Fakten zur Invasion Putin greift die Ukraine an – die Ereignisse des Tages sortiert

Russlands Präsident hat den Krieg begonnen, seine Armee rückt immer weiter vor. Wie ist derzeit die Lage, was sollten Sie wissen? Der Überblick.
Eine Frau wartet auf den Zug, um Kiew zu verlassen: Das russische Präsidialamt behauptete, die Angriffe dienten dazu, die Ukraine von angeblichen »Nazis« zu säubern

Eine Frau wartet auf den Zug, um Kiew zu verlassen: Das russische Präsidialamt behauptete, die Angriffe dienten dazu, die Ukraine von angeblichen »Nazis« zu säubern

Foto: Emilio Morenatti / AP

Und plötzlich ging alles ganz schnell: Russland hat die Ukraine angegriffen. In der Nacht zum Donnerstag hatte Präsident Wladimir Putin einen groß angelegten Militäreinsatz angekündigt, seit dem Morgen rollen die Panzer. Die internationale Gemeinschaft ist empört, Kiew ringt um Unterstützung – und der Kreml reagiert mit Abwiegelung. Ein Überblick über die Entwicklungen des Tages:

Die Lage am Abend:

Der russische Großangriff auf die Ukraine hatte in der Nacht begonnen – das gesamte Land wurde von mehreren Flanken angegriffen. Russische Soldaten rückten in einer Zangenbewegung von Belarus im Norden sowie vom Süden und Osten aus ein. Bereits am Nachmittag lieferten sich russische und ukrainische Soldaten dann Kämpfe nahe Kiew. Gut 20 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt nahm die russische Armee den Militärflugplatz Hostomel ein.

In Kiew und in der Hafenstadt Mariupol waren ebenso Explosionen zu hören wie in der Schwarzmeerstadt Odessa, in der zweitgrößten Stadt des Landes, Charkiw, sowie in Kramatorsk und an der Frontlinie zu den ostukrainischen Separatisten-Gebieten. Die Streitkräfte des Kreml haben nach eigenen Angaben die Luftabwehr der Ukraine »komplett unschädlich« gemacht.

Am frühen Abend nahmen russische Truppen zudem das Kraftwerk bei Tschernobyl ein. Russische Truppen waren demnach von Belarus aus ins Sperrgebiet eingedrungen. Ukrainische Behörden haben nach eigenen Angaben zudem die Kontrolle über Teile im Süden des Landes verloren.

Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte, die russische Armee habe mehr als 70 militärische Ziele in der Ukraine zerstört, darunter elf Flugplätze. Der Militäreinsatz werde so lange wie nötig andauern, erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Die Ukraine spricht von mindestens 68 Toten, darunter Soldaten wie Zivilisten. Die ukrainische Armee erklärte zudem, sie habe in der Ostukraine rund »50 russische Besatzer« getötet.

Bilder im Netz zeigen trauernde Ukrainer vor Getöteten. Ein Video zeigt einen Fahrradfahrer, der nach einem Luftschlag tot zusammenbricht.

Was Kiew sagt:

Präsident Wolodymyr Selenskyj verhängte das Kriegsrecht über die gesamte Ukraine und brach die diplomatischen Beziehungen zu Moskau ab. Er rief die Bürgerinnen und Bürger am Vormittag auf, nicht in Panik zu geraten und forderte eine weltweite »Anti-Putin-Koalition«. »Die Welt muss Russland zum Frieden zwingen«, erklärte er. Das Vorgehen Russlands verglich er mit jenem von Nazi-Deutschland zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Mit Bezug auf die Kämpfe in Tschernobyl schrieb Selenskyj auf Twitter, dies sei eine »Kriegserklärung an ganz Europa«. Russland warf er vor, einen »neuen Eisernen Vorhang« geschaffen zu haben. »Was hören wir heute? Es sind nicht nur Raketenexplosionen, Gefechte und das Dröhnen von Flugzeugen«, sagte Selenskyj am Abend in einer Ansprache. »Es ist der Klang eines neuen Eisernen Vorhangs, der sich senkt und Russland von der zivilisierten Welt abschottet.«

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Selenskyj hatte über den Tag verteilt mit zahlreichen westlichen Partnern mehrere Krisentelefonate geführt, darunter auch mit Kanzler Olaf Scholz (SPD) und dem österreichischen Kanzler Karl Nehammer. »Der ukrainische Präsident hat mit den Worten begonnen, er meldet sich aus einem Land, wo er nicht mehr weiß, wie lange es besteht, und er meldet sich als Präsident, ohne zu wissen, wie lange er noch am Leben ist«, sagte Nehammer nach dem Gespräch.

