Präsidentschaftswahl in den USA Ja, will ich

Bald will Kandidat Joe Biden bekannt geben, wen er als "Running Mate", also mögliche Vizepräsidentin, an seine Seite holt. Er könnte damit die Vorentscheidung über eine künftige Präsidentin treffen. Wer hat die besten Chancen?
Von Ralf Neukirch, Washington
Joe Biden und Kamala Harris: Die Senatorin aus Kalifornien galt lange als Topfavoritin

Joe Biden und Kamala Harris: Die Senatorin aus Kalifornien galt lange als Topfavoritin

Foto:

Win McNamee/ Getty Images

Monatelang hat Joe Biden mit diversen Parteifreundinnen gezoomt. Seine Mitarbeiter haben den Hintergrund der Kandidatinnen ausgeleuchtet und nach dunklen Flecken in deren Vergangenheit gesucht.

Nun ist es bald so weit: Biden will in den nächsten Tagen bekannt geben, wen er im Fall eines Wahlsiegs als Vizepräsidentin mit ins Weiße Haus nehmen wird. Klar ist bislang nur, dass es eine Frau sein soll.

In normalen Zeiten wird diese Entscheidung zwar mit Interesse erwartet. Wirklich Bedeutung hat sie in den seltensten Fällen. Das ist diesmal anders.

Biden wäre bei der Inauguration 78 Jahre. In seiner eigenen Partei rechnen nur die wenigsten damit, dass er als Präsident mehr als eine Legislaturperiode amtieren würde. Eine Vizepräsidentin hätte somit eine hervorragende Ausgangsbasis, um als demokratische Präsidentschaftskandidatin in die nächste Wahl zu ziehen.

Im Angesicht von Bidens Alter ist auch ein anderes Szenario denkbar: Falls dem Präsidenten etwas zustößt oder er sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kann, rückt die Nummer zwei an die Spitze.

Bidens Auserwählte wird daran gemessen werden, ob sie auch für das höchste Amt geeignet ist. Das macht die Suche schwieriger: Nicht jede Kandidatin, die im Wahlkampf bei bestimmten Wählergruppen punkten könnte, bringt die Voraussetzungen für das wichtigste Staatsamt mit.

Außerdem hat Biden klargemacht, dass er nur mit einer Frau antreten will, mit der er persönlich gut klarkommt. Das schränkt den Bewerberinnenkreis ein.

Diesen sechs Frauen werden die besten Chancen eingeräumt:

Kamala Harris, 55

Die Senatorin aus Kalifornien galt lange als Topfavoritin. Sie war Justizministerin in ihrem Heimatstaat und kennt den Washingtoner Betrieb. Die Tochter eines schwarzen Jamaikaners und einer Inderin könnte schwarze Wähler und solche aus anderen Einwanderungsgruppen mobilisieren. Harris hatte sich selbst um die Präsidentschaftskandidatur beworben, stieg aber nach glanzlosen Vorstellungen aus dem Rennen aus. Gegen sie spricht zudem, dass sie als Ministerin eine harte Linie in der Strafverfolgung befürwortete und sich unter anderem gegen Bodycams für alle Polizisten aussprach. In Zeiten von Black Lives Matter ist das kein kleines Handicap.

Tammy Duckworth, 52

Die Senatorin aus Illinois war in den vergangenen Wochen ein Hauptziel der Attacken Donald Trumps und seiner Anhänger in Politik und Medien. Das zeigt schon, dass sie eine ernsthafte Kandidatin ist. Duckworth verlor als Hubschrauberpilotin im Irak bei einem Beschuss beide Beine und trägt seither Prothesen. Sie ist in Thailand geboren und wäre die erste asiatisch-amerikanische Kandidatin auf das Vizepräsidentenamt. Der rechte Fox-News-Moderator Tucker Carlson warf ihr vor, sie hasse ihr Land, weil sie sich für einen Dialog über den Abriss von Statuen umstrittener Persönlichkeiten ausgesprochen hatte. Duckworth erwiderte kühl, Carlson solle doch eine Meile in ihren Beinen laufen und ihr dann sagen, ob sie Amerika liebe. In wirtschaftlichen und ökologischen Fragen hat sie kein Profil. Das könnte ein Nachteil für sie sein.

Susan Rice, 55

Die Regierungserfahrung, die vielen Konkurrentinnen fehlt, hat Susan Rice zur Genüge: Rice war vier Jahre lang Sicherheitsberaterin Barack Obamas. Sie hat eine führende Rolle bei den Verhandlungen über das Atomabkommen mit Iran und beim Pariser Klimaabkommen gespielt. Zudem vertrat sie die USA als Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Sie gilt als ruhig und sachlich. Noch wichtiger: Biden kennt sie seit Jahren und vertraut ihr. Rice hat allerdings aus Sicht von Bidens Leuten einen großen Nachteil: Sie hat noch nie eine Wahl bestritten. In einem extrem polarisierten Wahlkampf ist das ein Risikofaktor.

Michelle Lujan Grisham, 60

Die Gouverneurin von New Mexiko ist die einzige Latina unter den Bewerberinnen. Sie war fünf Jahre lang Kongressabgeordnete und kennt die Verhältnisse in Washington aus dieser Zeit. Auf der nationalen Bühne hat Lujan Grisham Aufmerksamkeit erregt, weil sie ihren Staat - anders als die Nachbarn Texas und Arizona - mit einer klaren und umsichtigen Politik durch die Coronakrise führt. Sie könnte für Biden wichtige Stimmen der Latino-Wähler im Südwesten des Landes sichern. Allerdings ist ihr Bekanntheitsgrad im Vergleich mit ihren Konkurrentinnen eher gering.

Val Demings, 63

Die Kongressabgeordnete aus Florida hat für die Demokraten das Impeachmentverfahren gegen Donald Trump vorbereitet und sich in dieser Rolle einen Namen gemacht. Sie stammt aus einem Staat, der hart umkämpft ist und könnte Biden dort wichtige Stimmen sichern. Demings war dreieinhalb Jahre lang Polizeichefin von Orlando, die erste Frau auf diesem Posten. In der Debatte über die Reform der Polizei ist sie eine wichtige Stimme. Was ihr fehlt, ist die Erfahrung in einem Amt auf nationaler Ebene. Das ist für jemanden, der möglicherweise das Präsidentenamt übernehmen muss, ein Problem.

Elisabeth Warren, 71

Ginge es nur um die Frage, wer am besten auf das Präsidentenamt vorbereitet ist, stünde die Senatorin aus Massachusetts ohne Frage auf Platz eins. Warren ist Expertin in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, sie hat zu allen zentralen politischen Fragen einen ausgearbeiteten Plan. Allerdings gehört sie der gleichen Generation an wie Biden und hat im Vorwahlkampf nicht einmal in ihrem Heimatstaat gewonnen. Anders als vor vier Jahren hat sich zudem der linke Parteiflügel, zu dem sie gehört, bereits hinter dem Kandidaten versammelt. Damit entfällt ein wichtiges Argument für Warren. Bei von Trump enttäuschten Republikanern, einer wichtigen Zielgruppe Bidens, löst sie eher Abwehrreflexe aus.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.