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Junge Frauen in Malmö: Selbstvergewisserung, wem die Stadt gehört

Junge Frauen in Malmö: Selbstvergewisserung, wem die Stadt gehört

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL

Eurovision Song Contest in Malmö »Wie will man über Frieden reden, wenn man nicht einmal gemeinsam singen kann?«

Malmö hat einen Ruf als Hochburg von Kriminalität, Krawall und Judenhass. Der ESC sollte das Image der Stadt aufwerten, doch nun wühlt die Gaza-Frage alle auf. Wird der diesjährige Wettbewerb der letzte seiner Art?
Aus Malmö berichten Jan Petter und Åsa Sjöström (Fotos)
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Am pünktlichsten sind die Kommunisten. Kurz danach kommt die schwedische Polizei in Minibussen vorgefahren. Und dann, um 15 Uhr am Donnerstag, sind plötzlich alle da auf dem Stortorget, dem zentralen Platz der Stadt. Allein aus dem nahen Kopenhagen acht Busse, heißt es. Migrantinnen mit dunklen Kopftüchern, viele Anwohner mit Kindern, Studierende. Jemand hat den Felsendom aus Gips nachgebaut und trägt ihn auf einem Besenstiel durch Malmö, während unweit davon Bilder palästinensischer Terroristen in den Himmel gehalten werden. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Volksfest und Protest. Was alle eint: die Wut darauf, dass Israel am Eurovision Song Contest (ESC) teilnimmt.

Bis zu 12.000 Menschen seien es, werden die Behörden später sagen. Die schwedische Polizei ist mit einem Großaufgebot da, Kollegen aus Norwegen und Dänemark unterstützen. Die sogenannte Dialogpolizei ist so präsent, dass man sich fragt, ob es in Schweden einen Deeskalationsexperten gibt, der gerade nicht auf dem Platz steht.

Antiisraelischer Protest auf dem Stortorget in Malmö

Antiisraelischer Protest auf dem Stortorget in Malmö

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL

Malmö hat einen Ruf als Hochburg für Kriminalität, Krawall und Judenhass. Viele, die hier leben, haben palästinensische oder arabische Wurzeln, mehr als die Hälfte hat eine Migrationsgeschichte. Probleme wurden lange ignoriert, der ehemalige Bürgermeister fiel selbst durch Antisemitismus auf. Noch am 7. Oktober fuhren Autokorsos für die Hamas, in den vergangenen Monaten wurden Israelflaggen verbrannt, jüdische Schulkinder bedroht. Nach dem Angriff auf den jüdischen Staat hat sich die Zahl der antisemitischen Hassverbrechen in Schweden verfünffacht. Ausgerechnet hier, in dieser Hochburg der Probleme, soll an diesem Donnerstagabend die Sängerin Eden Golan im Vorentscheid für Israel antreten.

Irgendwo wird später noch Greta Thunberg auftauchen und in der Nähe stehen, wenn Hassparolen gerufen werden. Der Protestzug geht da noch kilometerlang durch die Innenstadt.

Im politischen Stockholm heißt es schon seit Tagen, das öffentlich-rechtliche schwedische Fernsehen, das den Wettbewerb in seiner heutigen Gaga-Glitzer-Form erst berühmt gemacht hat, schaufele sich in Malmö womöglich sein eigenes Grab. Sollte es knallen, seien nach dem Song Contest in Malmö Konsequenzen unausweichlich. Wird der diesjährige ESC jetzt der letzte seiner Art?

Geschwisterpaar Sally und Nicholas O’Neill: Sie wollen ein Zeichen setzen

Geschwisterpaar Sally und Nicholas O’Neill: Sie wollen ein Zeichen setzen

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL

Am Rande des Platzes stehen zwei junge Menschen, schnell von einer Menschenmenge umringt. Er trägt Kippa und ein bunt gemustertes Hemd, sie eine gelb leuchtende Jacke. Beide halten sich an ihren Schildern fest. »Jews for Peace« steht auf einem, »Jews for Palestine« auf dem anderen. Vorbeigehende tätscheln ihnen den Arm, als wären sie Maskottchen. »Great, great!«, wird gerufen, »you are two of us!« Viele wollen Fotos, manche gleich ein Videointerview. Zwischendurch zischen junge Typen: »What do you think about Zionism?«

Der junge Mann stellt sich als Nicholas O’Neill vor, er ist mit seiner Schwester Sally hier. Beide leben in Malmö. Sie wollten ein Zeichen setzen, sagt er. Auch als Jude könne man mit den Palästinensern mitfühlen. Sie sagt, dass es ihre erste Demonstration dieser Art sei. »Wir hoffen auf Dialog.« Doch als ihr Bruder in einem Gespräch erklären will, warum noch mal Juden nach 1933 nach Israel kamen, wird es schnell ruhig. Darüber will man jetzt doch nicht diskutieren.

