Thailands bekannteste Protestlerin »Was der Knast kaputt macht, merkt man erst draußen«

Panusaya Sithijirawattanakul kritisierte öffentlich den thailändischen König. Dafür kam sie bereits ins Gefängnis, weitere jahrelange Haftstrafen drohen. Treffen mit einer Frau, die keine Ikone mehr sein will.
Von Maria Stöhr, Bangkok
Die Studentin Panusaya Sithijirawattanakul beim Gespräch mit dem SPIEGEL im vergangenen Oktober

Die Studentin Panusaya Sithijirawattanakul beim Gespräch mit dem SPIEGEL im vergangenen Oktober

Foto: Karnt Thassanaphak / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Das Treffen mit der Frau, die vom thailändischen Regime gebrochen werden soll, weil sie auf eine Bühne gestiegen ist und ein Gedicht gegen den König vorgelesen hat, beginnt mit Zitronenkuchen.

»Kannst du ihr meinen besten Kuchen mitbringen?«, fragt die Bangkoker Konditorin.

»Wäre vielleicht übergriffig«, sage ich.

»Du musst ihr den geben, du musst ihr sagen, dass sie mein Idol ist, sie wird meine Generation befreien.«

Also mit Kuchen zum Termin. Auf dem Campus der Bangkoker Thammasat-Universität wird er der Rebellin übergeben. Panusaya Sithijirawattanakul, 23 Jahre, Soziologiestudentin, Feindin der thailändischen Regierung, nimmt den Kuchen so unbeeindruckt wie ein Rockstar die Rosen seiner Fans.

Vorwurf Majestätsbeleidigung: Panusaya Sithijirawattanakul bei ihrer Rede am 10. August 2020 in Bangkok

Vorwurf Majestätsbeleidigung: Panusaya Sithijirawattanakul bei ihrer Rede am 10. August 2020 in Bangkok

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

In Sithijirawattanakul sehen junge Frauen und Männer in Thailand eine Retterin, eine Kämpferin für die Freiheit und gegen die alten Eliten. Doch ihr Leben zu betrachten und das, was der Kampf sie bereits selbst gekostet hat, bedeutet, sich auch irgendwann diese Frage zu stellen: Wer rettet die Heldin?

Am 10. August 2020 hatte diese junge Frau, die alle »Rung« nennen, »Regenbogen«, eine Bühne mitten in Bangkok bestiegen. Sie trägt Brille, das dunkelbraune Haar schulterlang, eine rote Bluse. Sie liest vom Zettel ab. Zehn Punkte. Die zentralen: eine Reform der Monarchie. Macht und Reichtum des Königs  sollen beschnitten, die Militärregierung abgesetzt werden, eine echte Demokratie folgen.

Zu dem Zeitpunkt sind in der thailändischen Hauptstadt jede Woche Zehntausende auf den Straßen , begehren auf, fordern Neuwahlen. Angefacht durch die ökonomische Not in der Pandemie und die Notstandsgesetze, die die Regierung in der Coronakrise erließ.

Bei den Protesten in Bangkok im Jahr 2020 kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften

Bei den Protesten in Bangkok im Jahr 2020 kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften

Foto: SOPA Images / SOPA / LightRocket / Getty Images

Mittendrin Panusaya »Rung« Sithijirawattanakul, die dort oben, am Mikro, ein jahrhundertealtes archaisches Gesetz namens Lèse-Majesté bricht. Der thailändische König, heißt es darin, darf nicht kritisiert werden. Wer es dennoch tut, kommt 15 Jahre ins Gefängnis.

Vor diesem Tag im August hat es in Thailand auch schon welche gegeben, die protestiert, die laut kritisiert haben. Aber den König, den haben sie stets wie einen Voldemort umschrieben, als »He who must not be named«, sie haben drei Finger in die Höhe gereckt wie in den Hunger Games. Dann wagte »Rung«, was erst ein Demonstrant vorher öffentlich gewagt hatte: Den Monarchen laut beim Namen zu nennen wie das Zentrum eines großen Übels.

Gedenkfeier zum Oktobermassaker 1976: Sithijirawattanakul tritt mit Mitstreitern auf

Gedenkfeier zum Oktobermassaker 1976: Sithijirawattanakul tritt mit Mitstreitern auf

Foto: Lauren DeCicca / Getty Images

»Ich bin schüchtern. Ich mag nicht vor vielen Leuten sprechen. Aber ich musste es tun an diesem Tag. Es gab niemanden, der es tun wollte. Kein Mann, und erst recht keine Frau. Ich musste vorangehen.«

Sithijirawattanakul sagt, sie sei ans Mikrofon getreten, habe nur ganz flach geatmet, fast sei sie in Ohnmacht gefallen. Da seien diese vielen Menschen gewesen, die mit ihrer Sehnsucht zu ihr aufgeschaut hätten. Beinahe wäre kein Ton rausgekommen aus ihrem Mund.

