Portugal Das 247-Millionen-Euro-Geschäft mit Europas Frühstücksbeeren

Der Hunger der Europäer auf Heidel-, Erd- und Himbeeren hat Portugals Provinz in eine Goldmine für Großkonzerne verwandelt. Die Arbeitsmigranten und das größte Naturschutzgebiet des Landes leiden unter dem Boom.
Von Jan Petter, Gonçalo Fonseca (Fotos), São Teotónio
Globale Gesellschaft

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In den vergangenen vier Jahren, sagt João Rosado, habe er alles ausprobiert: 1,80 Meter große Männer, kleine Frauen. Inder und Nepalesen. Gemischte Teams.

Effizienz ist in diesen Wochen wichtig, es ist Ende Juni, Hochsaison auf Portugals größter Heidelbeerfarm. Bis an den Horizont reichen die Sträucher, dazwischen knien Hunderte Erntehelfer und pflücken. Vorarbeiter auf Quads treiben sie in verschiedenen Sprachen an.

Rosado, Chef der Plantage, sitzt in einem Container auf einem sandigen Hügel und wacht von dort über sein Reich. 92 Hektar oder knapp 130 Fußballfelder groß ist die Anlage, die er hier im Süden des Landes bis an den Horizont aufgebaut hat.

Beeren bis zum Horizont: Erntehelfer auf Portugals größter Heidelbeerplantage

Beeren bis zum Horizont: Erntehelfer auf Portugals größter Heidelbeerplantage

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Wenn Rosado zu seinen Leuten will, nimmt er das Auto. Bis zur Mitte der Plantage sind es etwas mehr als sechs Minuten. Der kleine Dacia war einmal weiß, inzwischen sieht er aus wie ein Rallyefahrzeug. Es gebe für jede Beere ein »window of opportunity«, erklärt Rosado unterwegs, das man erkennen und nutzen müsse, genau wie die richtigen Arbeitskräfte.

Die meisten der knapp 300 Arbeiter seiner Farm sind heute nicht größer als 1,70 Meter und arbeiten in getrennten Teams. Größere Menschen seien nicht zu gebrauchen, da sie schneller Rückenschmerzen bekämen, sagt Rosado. Die Arbeit sei für sie einfach zu anstrengend.

Deutschland ist einer der wichtigsten Abnehmer

Der Hunger auf frische Beeren hat das Frühstück vieler Menschen im Norden Europas verändert und den Alentejo gleich mit. Portugals Beerenexport ist heute dreimal so hoch wie noch 2015. Die Branche rechnet damit, dass sich der Konsum in den kommenden Jahren vervierfacht. 2020 machte die Branche in Portugal 247 Millionen Euro Umsatz. Deutschland ist nach den Niederlanden wichtigster Abnehmer.

Vaccinium corymbosum, die aus Amerika stammende Kulturform der Heidelbeere, ist der heimliche Star. Die Früchte gelten als besonders anspruchsvoll. Sie wollen richtig bewässert werden, sind empfindlich gegen Kälte und Druck. Jede Beere muss einzeln vom Strauch gedreht werden. Dafür versprechen sie ihren Erzeugern beste Preise. Keine andere Frucht gewinnt derzeit so schnell an Bedeutung. In den USA aß bereits 2019 jeder Bürger im Schnitt bereits 1,4 Kilo. In Europa waren es erst 190 Gramm.

Großbauer João Rosado: »Wir wollen die Größten sein«

Großbauer João Rosado: »Wir wollen die Größten sein«

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Der Süden des Alentejo schien dafür die perfekte Bühne. Das Klima ist fast das ganze Jahr über gemäßigt und ermöglicht längere Anbauzeiten als in Spanien. Es gibt viel Platz und EU-Agrarsubventionen.

18 Menschen in fünf Zimmern

Doch das boomende Geschäft mit den Beeren funktioniert nur, weil ein Heer von Arbeitsmigranten hier schuftet, das von seinen Rechten meist ebenso wenig weiß wie von der portugiesischen Sprache. Anfangs waren es Rumänen und Bulgaren. Inzwischen sind es Nepalesen und Inder, auch Bangladescher und Sri Lanker arbeiten hier. Ihre Zahl ist rasant gewachsen, Schätzungen reichen von 10.000 bis 15.000.