Während die Massen durch die Straßen ziehen, brüllt eine junge Frau vom Wagen vor: »Western media, what will you say – how many lies will you tell today?« Viele brüllen mit, darüber mit einem Journalisten reden will niemand. Sie wollen ernst genommen werden, aber nicht beim Wort.

An einem anderen Ort steht ein junger Arzt des örtlichen Krankenhauses. Er feiere heute seinen 36. Geburtstag, sagt Filip Andersson. Auf seinem Schild: »Even the gays are boycotting«.

Protestschild in Malmö: »Even the gays are boycotting«

Protestschild in Malmö: »Even the gays are boycotting«

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL

Ohne ihm zu nahe treten zu wollen: Denkt er auch über die schwulenfeindliche Ideologie der Hamas nach? Nein, sagt Andersson, das sei gerade nicht seine Sorge. »So etwas spielt keine Rolle, solange ein Völkermord stattfindet.«

Kontakt mit Menschen aus Israel oder Jüdinnen oder Juden hatten nach eigenen Angaben bislang die wenigsten auf dieser Demonstration. Den gewachsenen Antisemitismus in Malmö erkennen manche an, andere leugnen oder relativieren ihn. »Ich kenne auch Juden, die gegen Israel sind«, sagt ein junger Mann, der sich als angehender Lehrer vorstellt. Viele beklagen Rassismus gegen Muslime oder die rechte Regierung. Oder fragen: Warum wurde Russland ausgeschlossen aber Israel nicht, obwohl in Gaza Zehntausende Zivilisten gestorben sind?

Kilometerlanger Protestmarsch vor dem Eurovision Song Contest

Kilometerlanger Protestmarsch vor dem Eurovision Song Contest

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL
Polizistinnen in Malmö: Organisatoren und Behörden sprechen sich ab

Polizistinnen in Malmö: Organisatoren und Behörden sprechen sich ab

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL

Der Protest passt schlecht zum unpolitischen Image, das die Veranstalter vom ESC gern aufrechterhalten würden. Mag schon sein, dass in der Halle Palästinafahnen verboten sind, aber auf der Straße hat gefühlt jeder Zweite eine dabei. Auf der offiziellen Fanmeile sieht man bis jetzt mehr Flaggen an den Fenstern als Schlagertouristen in Glitzer.

Der Protest wirkt nicht zuletzt wie eine Selbstvergewisserung, wem die Stadt gehört. Die Karten für den Song Contest kosteten mehrere Hundert Euro, zu den omnipräsenten Sponsoren gehören TikTok, eine Billigfluglinie und eine Firma für Haarpflegeprodukte. Das Spektakel erscheint vielen hier wie eine Straßenlaterne, die ungefragt vor dem Fenster steht. Hubschrauber kreisen, sie haben den Ärger, damit andere feiern dürfen. So sehen es viele.

Die große Show ist angesichts der Proteste bislang zum stillen Nebenevent verkommen. Was rund um den eigentlichen Wettbewerb in der Arena am Stadtrand geschieht, erfährt man kaum, höchstens auf X: Die israelische Sängerin muss angeblich mit zehn Autos eskortiert werden, neue Zwischenfälle, Belgien wohl draußen.

Im sogenannten ESC-Village im Folkets Park herrscht am Abend des letzten Vorentscheids gespenstische Leere. Vor der Bühne stehen keine hundert Fans, der Rasen bleibt dunkelgrün und sauber. Zwei Schweizer Fans hüllen sich in ihre Fahne und erzählen von Nemo, ihrem Idol und großen Favoriten. Die Proteste können sie nicht richtig verstehen. »Wie will man über Frieden reden, wenn man nicht einmal gemeinsam singen kann?«, fragt Ronny aus der Nähe von Zürich. Seine Begleiterin nickt. »Ja, das ist nicht sehr schön.«

