Rassismus in den USA Trauma und Aufklärung

Handyvideos können zur Aufdeckung von Polizeigewalt beitragen - wie beim Tod von George Floyd. Doch die endlose Wiederholung dieser Szenen verstärkt das historische Trauma vieler Afroamerikaner, sagen Wissenschaftler.
Eine Analyse von Marc Pitzke, New York
Foto: STEVAN SAPHORE/EPA-EFE/Shutterstock

Amerikas Woche des Aufruhrs begann mit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd am 25. Mai in Minneapolis. Doch eigentlich begann sie mit Darnella Frazier: Die 17-Jährige dokumentierte diesen jüngsten Fall von US-Polizeigewalt zufällig mit ihrem Smartphone. Dann postete sie das Video auf Facebook, in voller Länge - und löste eine gewaltige Kettenreaktion aus.

Ohne das Video wäre der Fall kaum publik geworden. Ohne das Video wäre der mutmaßlich hauptverantwortliche Cop kaum angeklagt worden. Ohne das Video wäre es kaum zu den landesweiten Massenprotesten gekommen, zur diktatorischen Drohung Donald Trumps, das Militär gegen die Demonstranten einzusetzen - und zur schwersten Sinnkrise der USA seit Generationen.

Die täglich weiter eskalierende Situation hat komplexe Ursachen, die weit über Floyds Tod hinausgehen. Doch der erste Funke, der diese explosive Mischung hochgehen ließ, war das Handyvideo eines Teenagers.

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Videoaufnahmen von Polizeigewalt und anderen Übergriffen gehören längst zum soziokulturellen Repertoire Amerikas. Smartphones, Bodycams und Überwachungskameras sind allgegenwärtig: Sie leuchten die dunklen Ecken des US-Rassismus aus.

Die Videos bezeugen, was sonst vertuscht wird, sorgen dafür, dass Fälle von Gewalt oder Diskriminierung schneller oder überhaupt erst bekannt werden - etwa der Tod des Joggers Ahmaud Arbery im Februar in Georgia.

"Ohne das Video hätte ich das nicht gesehen, hätten andere das nicht gesehen", sagte der Kongressabgeordnete James Clyburn dem Magazin "Vanity Fair"  über den Fall Floyd. "Das offizielle Statement wäre alles gewesen, was man erfahren hätte."

In Minneapolis hatte das "offizielle Statement" den Tod Floyds zunächst banal mit einem "medizinischen Vorfall" begründet. Erst nach dem Video, als die Proteste und Fragen begannen, korrigierte die Polizei diese Aussage.

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Das visuelle Material "prägt unseren Diskurs" über den Rassismus, sagte der Psychologe Brian Smedley der Zeitung "USA Today" . "So wie die Fotos von jungen Afroamerikanern in den Südstaaten, die während der Bürgerrechtsbewegung von Wasserwerfern besprüht und von Polizeihunden gebissen wurden."

"Gott sei Dank für Videos und Handys", sagte die Basketball-Legende Magic Johnson am Montagabend im TV-Sender CNN.

Einer der ersten derart dokumentierten Fälle von US-Polizeigewalt war 1991 der Angriff auf den Trucker Rodney King in Los Angeles, der schwere Rassenunruhen auslöste. Mittlerweile sterben so rund tausend Amerikaner im Jahr . Zuletzt häuften sich die Videos: Tamir Rice und Eric Garner (2014), Freddie Gray, Walter Scott, Sam Dubose (2015), Philando Castile (2016), Demetrius Bryan Hollins (2017), Stephon Clark (2018), Willie McCoy (2019).

Schüsse bei der Verkehrskontrolle: Philado Castile starb 2016 durch Polizeikugeln

Schüsse bei der Verkehrskontrolle: Philado Castile starb 2016 durch Polizeikugeln

Foto: STF/ AFP

Doch dass solche Bilder überhaupt noch notwendig sind, um die Menschen aufzurütteln, zeigt, wie hartnäckig sich das Problem hält. "Warum müssen die grausigen Videos von George Floyd und Ahmaud Arbery in den sozialen Medien zirkulieren, damit die Öffentlichkeit sich um ihren Tod schert?", fragt "BuzzFeed"-Autor Danny Cherry . "Afroamerikaner wissen, dass dieser Mist passiert. Wir hören die Geschichten von unseren Tanten und Onkeln, Brüdern und Schwestern, unseren Großeltern und Eltern."

Zudem verstärken diese in endlosen Online-Loops geteilten Videos nicht nur genau jene Klischees, die der Gewalt zugrunde liegen ("Verdächtiger" gegen "Rechtshüter", Schwarz gegen Weiß) - sondern auch das historische wie alltägliche Trauma von Afroamerikanern.

Immer mehr Studien zeigen, dass Schwarze und Latinos durch den täglichen Rassismus höhere Traumaschäden davontragen als Weiße: Depressionen, Angstzustände, Suizidgefahr sind die Folgen. Ähnlich wie Kriegsveteranen leiden demnach vor allem Jüngere an posttraumatischem Stress (PTSD)  - was nun durch die Gewaltvideos nur noch verstärkt werde.

Eines der ersten Videos von Polizeigewalt: Angriff auf Rodney King (1991)

Eines der ersten Videos von Polizeigewalt: Angriff auf Rodney King (1991)

Foto: George Holliday/ AP/dpa

"Wir sind umzingelt von dauerhaften Mahnungen, dass rassistische Gewalt jederzeit geschehen kann", berichtet die Psychologieprofessorin Monnica Williams  von der University of Ottawa. Diese "schmerzhaften, rassistisch aufgeladenen Erinnerungen" empfänden selbst diejenigen, denen so etwas selbst nie widerfahre.

Der "beständige Anblick rassistischer Gewalt" sei ein "repetitives Trauma", sagt auch die Psychologin Danielle Jackson . "Die Täter mögen ihre Uniform, Worte und verschlüsselten Nachrichten geändert haben, aber die Botschaft bleibt die gleiche: Du, die schwarze Person, bist anders, du bist weniger wert."

"Dies sind menschliche Wesen, und sie verdienen Würde", schreibt Williams. "Wann hast du zuletzt online sehen können, wie ein Weißer getötet wurde?"

Der Tod als viraler Hit? "Leiden als Pornografie", nennt der schwarze Historiker Eddie Glaude das, in Anspielung auf Susan Sontags berühmten Essay "Regarding the Pain of Others" .

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Manche erinnern die Videoaufnahmen an die Grußkarten von US-Lynchmorden, die Weiße früher als Souvenirs verschickten. Fast 4100 Afroamerikaner wurden zwischen 1877 und 1950  in den Südstaaten gelyncht - die öffentlichen Hinrichtungen waren Entertainment für alle.

Nicht umsonst werden die heutigen Fälle von Polizeigewalt oft auch als "moderne Lychmorde"  bezeichnet - ein Vergleich, der sich vielen Beobachtern angesichts des grausamen minutenlangen Todeskampfes von George Floyd aufdrängt.

Darnella Frazier, die 17-Jährige, die das Ereignis mit ihrem Handy festhielt, ist nach Darstellung ihrer Mutter  selbst "völlig traumatisiert". Sonst postet sie Schminktips und Selbsthilfesprüche. Ihr Facebook-Video  von Floyd hat bisher Zehntausende Reaktionen und Kommentare generiert.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, die Pschologieprofessorin Monnica Williams lehre an der University of Connecticut. Sie arbeitet inzwischen aber an der University of Ottawa. Wir haben die Stelle korrigiert.

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