Die Beerenernte ist ein globales Geschäft. Die Pflanzen kommen von Firmen aus den USA oder den Niederlanden, die Erntehelfer aus Asien. Die Käufer sitzen dagegen fast ausschließlich in Mitteleuropa. Mehr als 90 Prozent aller Beeren sind für den Export bestimmt.

Der Alentejo ist die ärmste und am dünnsten besiedelte Region Portugals

Der Alentejo ist die ärmste und am dünnsten besiedelte Region Portugals

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Jeden Abend verlässt deshalb in der blaugrauen Dämmerung eine Armada von Kühllastern über kurvige Landstraßen die Region, um in Richtung Norden aufzubrechen. Nur wenige Stunden später kommen erneut Dutzende Vans und Busse noch vor Sonnenaufgang in die Dörfer, fahren von Tür zu Tür und sammeln die Erntehelfer ein. Viele schauen müde durch die beschlagenen Scheiben, der Weg zur Arbeit dauert oft mehr als eine Stunde.

Auch Suraj kommt so aufs Feld. Der 23-Jährige aus Kathmandu ist der einzige Sohn seiner Eltern. Nach der Schule montierte er eine Zeit lang USB-Sticks, dann wurde er arbeitslos. 2019 bekam er von Freunden einen Tipp für einen neuen Job – per Flugzeug reiste er schließlich von Nepal nach Portugal. Suraj steht für einen Großteil der Menschen, die heute in dem südeuropäischen Land Beeren ernten. Viele sind jung. Fast alle männlich. Oft sind es die ältesten Söhne, die aufbrachen, um in Europa eine bessere Zukunft zu finden.

Suraj kocht mit seinem Mitbewohner Akash das Abendessen: In dem heruntergekommenen Haus leben insgesamt 18 Nepalesen

Suraj kocht mit seinem Mitbewohner Akash das Abendessen: In dem heruntergekommenen Haus leben insgesamt 18 Nepalesen

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

165 Euro für ein quietschendes Metallbett

An einem Montagabend im Juni klopft ein Mann an Surajs Tür und will Geld. Schlecht gelaunt zieht er durch die Zimmer, der Geldstapel in seiner Hand wird immer dicker. Der Mann, der hier kassiert und sich nur ungern beobachten lässt, nennt sich Surajs »Agent«. 18 Männer leben hier am Ortsrand von São Teotónio in seinem kleinen Haus mit fünf Zimmern, Küche, Bad. Alle stammen aus Nepal. Jeder von ihnen zahlt 165 Euro im Monat für ein quietschendes Metallbett. Insgesamt liegt die Miete damit bei knapp 3000 Euro im Monat. Ein Wucherpreis.

Das kleine Dorf São Teotónio ist Sinnbild für die Veränderung der vergangenen Jahre. Zwei Drittel der offiziell 6500 Einwohner sollen heute Arbeitsmigranten sein. Es gibt indische Supermärkte, einen nepalesischen Imbiss.

Suraj und seine Mitbewohner entspannen sich nach der Arbeit am Ortsrand von São Teotónio: Zwei Drittel der Bewohner sollen heute Arbeitsmigranten sein

Suraj und seine Mitbewohner entspannen sich nach der Arbeit am Ortsrand von São Teotónio: Zwei Drittel der Bewohner sollen heute Arbeitsmigranten sein

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Was es meist nicht gibt, sind menschenwürdige Lebensverhältnisse. Das Haus von Suraj und seinen 17 Mitbewohnern hat zwei Toiletten, Abstand wahren während der Pandemie ist in der Unterkunft unmöglich. In vielen Ecken ist Schimmel. Um Ordnung zu halten, essen die Männer in Schichten, kochen abwechselnd. Im Blumenbeet im Hinterhof haben sie Spinat angebaut. Fünfzig Euro gebe er im Monat für Essen aus, sagt Suraj. Ein- bis zweihundert Euro versucht er den Eltern zu senden oder beiseitezulegen.

3,50 Euro verdienen Suraj und seine Kollegen in der Stunde, davon müssen sie einen Großteil gleich wieder an die Agenturen abgeben. Von 600 bis 1200 Euro Gehalt vieler Arbeiter bleiben nach Abzug der Miete für einen Schlafplatz im Mehrbettzimmer, billigem Essen und einigen dubiosen Servicegebühren am Ende oft nur 300 bis 400 Euro übrig. Entsprechende Dokumente und Aussagen verschiedener Erntehelfer liegen dem SPIEGEL vor.

