Pegasus-Spionageprogramm Die Jagd auf Prinzessin Latifa

Wie wurde die abenteuerliche Flucht der Tochter des Emirs vor drei Jahren vereitelt? Neue Recherchen deuten darauf hin, dass die israelische Pegasus-Software den Agenten aus Dubai geholfen haben könnte.
Prinzessin Latifa in einem Video: »Ich bin eine Geisel«

Prinzessin Latifa in einem Video: »Ich bin eine Geisel«

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picture alliance/AP Photo

Die Reise, die in die ersehnte Freiheit führen sollte, war über längere Zeit und mit großer Umsicht geplant worden. Sie begann am Morgen des 24. Februar 2018: Latifa bint Mohammed Al Maktoum, eine der Töchter des Emirs von Dubai, lässt sich zu einem Frühstückscafé ins Stadtzentrum chauffieren und trifft dort Tiina Jauhiainen, ihre finnische Fitnesstrainerin, die zur engen Freundin wurde.

Auf der Toilette des Cafés wechselt Prinzessin Latifa ihre Kleidung und lässt absichtlich ihr stumm geschaltetes Handy liegen. Draußen steigen die beiden Frauen in einen schwarzen Audi Q7, den sie sich von einem Freund ausgeliehen haben. Jauhiainen setzt sich ans Steuer und lenkt den Wagen über die nächste Grenze ins Nachbarland Oman. Auf diese Weise soll nun endlich gelingen, was schon einmal gescheitert war: Die Tochter des Emirs will dem goldenen Käfig entkommen, in dem ihr Vater sie gefangen hält.

Neue Details der abenteuerlichen Reise und ihres brutalen Endes

Dass ihr die Flucht ein weiteres Mal nicht gelang, dass sie von Agenten ihres Vaters einige Tage später nach Dubai zurückgebracht und in eine Villa gesperrt wurde, hat rund um die Welt für Schlagzeilen gesorgt. Durch Recherchen eines internationalen Medienverbunds, zu dem unter anderem die »Süddeutsche Zeitung« und der britische »Guardian« gehören, sind nun neue Details der abenteuerlichen Reise und ihres brutalen Endes bekannt geworden.

Der am Ende erfolgreiche Versuch der Behörden von Dubai, die Flüchtigen aufzuspüren und festzusetzen, geht laut den jetzt veröffentlichten Erkenntnissen möglicherweise auf die Überwachungssoftware Pegasus zurück. Mobilfunknummern von Prinzessin Latifa und einigen ihrer Freunde und Bekannten sind danach in Dateien verzeichnet, die mögliche Ziele des Spähprogramms auflisten.

Die Pegasus-Software lässt sich vollkommen unbemerkt auf Smartphones übertragen und übermittelt dann praktisch die gesamte Kommunikation. Allerdings legt die israelische Herstellerfirma NSO Wert auf die Feststellung, dass ihr Programm lediglich im Kampf gegen Kriminelle und Terroristen zum Einsatz komme – die Jagd nach einer fliehenden Tochter entspreche nicht dem Aufgabenprofil.

Mohammed bin Rashid Al Maktoum, der fast allmächtige Herrscher von Dubai, ist es jedoch nicht gewohnt, sich von irgendjemandem Grenzen setzen zu lassen. Der Vater von mindestens 25 Kindern hat sein Emirat zu einem rigiden Überwachungsstaat ausgebaut, dessen glitzernde Fassaden leicht darüber hinwegtäuschen können, mit welcher Härte das Land regiert wird.

Im Sicherheitsapparat läuten die Alarmglocken

Auch als Patriarch an der Spitze einer Großfamilie setzt der 72-Jährige seine Interessen oft rücksichtslos durch. Im Sommer 2000 ließ er seine damals 19-jährige Tochter Shamsa aus dem englischen Cambridge nach Dubai entführen, wie vor einem Jahr ein Gericht in London feststellte. In dem Prozess ging es vorrangig um die sechste Ehefrau des Emirs, Haya bint Hussein aus dem jordanischen Königshaus. Sie war 2019 mit ihren beiden Kindern nach London gezogen und wehrte sich juristisch gegen den Versuch ihres Gatten, die Kinder zurückzubekommen.

Als Prinzessin Latifa sich am 24. Februar 2018 aus Dubai absetzt, läuten im Sicherheitsapparat von Dubai die Alarmglocken: Der Emir will seine Tochter wiederhaben.

Die beiden Frauen im schwarzen Audi haben sich darauf eingestellt, dass nach ihnen mit aller Macht gefahndet wird. Um der digitalen Überwachung zu entgehen, haben sie sich neue Handys und SIM-Karten besorgt. Nach sechs Stunden Fahrt kommen sie in der omanischen Hauptstadt Maskat an. Am Hafen treffen sie einen Verbindungsmann, der sie mit einem schnellen Schlauchboot in internationale Gewässer fährt. Dort steigen sie auf Jetski um und gelangen damit zur Segeljacht »Nostromo«, einem 30 Meter langen Zweimaster mit zwei Dieselmotoren. Ihr Ziel ist Sri Lanka.