Sie sagt, sie sei sich bewusst gewesen über die Konsequenzen. Sie habe eine Scheißangst gehabt. Es gibt ein Video bei YouTube , ein Filmteam begleitete Sithijirawattanakul am 15. Oktober 2020, als sie erneut eine ähnliche Rede hält, für die sie dann schließlich verhaftet wird.

Man kann sehen, wie Sicherheitskräfte in zivil spätabends an ihre Tür klopfen. Sithijirawattanakul sich auf den Boden legt wie ein Stein. Am Ende wird sie von mehreren Frauen und Männern in einen Rollstuhl gehoben und weggefahren. »Keep on fighting, Rung«, schreien ihre Freunde dem Polizeiwagen hinterher, »nieder mit dem Feudalismus, lang lebe das Volk!«

Es ist leicht, davon auszugehen, dass eine Person, die einmal einen gigantischen Mut aufgebracht hat und fortan den Titel einer Revolutionärin trägt, diesen Willen zum Kampf für immer behält. Doch was, wenn dich die Attacken deines Gegners irgendwann doch kaputt machen?

»Rung« ist der Spitzname von Panusaya Sithijirawattanakul. Er bedeutet Regenbogen

»Rung« ist der Spitzname von Panusaya Sithijirawattanakul. Er bedeutet Regenbogen

Foto: Karnt Thassanaphak / DER SPIEGEL

Mitte Oktober 2021, beim Zitronenkuchentreffen, trägt Panusaya Sithijirawattanakul ein schwarzes T-Shirt, auf dem der thailändische König Maha Vajiralongkorn zur Karikatur verfremdet aufgedruckt ist.

Sie spricht, wie sie geht: langsam, sanft, fast entrückt. Die paar Studierenden, die trotz Pandemie auf dem großen Campus geblieben sind, drehen sich nach ihr um. Sithijirawattanakul tut, als merke sie es nicht.

Sie ist gerade erst ein paar Wochen raus aus dem Gefängnis, zurück in ihrem Apartment auf dem Campus. Sie versucht sich auf ihren Alltag zu konzentrieren, auf ein normales Leben, aber gerade ist ja nichts irgendwo normal. Corona und so. Wir fragen, ob wir ihre kleine Wohnung sehen dürfen, sie sagt, das ginge nicht. Ihr Apartment sehe aus wie ihr Leben: nur noch Chaos.

Sithijirawattanakul erzählt. Wie sie, nach ihrer ersten Verhaftung, in ihrer Zelle depressiv wird, wochenlang nichts isst, kaum trinkt, dehydriert. Sie habe es nicht gewagt, mit den anderen Insassen zu sprechen. »Das waren vielleicht Mörder, Gewalttäter, und ich ja nur eine Studentin«, sagt sie.

Als sie dann, einige Monate später, erneut ins Gefängnis musste, änderte sie ihre Strategie. Das Draußen vergessen, da drinnen überleben. Sich mit Leuten verbinden. Sie teilte das Essen, das ihre Eltern in die Zelle schickten. Blendete die Proteste aus. Lächelte, wenn sie die Wärter sah und bat sie, gut auf sie aufzupassen. Fragte sich in ihrer Zelle, wo die Macht des Staates von den Wänden auf sie zuzukommen schien, zum ersten Mal, ob es das wert gewesen war. Zehn Punkte auf der Bühne.

Das einzige, worauf sie sich konzentrierte, erzählt sie, sei der Gerichtstermin gewesen, der immer näher kam. Der Tag, an dem sie ihre Familie wiedersehen würde. Sie kam erneut nur auf Kaution frei.

Sithijirawattanakul fordert: Die Militärregierung entmachten, die Monarchie beschneiden, Neuwahlen

Sithijirawattanakul fordert: Die Militärregierung entmachten, die Monarchie beschneiden, Neuwahlen

Foto: Karnt Thassanaphak / DER SPIEGEL

Mitte November 2021 urteilte das thailändische Verfassungsgericht, der Protest von Sithijirawattanakul sei ein »Missbrauch der Freiheit« gewesen. Ihre Reformforderungen kämen einem Putschversuch gleich. Auf Sithijirawattanakul werden weitere Prozesse zukommen; ihnen werden Haftstrafen folgen. 15 Jahre könnten es werden.

»Was der Knast kaputt macht«, sagt sie, »merkt man erst draußen.«

Sie träumt nicht gut. Flashbacks, als sei sie wieder in der Zelle. Die Einsamkeit im Gefängnis klebe auch in Freiheit noch an ihr. Sie fühle sich oft allein. Freunde raten: »Mach langsam.« Sie selbst denkt sich jetzt oft: »Weiß ich doch nicht, warum ich die Anführerin einer Bewegung geworden bin. Warum die Leute zu mir sagen, ich bewundere dich.«

»Weiß ich doch nicht, warum ich die Anführerin einer Bewegung geworden bin«

Panusaya »Rung« Sithijirawattanakul

Sithijirawattanakul ist keine Revolutionärin, die von ganz unten kommt. Nicht von dort, wo man die Leute mit der großen Wut auf die Mächtigen vermutet. Sie stammt aus einer Familie der Mittelschicht. Die Eltern haben einen KFZ-Betrieb, sind nie besonders politisch gewesen. Sie trägt teure Handtaschen. Die Möglichkeiten, die Bildungs-, die Aufstiegschancen, die in der thailändischen Gesellschaft zu haben sind, konnte sie so ziemlich alle haben. In die Tiefen, in die man fallen kann, wäre sie eher nicht gefallen. Woher kommt ihre Wut?