Der Sonntag ist für viele Erntehelfer der einzige freie Tag in der Woche: Die Nepalesen nutzen ihn zum Waschen, Einkaufen und Fußballspielen

Der Sonntag ist für viele Erntehelfer der einzige freie Tag in der Woche: Die Nepalesen nutzen ihn zum Waschen, Einkaufen und Fußballspielen

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Dass Portugal so viele Arbeitsmigranten anlockt, liegt auch an einem der liberalsten Einwanderungssysteme Europas. Wer für mehr als sechs Monate einen Arbeitsvertrag hat, erhält eine Aufenthaltserlaubnis. Wer das sieben Jahre in Folge schafft, kann Portugiese werden. Ein Leben in Westeuropa wird damit für viele Menschen greifbar. »Himbeervisum« wird diese Hoffnung inzwischen euphemistisch genannt.

Unter den Erntehelfern sind auch indische IT-Experten und BWL-Studenten aus Bangladesch, die zuvor in Kopenhagen oder Bad Homburg lebten, in der Pandemie ihr Einkommen verloren und nun um ihr Visum im reichen Europa fürchten.

Yubraj Magar ist einer der wenigen, die es weg vom Feld geschafft haben: Er bietet den anderen Arbeitern Geldtransfers in ihre Heimat an. Das Geschäft laufe gut, sagt er

Yubraj Magar ist einer der wenigen, die es weg vom Feld geschafft haben: Er bietet den anderen Arbeitern Geldtransfers in ihre Heimat an. Das Geschäft laufe gut, sagt er

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Die Farm, auf der João Rosado Heidelbeeren für halb Europa anbaut, gehört einem jungen Mann, der selbst erst 30 ist. Lourenço Barral de Botton ist Spross einer Familie, die mit Plastikverpackungen und einem fragwürdigen Trick reich wurde. Sein Großvater verdiente in den 1970er-Jahren Millionen, indem er mit vielen kleinen Firmen die für größere Unternehmen damals verpflichtenden Mitbestimmungsrechte umging.

Für seinen Enkel begann das Geldverdienen vergleichsweise einfach. Nach dem Studium, erzählt er in einem Videogespräch, habe sein Vater ihm für einen Sommer ein leeres Feld überlassen. »Mach etwas draus, wenn du erfolgreich sein willst«, habe der Senior ihm geraten. Auf einer Messe erfuhr der Sohn vom Geschäft mit den Heidelbeeren und investierte.

2016 begann der Aufbau der ersten Plantage, heute baut Logofruits auf 1,5 Millionen Quadratmetern Beeren für den Export an

2016 begann der Aufbau der ersten Plantage, heute baut Logofruits auf 1,5 Millionen Quadratmetern Beeren für den Export an

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Fünf Jahre später hat das Unternehmen Logofruits zwei große Plantagen mit 1,5 Millionen Quadratmetern. Das Know-how und die Pflanzen kamen vom chilenischen Agrarkonzern Carsol und zwei weiteren Partnern. Die Felder in Portugal sollen das Angebot ergänzen, wenn auf der anderen Seite des Atlantiks bereits Winter ist. In Deutschland beliefert das Unternehmen laut eigener Aussage Edeka, Lidl, Aldi, Rewe und Kaufland.

Solche Kooperationen gibt es in der ganzen Region. Es ist ein unübersichtliches Geflecht aus multinationalen Agrarkonzernen, lokalen Großgrundbesitzern und europäischen Handelsunternehmen entstanden. Auch der weltgrößte Erdbeerproduzent Driscoll's lässt hier produzieren.

Lourenço Barral de Botton räumt ein, dass sein Unternehmen viele Freiheiten hat. »Im vergangenen Jahr sind unsere Plantagen öfter von Tesco kontrolliert worden als von portugiesischen Behörden«, sagt er schulterzuckend. Die Qualitätsstandards britischer Supermärkte scheinen für ihn gefährlicher als das Gesetz.

