der Sikorski zählte. Falenta wollte auf diese Weise kompromittierendes Material zusammentragen und damit wohl Entscheidungsträger unter Druck setzen, um seine Rohstoffgeschäfte voranzubringen. Er sitzt mittlerweile im Gefängnis, verurteilt zu zweieinhalb Jahren wegen illegalen Abhörens von Privatgesprächen. Die Aufnahmen wurden in Teilen dem Magazin "Wprost" zugespielt, das Gespräch zwischen Sikorski und Rostowski ist einer der spektakulärsten von insgesamt 66 Mitschnitten. 

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