Sie erzählt von einem Austauschjahr in den USA, dem Blick von außen auf Thailand, der sie politisiert habe. Von dem Moment, als unter Premier und Ex-General Prayuth Chan-ocha im Februar 2020 die Future Forward Partei verboten wurde, eine Partei, die vielen Jugendlichen Hoffnung gegeben hatte, auch ihr. Da sei ihr klar geworden: In ihrem Land ist eine echte Demokratie nicht erwünscht.

»Ich will, dass alle Menschen in Thailand wieder eine Idee davon bekommen, was Möglichkeiten überhaupt sind«, sagt sie. Und: »Es hat schon früher Aufstände in Thailand gegeben. Aber die Kinder können davon nichts in ihren Schulbüchern lesen. Von wegen Demokratie. Hier ist es ein Verbrechen, seine Meinung zu sagen.«

Panusaya Sithijirawattanakul im März 2021 auf dem Weg zum Gericht

Panusaya Sithijirawattanakul im März 2021 auf dem Weg zum Gericht

Foto: Vichan Poti / Pacific Press / LightRocket / Images

Anderthalb Jahre, nachdem ganz Thailand Sithijirawattanakuls Namen kennengelernt hat, sind die Proteste auf den Straßen Bangkoks fast vollkommen verebbt. Es heißt, weil die Leute, die 2020 auf den Straßen waren – Junge, Studierende vor allem – keine Zeit mehr haben zum Demonstrieren. Sie müssten in der Pandemie schauen, dass sie was zu essen bekommen, Jobs finden.

Aber vielleicht fehlt auch die Anführerin von einst?

Sie sagt: »Klar kann man sagen, die Bewegung ist am Ende. Ich glaube, die Menschen sind noch genauso wütend. Wenn Corona vorbei ist, werden sie wiederkommen.«

Wo wirst du sein?

»Ich werde im Hintergrund weitermachen. Nicht mehr so viel auf der Bühne. Vor dem Gefängnis habe ich nicht viel nachgedacht. Jetzt kann ich nicht mehr abschalten. Frage mich: Ist diese oder jene Aktion die Folgen wert?«

»Was ich angestoßen habe, lässt sich nicht mehr zurückdrehen«

»Was ich angestoßen habe, lässt sich nicht mehr zurückdrehen«

Foto: Lauren DeCicca / Getty Images

Hat der Staat gewonnen?

»Was ich angestoßen habe, lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Die Kritik am König, sie ist jetzt überall.« Sie findet schon, dass sie was erreicht hat. Sie glaubt, sie wird nicht die Letzte sein, die laut den König kritisiert.

Noch einmal zurück in den vergangenen Oktober. Am 6. Oktober 2021 versammeln sich auf einem Gelände mitten in Bangkok Hunderte junger Männer und Frauen. Sie halten Schwarz-Weiß-Bilder in die Luft von Menschen, die mit dem Gesicht nach unten im Gras liegen. Es ist der 45. Gedenktag des Thammasat-Massakers. Sicherheitskräfte hatten im Oktober 1976 den Protest linker Studierender niedergeschossen. Dutzende waren gestorben, einer wurde in einem Baum aufgehängt.

Prodemokratischer Protest am Victory Monument in Bangkok im Oktober 2020

Prodemokratischer Protest am Victory Monument in Bangkok im Oktober 2020

Foto: Sakchai Lalit / AP

Viele, die jetzt wieder unzufrieden sind, identifizieren sich mit dem Aufstand von damals. Freiheit, Gehörtwerden, Demokratie. Gegen die Willkür der Macht. Gegen Stillstand. Die politische Elite habe sich damals, bei dem Blutbad, zum ersten Mal selbst entlarvt, finden sie.

Da ist eine Frau bei dem Jahrestag, die sagt, mit den Protesten in Thailand sei es immer gleich, sie malt Kreise in die Luft, wie um ein Hamsterrad zu beschreiben: Die Leute lehnen sich auf, die Staatsmacht antwortet mit Gewalt, dann sind die Leute wieder still. Bis zum nächsten Mal.

Panusaya Sithijirawattanakul ist auch auf der Gedenkfeier. Sie sitzt im Gras, etwas abseits. Immer wieder kommen junge Leute zu ihr. Ob sie ein Selfie mit ihr machen könnten? Die Heldin nickt, kaum merklich, lässt die Fotos zu. Eine Frau, zweites Semester vielleicht, sagt, schon wieder, diesen Satz. Du bist mein Vorbild. Aber »Rung«, die Frau, die den König herausforderte, die Rebellin, die keine mehr sein will, sagt nichts mehr.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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