Der Landkreis Odemira ist 1700 Quadratkilometer groß, doch im Schnitt leben hier nur 15 Einwohner pro Quadratkilometer

Der Landkreis Odemira ist 1700 Quadratkilometer groß, doch im Schnitt leben hier nur 15 Einwohner pro Quadratkilometer

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Nur einmal gab es kurz Aufregung, als die Behörden im Mai 2021 die Region wegen der Coronapandemie für einige Tage rigoros abriegelten. Im ganzen Land wurde plötzlich diskutiert, unter welchen Bedingungen hier Menschen leben und arbeiten. Bei 108 Kontrollen wurden 123 Verstöße gegen das Arbeitsrecht registriert. Sechs Ermittlungen wegen Menschenhandel laufen noch. Doch schon die Details interessierten kaum jemanden. Von Kontrollen wurde seitdem nichts mehr gehört.

Eine halbe Stunde von der Logofruits-Plantage entfernt sitzt José Alberto Guerreiro im Rathaus von Odemira. Flüsse, Meer, Felder und Berge – seine Gemeinde biete einen Querschnitt durchs Alentejo, sagt der Bürgermeister. Odemira ist flächenmäßig Portugals größte Gemeinde. Doch Einwohner sind es nur 26.000, kaum 15 pro Kilometer.

Lange Zeit sah es so aus, als sei ausgerechnet hier ein kleines Wunder geschehen: Dutzende neue Unternehmen kamen, Arbeitsplätze entstanden, überall wurden Plantagen hochgezogen. Die Region war plötzlich mit der großen weiten Welt vernetzt.

90 Prozent des Wassers aus dem Santa-Clara-Stausee landen in der Landwirtschaft, inzwischen ist er halb leer

90 Prozent des Wassers aus dem Santa-Clara-Stausee landen in der Landwirtschaft, inzwischen ist er halb leer

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Doch immer öfter fragten sich seine Bürger jetzt, was sie eigentlich davon hätten, sagt der 57-Jährige und schweigt eine Weile. Man müsse das Migrationsproblem lösen, sagt Guerreiro schließlich und schiebt hinterher, gemeint seien natürlich die Lebensbedingungen. Es klingt, als wisse er selbst nicht mehr, was richtig und was falsch ist.

Tatsächlich ist die Ausbeutung von Menschen längst nicht mehr das einzige Problem. Der Santa-Clara-Stausee in den Bergen hinter Odemira versorgt die Region seit 53 Jahren mit dem gestauten Wasser des Flüsschens Mira. Von hier aus fließt es zum Meer und verästelt sich in kleinere offene Kanäle. Doch es erreicht nicht mehr alle.

Denn während die Agrarkonzerne unverändert ihre Felder bewässern, bleibt bei den ersten Einheimischen die Leitung trocken. »Wir haben noch Wasser für zwei Jahre«, warnt Bürgermeister Guerreiro. Der See ist bereits halb leer, die Messskala am Ufer hängt inzwischen trocken in der Luft. Der Alentejo vertrocknet.

Rentner Francisco Pacheco und seine Nachbarn verloren über Nacht das Wasser für ihre Pflanzen, nur für den Fotografen hält er hier noch einmal den Gartenschlauch über das trockene Beet

Rentner Francisco Pacheco und seine Nachbarn verloren über Nacht das Wasser für ihre Pflanzen, nur für den Fotografen hält er hier noch einmal den Gartenschlauch über das trockene Beet

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Francisco Pacheco, 75, lebt schon sein ganzes Leben hier. Die Bewohner von São Miguel, einem Teilort von São Teotónio, sind alt. Die meisten waren früher einfache Bauern oder Arbeiter, jetzt leben sie von 200 bis 400 Euro Rente. Kinder und Enkel sind meist in die Großstadt gezogen. Um über die Runden zu kommen, bauen sie Kartoffeln und Bohnen an, dazu Erdbeeren und Spinat. »Wir hatten nie viel, doch bislang hat es immer gereicht«, sagt Pacheco.

Die Benutzung der Kanäle kostete ihn früher keine 20 Euro im Jahr. Doch seit März kommt kein Wasser mehr. Die Ventile an den Leitungen vom Kanal wurden über Nacht abgeschraubt. Pacheco zeigt auf seine vertrockneten Pflanzen. Es wird wohl seine letzte Ernte sein.

Dass es so kam, ist kein Zufall. Denn der Zweckverband, der das Wasser des Stausees verwaltet, wird von seinen größten Nutzern selbst kontrolliert. 90 Prozent des Verbrauchs entfällt auf die Großbauern. Sie können so für sich den Wasserhahn auf- und für andere zudrehen. Als Pacheco und 32 weitere Anwohner in einem Brief ihre Lage beklagten, empfahl der Chef der Agrarlobby ihnen, die Kartoffeln künftig mit Leitungswasser zu gießen.