Sogenanntes ESC-Village im Folkets Park: Der Rasen bleibt dunkelgrün und sauber

Sogenanntes ESC-Village im Folkets Park: Der Rasen bleibt dunkelgrün und sauber

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL
Bühne im ESC-Village: Viele Einheimische meiden das Event in ihrer Stadt

Bühne im ESC-Village: Viele Einheimische meiden das Event in ihrer Stadt

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL

Fast zeitgleich versammeln sich vor dem Park Hunderte zu einer weiteren, nicht angemeldeten Palästina-Demonstration. In der Nähe steht eine Mauer, die inzwischen berüchtigt ist in Malmö. Anfang der Woche wurden alle Graffitis zum Gazakrieg entfernt, viele empfanden es als Zensur. Die Stadt entschuldigte sich. Jetzt sind die Wände wieder bunt, Aufrufe zur Intifada inklusive. Es ist ein beliebter Ort für Selfies. Die Polizei steht nebenan.

Unter einer Discokugel entfachen Demonstranten bengalische Feuer, rufen Boykottparolen. Als Polizisten einer Spezialeinheit zwei Männer aus der Menge ziehen, droht die Stimmung gegen 20.45 Uhr kurz zu kippen. Die beiden werden abgeführt, andere rennen hinterher, auf einmal tauchen Zivilpolizisten auf. Die Ordner, oft ältere Männer und Frauen aus der palästinensischen Community, bemühen sich um Mäßigung. »Junge Männer, viele Gefühle«, versucht es einer zu erklären.

Mutter mit Kind an der inzwischen berüchtigten Graffitimauer in Malmö

Mutter mit Kind an der inzwischen berüchtigten Graffitimauer in Malmö

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL

Seit Monaten finden in der Stadt Demonstrationen gegen den Gazakrieg statt. Die Organisatoren der Proteste sprechen sich eng mit der Polizei ab, um Eskalation zu vermeiden. Es ist ein wackeliger, durchaus hinterfragbarer Kompromiss. Doch bislang scheint er zu halten. Sorgen macht man sich in diesen Tagen vor allem um mögliche Krawalltouristen. Als gegen 23 Uhr am Donnerstag klar wird, dass Israel im Finale auf der großen Bühne steht, bleibt es ruhig.

Fredrik Sieradzki, Sprecher der jüdischen Gemeinde in Malmö, lobt mehrfach die Polizei und die Tatsache, dass es bei den Protesten bisher nicht zu Gewalt kam. Er freue sich auf den ESC und darüber, dass Israel es ins Finale geschafft habe. Er kommentiert den Krieg und Israels Regierung grundsätzlich nicht, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er vermische Religion und Politik. »Aber es ist guter Pop, ein toller Song«, sagt er.

Zuletzt musste er fast täglich Interviews geben und für Fotos posieren. Er hat sich im Lauf der Woche eine Erkältung eingefangen, seine Stimme kratzt. Am Freitagabend will er trotz aller Probleme den Schabbat feiern. In der kommenden Woche auch wieder. Der ESC wird dann bereits weg sein, aber Sieradzki noch da. Er muss sich arrangieren.

Er selbst nahm an einer kleinen proisraelischen Demonstration teil, zu der kaum hundert Leute kamen und bei der man sich freute, dass sie von palästinensischen Familienvätern abgeschirmt wurde, damit nichts passiert. Es gibt nicht mehr viele Kooperationen, etliche wurden nach dem 7. Oktober gestoppt.

Protest gegen die israelische ESC-Teilnahme

Protest gegen die israelische ESC-Teilnahme

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL
Jüdische Geschwister O’Neill: »Wir hoffen auf Dialog«

Jüdische Geschwister O’Neill: »Wir hoffen auf Dialog«

Foto: Åsa Sjöström / DER SPIEGEL

Malmö war einst auch ein Zufluchtsort für viele europäische Juden, die den Nazis entkamen, ein Schutzort im neutralen Schweden. Heute ist es eine Stadt, aus der sie fliehen. Von einst 2000 Gemeindemitgliedern sind heute keine 500 mehr übrig. Sieradzki sagt, das kommende Jahr werde entscheiden, ob es in Zukunft noch eine jüdische Gemeinde in Malmö gibt. Was am Rande des ESC noch passiert, dürfte ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde ein Ölkonzern als Sponsor des ESC angegeben. Tatsächlich handelt es sich bei Moroccanoil um eine Firma für Haarpflegeprodukte. Wir haben die Stelle korrigiert.