Foto: Tamara Eckhardt / DER SPIEGEL

Pritzker-Preisträger Francis Kéré »Wenn alle so bauen würden wie der Westen, wäre die Erde morgen kaputt«

Als erster Afrikaner hat Francis Kéré den weltweit wichtigsten Architekturpreis gewonnen. Er lebt seit dem Studium in Berlin. Hier erzählt er, wie klimagerechtes Bauen geht – und warum China ihm keine Angst macht.
Ein Interview von Jan Petter
Globale Gesellschaft

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Grundschule in Gando: Ein schräges Dach ersetzte Klimaanlagen aus China

Grundschule in Gando: Ein schräges Dach ersetzte Klimaanlagen aus China

Foto: Courtesy of Kéré Architecture

Der Architekt lebt seit dem Studium in Berlin. In seinem Altbaubüro in Kreuzberg sitzen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in einem großen Raum. An den Wänden hängen Urkunden, die Kéré als einen der 100 einflussreichsten Afrikaner ausweisen und seine Arbeit würdigen.

Zum Interview bittet Kéré auf selbstentworfene Stühle aus Baumarkt-Materialien. Dass er kürzlich nach Kollegen wie Norman Foster, Zaha Hadid oder Rem Koolhaas einen 100.000-US-Dollar-Preis gewonnen hat, lässt sich kaum erahnen.

DER SPIEGEL: Herr Kéré, es ist jetzt sieben Wochen her, dass Sie den Pritzker-Preis erhalten haben. Nervt es Sie bereits, darauf angesprochen zu werden?

Francis Kéré: Überhaupt nicht. Ich realisiere erst langsam, was das für mein weiteres Leben bedeutet. Diese Auszeichnung öffnet mir Türen, buchstäblich. Plötzlich werde ich angesprochen, man hört mir ganz anders zu. Früher sagte man, ich sei naiv. Jetzt habe ich die renommierteste Auszeichnung der Architekturwelt erhalten. Das ist eine große Genugtuung.

Zur Person
Foto: Tamara Eckhardt / DER SPIEGEL

Diébédo Francis Kéré, Jahrgang 1965, ist ein in Berlin lebender Architekt aus Burkina Faso. Bekannt wurde er durch den Bau einer Grundschule in seinem Heimatort Gando, für die er hochdotierte Preise erhielt. Er ist Architekt des Operndorfs, das vom Regisseur Christoph Schlingensief geplant wurde. Typisch für Kérés Projekte ist die Verwendung lokaler, nachhaltiger und energiesparender Materialien. Seit 2017 ist er Professor an der Technischen Universität München und hat eine Gastprofessur in Yale.

SPIEGEL: Andere Preisträger haben gigantische Sportarenen oder Flughäfen gebaut. Würden solche Großprojekte Sie auch reizen?

Kéré: Warum nicht? Wir suchen bereits nach einem größeren Büro. Bislang arbeiten wir in sehr überschaubarem Rahmen, unsere Möbel sind selbst gemacht und von Ikea. Wir haben hier Leute aus 13 Ländern. Das ist eine tolle Mischung. Ich wüsste gern, ob es nicht noch größer geht. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass es mich nicht reizt.

SPIEGEL: Nach Bildungs- und Kultureinrichtungen bauen und planen Sie inzwischen die Parlamente von Burkina Faso und Benin. Sind soziales und ökologisches Bauen bei dieser Projektgröße überhaupt noch möglich?

Kéré: Das ist eine Frage, die ich mir derzeit stelle. Letzten Endes hängt es meiner Ansicht nach nicht an der Größe, sondern am Auftraggeber. Nachhaltiges Bauen kostet, spart aber oft langfristig. Natürlich ist es mit Unsicherheiten verbunden, wenn man lokale Handwerker sucht und neues ausprobiert. Ich bin Pragmatiker. Ich sage, dass es nicht nur gut fürs Klima ist, sondern auch die einheimische Wirtschaft unterstützt, was ich plane. Eine Klimaanlage muss man aus China einkaufen. Eine passive Kühlung kann man mauern. Nicht selten sind meine Lösungen auch schöner. Ich hasse billige Fliesen. Bevor ich das einsetze, setze ich auf gefärbte Lehmwände. Wenn es wirklich der Wunsch ist, lässt sich auch im größeren Stil zu guten Bedingungen bauen.

SPIEGEL: Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit werden inzwischen fast überall versprochen. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass immer noch zu wenig passiert. Was heißt das für die Architektur?