Skipper auf der »Nostromo« ist Hervé Jaubert, der als Ingenieur für die französische Marine und als Agent für den Auslandsgeheimdienst des Landes gearbeitet hat. Mit Tauchbootfahrten für Touristen wollte sich Jaubert danach in Dubai geschäftlich niederlassen, kam allerdings mit den Behörden in Konflikt, wurde festgesetzt und flüchtete. Jaubert scheint wie gemacht für die Aufgabe, Prinzessin Latifa zur Freiheit zu verhelfen. Gegen ein Honorar von 350.000 Euro, wie Jauhiainen später laut »Guardian« vor einem Londoner Gericht zu Protokoll gab, übernimmt der Franzose den brisanten Job.

Die Freundinnen fühlen sich vor Überwachung sicher

In den ersten Tagen auf See verläuft alles nach Plan. Bei ruhiger Fahrt, ohne Verfolger auf dem Radar, nehmen die Prinzessin und Jauhiainen über ihre neuen Handys Kontakt zu Freunden und Bekannten in Dubai auf. Über eine auf der Jacht installierte Satellitenverbindung gelangen sie ins Internet, sie fühlen sich vor Überwachung sicher. Den digitalen Positionsmelder hat Jaubert ausgeschaltet.

Trotzdem taucht schließlich ein Schiff auf dem Radar auf, dass die »Nostromo« zu verfolgen scheint. Und über den Himmel ziehen kleine Maschinen, wie sie für die Kontrolle von Seerouten eingesetzt werden.

Was genau an jenem Tag Anfang März 2018 geschehen war, das haben auch die jüngsten Recherchen nicht abschließend klären können. Hat das US-Militär die Satellitenleitung der »Nostromo« aufgespürt und die Daten nach Dubai weitergegeben? War das FBI dem Emir, der ein Freund und Verbündeter Washingtons ist, bei der Jagd nach seiner Tochter behilflich? Unterschiedliche Theorien sind im Umlauf.

Bei einem Chat habe Latifa ein seltsames Gefühl gehabt

Nun stellt sich heraus, dass auch die Pegasus-Spähsoftware die Fahnder aus Dubai auf die Spur gebracht haben könnte. Zu den Nummern aus dem Umfeld der Prinzessin, die in den jetzt aufgetauchten Dateien gelistet sind, gehört auch die von Sioned Taylor. Die Britin unterrichtete in Dubai Mathematik an einer Mädchenschule und hatte sich beim gemeinsamen Fallschirmspringen mit der Tochter des Emirs angefreundet. Das Fallschirmspringen gehörte zu den wenigen Freiheiten, die Prinzessin Latifa sich nehmen durfte.

Bei einem Chat mit Taylor habe Latifa ein seltsames Gefühl gehabt: »Ich bin nicht sicher, ob es wirklich Sioned ist.« So erzählte es Tiina Jauhiainen jetzt dem »Guardian«.

Am 4. März nach 22 Uhr beendete die indische Küstenwache die Flucht aus Dubai. 15 Einsatzkräfte stürmten die »Nostromo«. Ministerpräsident Narendra Modi hatte die Aktion genehmigt. Emiratische Sicherheitskräfte warteten schon und nahmen die geflohene Prinzessin und ihre Begleiter in Empfang.

Jauhiainen und Jaubert kamen bald wieder frei, Latifa bint Mohammed Al Maktoum wurde in Dubai in Hausarrest gesteckt. In einem Video, dass Anfang dieses Jahres öffentlich wurde, sagte sie: »Ich bin eine Geisel.«

Freundinnen Sioned Taylor, Latifa bint Mohammed Al Maktoum in Dubai: Neue Wendung im Leben der Prinzessin?

Freundinnen Sioned Taylor, Latifa bint Mohammed Al Maktoum in Dubai: Neue Wendung im Leben der Prinzessin?

Foto: HANDOUT / via REUTERS

Seither hat ihr Leben möglicherweise eine neue Wendung genommen. Im Mai veröffentlichte Sioned Taylor ein Foto auf Instagram, auf dem sie mit der Prinzessin in einem Restaurant in Dubai sitzt. Die Situation wirkt entspannt. Aus dem Juni gibt es ein Bild, das Latifa auf dem Flughafen von Madrid zeigt. Ein Beweis dafür, dass sie die Freiheit hat zu reisen?

In einem Statement, das eine Rechtsanwaltskanzlei verbreitet hat, wird die Tochter des Emirs von Dubai mit den Worten zitiert: »Ich hoffe jetzt, dass ich in Ruhe mein Leben führen kann, ohne von den Medien beobachtet zu werden.« Ob sie diesen Satz wirklich gesagt hat, lässt sich nicht überprüfen.

dip
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