Was der Kreml sagt:

Russland verteidigte seine Invasion als angebliche Schutzmaßnahme. Das russische Präsidialamt behauptete, die Angriffe dienten dazu, die Ukraine von angeblichen »Nazis« zu säubern. Zudem müsse die Ukraine »demilitarisiert« werden. Kremlchef Putin bezeichnete den Angriff bei einem Treffen mit russischen Wirtschaftsvertretern als »notwendige Maßnahme«. »Uns wurden einfach keinerlei Chancen gelassen, anders aufzutreten.« Er hatte zuvor beteuert, Russland habe »keine Pläne für eine Besetzung ukrainischen Territoriums«.

Belegte Angriffe auf Zivilisten wies der Kreml zurück. »Der Zivilbevölkerung droht nichts«, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Mittag. Alle Videos, die Tote zeigen, seien Fälschungen. Die russische Armee führe »nur« Schläge gegen die ukrainische Armee und Luftwaffe aus, zivile Ziele würden nicht angegriffen.

Mit Blick auf die jüngst verhängten Sanktionen der Europäische Union (EU) sagte Russland, diese »unfreundlichen« Maßnahmen würden Moskau nicht an der Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine hindern.

In Moskau nahmen Sicherheitskräfte mindestens 167 Personen fest, die gegen den Krieg demonstrieren wollten. Russische Medien wurden zudem in ihrer Berichterstattung eingeschränkt. Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor verlangte von den Journalisten, dass sie nur Informationen verwenden, die »aus offiziellen russischen Quellen stammen«.

Wie die internationale Gemeinschaft reagiert:

International wurde der russische Angriff scharf verurteilt. Die Nato aktivierte ihre Verteidigungspläne, für Freitag berief das Militärbündnis einen Krisengipfel ein. Die EU und die USA kündigten neue, scharfe Sanktionen an. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte in Brüssel, sie werde den Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedsländer ein weiteres Paket »massiver und gezielter Sanktionen« vorschlagen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wendete sich am Abend in einer Fernsehansprache an die Deutschen. »Mit dem Angriff auf die Ukraine will Putin die Zeit zurückdrehen«, sagte Scholz. Der Überfall sei »durch nichts und durch niemanden zu rechtfertigen«. Es sei der Versuch, Grenzen innerhalb Europas gewaltsam zu verschieben und »vielleicht ein ganzes Land von der Weltkarte zu tilgen«. Putin gefährde so das Leben unzähliger Menschen.

US-Präsident Joe Biden erklärte, Putin habe sich »für einen vorsätzlichen Krieg entschieden, der zu einem katastrophalen Verlust an Leben und zu menschlichem Leid führen wird«, und warnte, die Welt werde »Russland zur Verantwortung ziehen«.

Die EU rechnet mit einer hohen Zahl an Schutzsuchenden aus der Ukraine. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sagte, mit allen östlichen Mitgliedstaaten seien »Notfallpläne« vereinbart worden, damit die Menschen sofort aufgenommen werden könnten. Polen kündigte die Errichtung von zunächst neun Erstaufnahmezentren an.

Im Fall einer weiteren Zuspitzung erwägt Innenministerin Nancy Faeser (SPD) nach SPIEGEL-Informationen eine unbürokratische Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine in Deutschland. Statt ein Asylverfahren durchlaufen zu müssen, könnte ihnen ein Aufenthalt zum »vorübergehenden Schutz« gewährt werden.

Weitere Hintergründe finden Sie hier:

mrc/dpa/AFP/Reuters