Kéré: Wir Architekten und Stadtplaner sind abhängig von anderen. Dort, wo Politiker und Unternehmen nur Scheinlösungen wollen, wird es keine Nachhaltigkeit geben. Ohne Frage: Es gibt zu viel Greenwashing in unserer Zunft. Aber das liegt nicht nur an uns.

SPIEGEL: Es gibt ein Bild von Ihnen, das Sie noch als Student zeigt, wie Sie mit Einheimischen in Burkina Faso die Stabilität eines Dachgewölbes austesten. Aus diesem Projekt wurde die Grundschule in Gando, die heute als Grundstein für Ihre Karriere gilt. Wie kam es zu dieser Situation?

Kéré: Mein Vater war Dorfältester. Aber das bedeutete weniger, als man denkt. Er konnte gut Tabak und Hirse anbauen. Aber war sein Sohn deshalb ein guter Architekt? Das Misstrauen war damals riesig, ich selbst Neuling. Also beschloss ich, alles vorher mit den Menschen im Dorf zu testen. So sahen sie, dass es Hand und Fuß hatte. Bis heute gehe ich so vor, sofern es möglich ist. Viele Entwürfe zitieren Dinge, die die Menschen kennen, etwa den »Arbre à Palabres«, den Palaver-Baum, an dem man sich traditionell trifft. Das schafft Vertrauen.

»Wenn alle so bauen würden wie der Westen, wäre die Erde morgen kaputt«

Francis Kéré

SPIEGEL: Sie bauen oft Schulen und Kultureinrichtungen. Welche Bedeutung hatte Bildung für Ihr eigenes Leben?

Kéré: Bildung ist alles. Ich hatte immer Menschen, die mir vertrauten. Anfangs mein Vater, der mich fortschickte, damit ich schreiben lernte. Später das Bildungssystem hier in Deutschland. Ohne Bafög wäre ich heute kein Pritzker-Preisträger. In den ersten Jahren in Berlin habe ich mein Abitur auf der Abendschule nachgeholt. Nebenher musste ich für meine Familie in Gando Geld verdienen. Ich ging auf den Bau. Als ich zu studieren anfing, war ich fast 30. Dass ich mein erstes Projekt noch während des Studiums in meiner Heimat baute, war kein überlegter Schachzug, es war einfach notwendig. Ich musste etwas zurückgeben. In Westafrika sind zwei Drittel Analphabeten. Die Menschen lernen, indem sie ihren Eltern zuschauen. Doch heute stößt dieses Prinzip an Grenzen. Alle ziehen in die Städte, Traditionen gehen verloren. Die eigene Kultur und einfaches, effizientes Bauen werden weniger geschätzt. Schulen können das ändern.

SPIEGEL: An Interesse für Afrika mangelt es nicht mehr, neben den westlichen Ländern forciert inzwischen auch China die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Wie erleben Sie diese Entwicklung?

Kéré: Früher hätte ich wie die meisten gesagt: China betreibt eine neokoloniale Außenpolitik. Aber ist es wirklich so einfach? Der Westen hatte mehrere Jahrhunderte die Chance, uns zu helfen. Noch heute schaut ganz Afrika nach Europa und die USA. Alle wollen so sein, jede zweite Villa ist eine Kopie des Weißen Hauses. Doch was hat der Westen getan? Ich habe in Burkina Faso selbst erlebt, wie wir bedrängt wurden, das Wasser zu privatisieren. Wollen wir das? Die Chinesen machen vieles, dass man ebenfalls kritisieren kann. Sie bringen eigene Arbeiter mit, sie denken in Großprojekten. Natürlich geht es um Eigennutz. Aber die chinesische Politik der Nichteinmischung erscheint den Afrikanern wie ein Zeichen von Respekt. Ich verstehe, dass ihre Kredite für arme Länder willkommen sind.

SPIEGEL: Entschuldigung, aber entsteht so nicht noch viel mehr Abhängigkeit?

Kéré: Es gibt keine Freundschaften zwischen Ländern, sagt man. Auch die westliche Hilfe ist an Bedingungen geknüpft. Die Kritik erscheint mir deshalb unehrlich. Wir haben noch immer mit den Folgen unserer Unterdrückung zu kämpfen. Es gibt Terrorismus, Arbeitslosigkeit, Bevölkerungswachstum. Einen Partner mehr zu haben, ist da nicht schlecht. Deshalb sage ich, doch, China ist manchmal ein Segen für Afrika.