Bislang wurde nur bei Anwohnern und Kleingärtnern das Wasser abgestellt

Bislang wurde nur bei Anwohnern und Kleingärtnern das Wasser abgestellt

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Die Trockenheit wird unterdessen größer. Auch weiter westlich in Richtung Meer beklagen Anwohner, Politiker und Umweltschützer jetzt Wassermangel und Umweltzerstörung durch die Intensivlandwirtschaft. Der Unterlauf des Mira trockne aus, Wasserpflanzen gingen ein, Biotope verschwänden.

Sara Serrão ist eine derjenigen, die sich dagegen wehren. Wenn nicht bald etwas passiert, sei das Naturschutzgebiet womöglich verloren, fürchten sie und ihre Mitstreiter von der Anwohnerinitiative »Juntos pelo Sudoeste«. Denn das Problem werde noch schlimmer. »Die Großbauern errichten inzwischen ohne Genehmigungen neue Plantagen direkt an der Steilküste«, warnt die 46-Jährige.

Umweltschützerin Sara Serrão und ihre Mitstreiter in Zambujeira do Mar, mitten im Naturpark: Die Farmen stehen inzwischen gleich hinter der Steilküste

Umweltschützerin Sara Serrão und ihre Mitstreiter in Zambujeira do Mar, mitten im Naturpark: Die Farmen stehen inzwischen gleich hinter der Steilküste

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Auch überregionale Umweltorganisatoren warnen inzwischen vor einer Zerstörung des Naturschutzgebietes. Inzwischen haben sie Beschwerde bei der EU-Kommission eingereicht. Im portugiesischen Parlament haben linke Parteien kürzlich eine Initiative gestartet, um dem Zweckverband die Hoheit über den Santa-Clara-Staudamm zu entziehen.

João Rosado bereitet das keine Sorgen, er sagt, er habe andere Probleme. Die derzeitige Saison sei wegen der Pandemie die bislang schlimmste. Seit dem Lockdown seien viele Migranten abgehauen, ihm fehlten Arbeitskräfte und sichere Abläufe. Statt 900 Mann habe er aktuell höchstens 300 auf den Feldern. Seit September habe er keinen Urlaub mehr gemacht.

Großbauer João Rosado glaubt an die Zukunft seiner Arbeit: Nach der Pandemie soll noch eine dritte Plantage entstehen

Großbauer João Rosado glaubt an die Zukunft seiner Arbeit: Nach der Pandemie soll noch eine dritte Plantage entstehen

Foto: Gonçalo Fonseca / DER SPIEGEL

Um die Beeren in der Hochsaison dennoch verarbeiten zu können, werden sie jetzt über Nacht in die Niederlande gefahren. Dort steht eine Sortiermaschine, die stündlich 2,4 Tonnen verarbeitet. Die Erntehelfer könnten sich so aufs Pflücken konzentrieren, hofft Rosado.

»Wir kämpfen ums Überleben«, sagt er schließlich und wischt sich kurz übers Gesicht.

Dass viele Erntehelfer das Weite gesucht haben, ist wenig verwunderlich: Von den Hunderten Menschen auf Rosados Farm sind nur 25 fest angestellt. Die anderen arbeiten offiziell für Zeitarbeitsfirmen und Agenturen wie die von Suraj – unter gefährlichen Umständen. Wenige Wochen nach der letzten Begegnung schicken die Nepalesen das Foto eines Coronatests aus ihrem Haus. Er ist positiv, 12 von 18 Bewohnern haben sich angesteckt, obwohl einige von ihnen bereits geimpft waren.

João Rosado ist mit seinen Gedanken hingegen schon in der Zukunft. Wenn es nach der Pandemie erst einmal besser laufe, sagt er, brauche man perspektivisch eine dritte Farm. Das Geschäft mit den Heidelbeeren fange ja gerade erst an.

Mitarbeit: Enrique Oltra Pinto-Coelho

Anmerkung der Redaktion: Im Text war ursprünglich von Portugals größtem Nationalpark die Rede, die richtige Bezeichnung lautet nationaler Naturpark. Wir haben den Text entsprechend aktualisiert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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