Proteste in Indien Der Widerstand der Frauen

Sie haben in ihrem Leben noch nie demonstriert, manche verlassen sonst nicht mal das Haus: Muslimische Frauen in Delhi sind seit Wochen im Sitzstreik - und dienen Einwohnern in anderen Städten als Vorbild.
Aus Bangalore und Delhi berichten Laura Höflinger und Sunaina Kumar
Sitzblockade von Frauen in dem Viertel Shaheen Bagh in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi

Sitzblockade von Frauen in dem Viertel Shaheen Bagh in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi

Foto: MONEY SHARMA/ AFP

30 Jahre lang ist Noorjehan Ali Khan nicht vor die Tür getreten. Sie zog vier Kinder groß, sie kochte, sie putzte; ihre Wohnung verließ sie nicht. Sie verkörperte das Bild, das ihre Gemeinde von einer anständigen muslimischen Frau hat: still, genügsam, unpolitisch.

Der vergangene Monat, sagt sie, habe ihr Leben verändert.

Die 45-Jährige steht auf einer Straße in einem Meer aus Frauen. Über ihr Kopftuch hat sie eine Kappe mit dem Motiv der indischen Flagge gezogen. Sie läuft in der Menge hin und her, es ist voll, wieder einmal sind Hunderte Frauen gekommen. Sie sitzen auf Plastikstühlen und Teppichen. Sie halten Kinder im Schoß. Die Gesichter der Kleinen sind orange, weiß, grün bemalt, die Farben der Trikolore. Auf Postern steht "I love my India".

Foto: Sunaina Kumar

Die Straße, auf der die Menschen sitzen, war vor nicht viel mehr als einem Monat noch eine Hauptverkehrsader. Ein wichtiger Knotenpunkt, der Delhi und seine Nachbarstädte verband. Der Verkehr ist mittlerweile zum Erliegen gekommen, die Rollos der Geschäfte sind heruntergelassen. Es habe klein angefangen, sagt Khan.

Am 15. Dezember hätten sie sich einfach hingesetzt und sich geweigert, wieder aufzustehen. Wer fragte, dem erzählten sie, dass sie gegen die Regierung protestieren. Dass sie erst weichen würden, wenn der Premier sich ihre Sorgen anhöre oder sein umstrittenes Gesetz zurücknehme. Ein Gesetz, das Flüchtlingen die schnellere Einbürgerung erlaubt. Allen außer Muslimen.

Das war am 15. Dezember. Mehr als 30 Tage später sieht es nicht so aus, als würde Indiens Premier Narendra Modi sich bewegen - die Frauen allerdings auch nicht.

Das Verrückteste: Man hört ihnen zu

Jeden Tag und jede Nacht harren sie seitdem hier aus. Eine brachte ein Zelt, eine andere einen Teppich, eine andere schließlich elektrisches Licht. Der Protest wuchs, und er wächst noch immer. Am Wochenende versammelten sich hier Tausende Menschen, viele kamen von auswärts und umringten die Frauen. Muslime, Hindus, Sikhs und Christen beteten zusammen.

Shaheen Bagh, die kleine Nachbarschaft, deren Namen vor ein paar Wochen auch Bewohnern Neu-Delhis kaum etwas sagte, hat den anhaltenden Protesten ein neues, ein weibliches Gesicht gegeben. In vielen Teilen des Landes tun es Frauen ihnen inzwischen gleich und treten in den Sitzstreik.

Es ist ein faszinierender Protest, weil er anders ist als vieles, was Indien bislang gesehen hat. Es ist gleichermaßen Akt des Widerstands - und der Emanzipation.

Demonstranten in Shaheen Bagh

Demonstranten in Shaheen Bagh

Foto: ADNAN ABIDI/ REUTERS

Hunderte Frauen sitzen an diesem Abend unter den Zeltplanen. Die Männer stehen lediglich am Rand und schauen zu. Die Frauen tragen eine Burka oder den Hidschab, viele von ihnen sind Hausfrauen, Mütter, manche Großmütter. Shaheen Bagh ist eine ärmliche, muslimisch geprägte Nachbarschaft.

Die Straßen sind eng und verwinkelt, die Häuser wirken klein und wie aufeinandergestapelt. Es ist nicht die neue indische Mittelschicht, die hier streikt, nicht die Elite, es sind nicht die üblichen Verdächtigen: Aktivisten, Intellektuelle, Linke, vor allem: Es sind keine Männer.

Es sind Hausfrauen, die erzählen, dass sie jetzt morgens schon um fünf Uhr aufstehen, damit ihnen genug Zeit bleibt, das Frühstück vorzubereiten, die Kinder zu füttern, die Hausarbeit zu erledigen und im Anschluss zu protestieren. Deren Männer häufig Wanderarbeiter sind, die aus den ärmsten Gegenden Nordindiens stammen. Ihre Familien sind konservativ und streng.

Demonstrantin Samina Aftab: "Es geht um unsere Existenz"

Demonstrantin Samina Aftab: "Es geht um unsere Existenz"

Foto: Sunaina Kumar

Viele, die hier sitzen, hätten das, was hier passiert, selbst nicht für möglich gehalten: Sie, die bis vor Kurzem nicht mal das Haus verlassen haben, übernachten auf einmal, eingewickelt in dicke Decken, auf der Straße. Sie, die gar nicht daran dachten, den Mund aufzumachen, rufen wütende Slogans, singen Lieder und Gedichte; schwenken die Flagge. Und das Verrückteste: Man hört ihnen zu.

Khan sagt: "Wir sind hier, um für die Zukunft unserer Kinder zu kämpfen; für unsere Zukunft."