Wie ein Baum: Entwurf des Parlamentsgebäudes in Burkina-Faso

Wie ein Baum: Entwurf des Parlamentsgebäudes in Burkina-Faso

Foto: Rendering courtesy of Kéré Architecture

SPIEGEL: Gibt es Dinge, die der Westen von den afrikanischen Gesellschaften lernen könnte?

Kéré: Ich habe das Gefühl, der Preis gibt mir das Recht, jetzt offen zu sein: Vielleicht ist es an der Zeit, dass der westliche Mensch dazulernt. Vor allem, was Demut angeht. In Afrika kann man lernen, wie man mit weniger Ressourcen auskommt, ohne andere Kontinente auszubeuten. Bei meiner Schule in Gando gibt es keine Klimaanlage. Das Dach hebt sich leicht, so entsteht Kühlung durch Luftzirkulation. Das reicht. Oft sind es kleine Dinge. Wenn alle so bauen würden wie der Westen, wäre die Erde morgen kaputt.

SPIEGEL: In Ihrer Arbeit beziehen Sie sich immer wieder auf die Bedeutung der Gemeinschaft, den direkten Austausch verschiedener Menschen.

Kéré: Die Pandemie hat gezeigt, dass wir solche Räume benötigen. Die Menschen in den Städten wollen doch zusammenkommen, sie sehnen sich danach. Auch zur Erholung ist das wichtig. Aber solche Projekte haben es schwer.

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, in Deutschland gelte das Wir-Gefühl nur als Kostenfaktor.

Kéré: Das ist die Wahrheit. Wir hatten Wettbewerbe, da wurden wir von allen Seiten für unsere soziale Architektur gelobt. Gewonnen hat dann der, der weniger Gemeinschaftsflächen einplante. Ich weine nichts nach. Aber dieses Denken führt in eine Sackgasse. Schauen Sie sich Stuttgart 21 an. Warum gab es so viel Protest? Die Menschen haben das Projekt nicht abgelehnt, weil sie den Architekten nicht mochten. Sie waren dagegen, weil sie übergangen und alte Bäume gefällt wurden. Die Leute wollen keinen weißen Elefanten mehr, sondern dass man mit ihnen kommuniziert. Im Zweifel sollte man Architektur zur Abstimmung stellen.

Foto: Courtesy of Kéré Architecture

SPIEGEL: Hätten Sie keine Angst vor Ablehnung?

Kéré: Wenn ein Projekt nicht gut ist, habe ich Pech. In Mannheim haben wir den Masterplan für ein ganzes Viertel entwickelt, die Taylor-Baracken. Dieses Gelände war 70 Jahre isoliert. Ich wollte, dass wir dort eine große Brücke über die Autobahn bauen, damit die Menschen durch den Stadtteil in den Wald können. Zugegebenermaßen war meine Idee anfangs naiv. Man sagte mir, dass man so niemals den Wettbewerb gewinnt. Und? Wir haben gewonnen. Nach langen Diskussionen kommt die Brücke. Auch wenn sie anders aussieht als anfangs geplant. Ich bin mir sicher, dass solche Ideen sich lohnen.

SPIEGEL: Sie arbeiten seit 20 Jahren in Berlin, einer Stadt, die sich mit den Siedlungsbauten von Bruno Taut und günstigem Wohnen einmal einen Namen machte. Heute explodieren die Mieten, architektonisch dominieren Investorenprojekte.

Kéré: Die Situation in Berlin ist unerträglich. Noch vor wenigen Jahren konnte ich leicht Wohnungen für Mitarbeiter finden, heute bekommen selbst Akademiker nichts. Wo sollen erst all die Menschen hin, die nicht so viel verdienen? Es muss etwas passieren. Früher waren es oft Industrielle, die moderne Siedlungen bauten, denken Sie an die Siemensstadt. Viele Gebäude aus dieser Zeit sind keine Schönheiten, aber sie wurden aus Ziegeln gebaut, einem Material aus der Region. Solche Ideen fehlen heute. Investoren und Politik sind sich zu nah, gleichzeitig gibt es zu viele Regeln. Wir benötigen keine neuen Kapitalanlagen, sondern Wohnraum, der Menschen zusammenbringt. Ich stelle mir Häuser vor, in denen Jüngere günstiger wohnen und dafür für ältere Nachbarn da sind. Wir brauchen mehr Miteinander, wir können nicht alles an den Staat delegieren. Auch hier kann Europa von Afrika noch lernen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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