Präsident Selenskyj in München »Wir werden hier vergessen«

Bei der Münchner Sicherheitskonferenz hält der ukrainische Präsident eine emotionale Rede. Wolodymyr Selenskyj appelliert an Europas Staaten, einen Krieg in der Ukraine als einen Krieg in Europa zu verstehen.
Wolodymyr Selenskyj: »Irgendjemand lügt hier«

Wolodymyr Selenskyj: »Irgendjemand lügt hier«

Foto: ANDREW HARNIK / AFP

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die Armee werde das Land mit oder ohne internationale Hilfe gegen Russland verteidigen. Mit Blick auf westliche Waffenlieferungen sagte er auf der Münchner Sicherheitskonferenz, dass diese keine »Spenden« seien. Sie seien vielmehr ein Beitrag für die europäische und internationale Sicherheit.

Er beklagte, dass die internationale Sicherheitsarchitektur brüchig geworden sei und Regeln nicht mehr funktionierten. Selenskyj warnte davor, die Fehler des 20. Jahrhunderts zu vergessen. »Wir werden unser Land verteidigen«, sagte er laut Übersetzung. Aber: »Wir möchten eine diplomatische Lösung statt eines militärischen Konflikts.«

»Die Ukraine sehnt sich nach Frieden, Europa sehnt sich nach Frieden«, sagte Selenskyj. Die Welt sage, dass sie keinen Krieg möchte, während Russland sage, es möchte nicht eingreifen. »Irgendjemand lügt hier.«

Selenskyj fordert Westen zu Ehrlichkeit auf

»Wir werden hier vergessen«, sagte Selenskyj. Es sei egal, ob dies aus Egoismus oder aus Arroganz geschehe. »Einige Länder begehen Verbrechen, andere bleiben indifferent – eine Haltung, die sie zu Komplizen macht.«

Im Hinblick auf eine mögliche Nato-Mitgliedschaft forderte Selenskyj Ehrlichkeit. »Wenn uns nicht alle da sehen wollen, seid ehrlich«, sagte er auf der Münchner Sicherheitskonferenz in Anspielung auf die nötige Einstimmigkeit unter den Nato-Mitgliedern. »Wir brauchen ehrliche Antworten.« Niemand solle aber daran denken, dass die Ukraine ein permanenter Puffer zwischen dem Westen und Russland bleibe.

Selenskyj dementierte, dass es aus der Ukraine heraus einen Beschuss auf russisches Territorium gegeben habe. »Das ist eine Lüge«, sagte er auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu entsprechenden Berichten. »Wir werden nicht auf Provokationen reagieren«, kündigte er zugleich an. Das Risiko eines Krieges sei groß, aber man werde nicht panisch werden.

Selenskyj forderte den Westen auf, seine Beschwichtigungspolitik gegenüber Russland aufzugeben. »Wir haben das Recht, einen Wechsel von einer Appeasement-Politik zu einer Politik zu fordern, die Sicherheit und Frieden gewährleistet«, sagte Selenskyj am Samstag in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Selenskyj bezeichnete sein Land als Europas »Schutzschild« gegen Russland. »Acht Jahre lang hat die Ukraine eine der größten Armeen der Welt zurückgehalten«, sagte er. Sein Land verdiene mehr internationale Unterstützung; es habe keine Waffen und keine Sicherheit.

»Mein Besuch hier war wichtig«

Trotz der angespannten Lage in der Ukraine war Selenskyj zur Sicherheitskonferenz nach München gereist. Geplant seien Treffen mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Großbritanniens Premier Boris Johnson und US-Vizepräsidentin Kamala Harris, teilte sein Büro mit. Das Staatsoberhaupt werde jedoch noch am Samstag nach Kiew zurückkehren. Tags zuvor hatte US-Präsident Joe Biden Selenskyj von der Reise wegen einer akuten Gefahr eines russischen Einmarsches in die Ukraine abgeraten. »Ich denke, mein Besuch hier war wichtig«, sagte Selenskyj abschließend, bevor er sich auf den Rückweg in die Ukraine machte.

Seit Wochen warnen vor allem die USA aufgrund einer erhöhten russischen Truppenpräsenz vor einer möglichen Invasion der Ukraine durch Russland. Der Kreml bestreitet solche Pläne. Auch Kiew sieht keine derartigen Angriffsvorbereitungen.

muk/Reuters/AFP/dpa
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