Kritiker fürchten, Millionen Menschen könnten staatenlos werden

Khan und die anderen Demonstranten protestieren gegen Indiens neues Staatsbürgerschaftsgesetz. Dieses erleichtert Hindus, Sikhs, Christen, Buddhisten, Jains und Parsen, die vor 2014 aus Pakistan, Bangladesch oder Afghanistan geflohen sind und sich irregulär in Indien aufhalten, die Einbürgerung. Also fast jeder religiösen Minderheit Südasiens, mit einer großen Ausnahme: den Muslimen. Zum ersten Mal wird damit die Staatsangehörigkeit gesetzlich über Religion definiert

Die Regierung, die das Gesetz als Schutzmaßnahme für Verfolgte verstanden haben will, begründet es damit, dass Muslime in den drei Ländern nicht verfolgt würden. Modi hat mehrfach betont, indische Muslime müssten nichts befürchten. Das Gesetz sei nicht dazu da, jemanden "die Staatsbürgerschaft wegzunehmen, sondern sie ihm zu verleihen". Opposition und Aktivisten würden Indiens Jugend Lügen erzählen.

Proteste gegen das umstrittene Staatsbürgerschaftsgesetz von Premier Narendra Modi

Proteste gegen das umstrittene Staatsbürgerschaftsgesetz von Premier Narendra Modi

Foto: RUPAK DE CHOWDHURI/ REUTERS

Die Gegner des Gesetzes hingegen sehen in dem Gesetz vor allem einen Vorstoß von Modis hindu-nationalistischer Regierung die größte Minderheit des Landes, Indiens 200 Millionen Muslime, auszugrenzen. Sie weisen auf ein weiteres Projekt der Regierung hin, wodurch das Staatsbürgerschaftsgesetz erst Bedeutung erhält: Im Zuge eines neuen Bürgerverzeichnisses sollen alle Inder beweisen, dass ihre Vorfahren tatsächlich aus Indien stammen und sie keine illegalen Einwanderer sind. Doch viele Inder besitzen keine Papiere, vor allem die Ärmeren.

Millionen Menschen würden daher sehr wahrscheinlich scheitern. Hindus und andere müssten nicht viel befürchten: Sie würden dank des neuen Gesetzes eingebürgert; Muslime hingegen müssten die Abschiebung oder das Gefängnis fürchten. Der Streit über das Staatsbürgerschaftsgesetz spaltet die Gesellschaft zunehmend.

Khan hat Angst: "Wir sind hier geboren, unsere Großeltern sind hier geboren. Aber wie können wir es beweisen? Viele von uns Frauen sind nicht gebildet, viele kennen nicht einmal ihr Geburtsdatum. Wie sollen wir beweisen, dass wir Inder sind?" Und Samina Aftab, 32 Jahre alt, die ebenfalls demonstriert, sagt: "Es geht um unsere Existenz."

Die Nachbarschaft Shaheen Bagh in Neu Delhi

Die Nachbarschaft Shaheen Bagh in Neu Delhi

Foto: MONEY SHARMA/ AFP

Wie sie protestieren nun schon seit sechs Wochen Tausende Inder im ganzen Land an. Die meisten Demos verlaufen friedlich, aber es gab auch hässliche Szenen. Randalierer steckten Züge und Polizeiwachen an. Die Polizei griff mit Härte durch, mindestens 25 Menschen starben. Modi rückte die Demonstranten daraufhin in die Nähe linker Terroristen. Der Innenminister prangerte die angebliche Anarchie im Land an. Die Demonstranten, das ist die Strategie der Regierung, sollen als Feinde der Nation gelten und damit hartes Durchgreifen gerechtfertigt sein.

Aber singende Großmütter lassen sich nicht so leicht dämonisieren. Mütter mit Kindern nicht so leicht als Terroristen abstempeln. Frauen gelten gemeinhin als harmlos - und gerade das macht sie für Modis Regierung zum Problem.

In Shaheen Bagh zeigt sich Indien von seinen besten Seiten: politisch, patriotisch, ein Ort voller Wärme, wo der Besucher gerne Fragen stellen darf, aber vor allem essen muss. Die Frauen reichen Eier, das Reisgericht Biryani, Tee und Früchte. Shaheen Bagh ist vor allem ein Satz: "Kind, du musst doch essen!"

Freiwillige verteilen Kekse an die Demonstranten in Shaheen Bagh

Freiwillige verteilen Kekse an die Demonstranten in Shaheen Bagh

Foto: PRAKASH SINGH/ AFP

Es gab den Vorstoß, die Straße räumen zu lassen, der Protest behindere den Verkehr. Aber Delhis Oberster Gerichtshof wies den Antrag ab. Delhis Polizei, die in den vergangenen Wochen mehrere Grenzen überschritten und Demos notfalls mit Gewalt aufgelöst hat, hält sich ebenfalls lieber fern. Es ist ihre vermeintliche Schwäche, die den Frauen von Shaheen Bagh Stärke verleiht: Ihre Wehrlosigkeit macht sie unantastbar.

Es ist Abend, und Khans Beine fühlen sich mittlerweile taub an, ihr Rücken schmerzt. Seit sieben Uhr morgens läuft sie die Reihen ab, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Bis auf eine Pause am Nachmittag war sie den ganzen Tag auf den Beinen. Wenn sie heute nach Mitternacht nach Hause geht, werden ihre Füße wahrscheinlich wieder geschwollen sein; ihr Gang ist schon jetzt wankend. Aber sie ist euphorisch: "Ich habe mich noch nie so frei gefühlt. Wir fühlen uns stolz, und wir fühlen uns mächtig."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.