Aktivistin aus dem Sudan über den Putsch »Wir werden die Revolution vollenden«

Im Sudan hat sich das Militär an die Macht geputscht. Hier berichtet eine Revolutionärin von dem Gefühl, wieder von vorn anfangen zu müssen. Aufgeben kommt für sie nicht infrage.
Aufgezeichnet von Heiner Hoffmann, Nairobi
Sudans Hauptstadt Khartum am 26. Oktober: Die Proteste gegen den Putsch gingen auch am Mittwoch weiter

Sudans Hauptstadt Khartum am 26. Oktober: Die Proteste gegen den Putsch gingen auch am Mittwoch weiter

Foto: - / AFP
Globale Gesellschaft

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Montagmorgen. Auf dem Handy tauchen plötzlich diese Nachrichten auf: Der Premierminister festgesetzt. Kabinettsmitglieder verhaftet. Ausnahmezustand verhängt. »Nicht schon wieder«, denkt Shadin Alfadil. Sie ist Aktivistin im Sudan, Teil eines landesweit operierenden zivilgesellschaftlichen Netzwerks.

Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern setzt sie sich für mehr Frauenrechte, weniger religiösen Einfluss und mehr demokratische Mitbestimmung ein. Sie ist 2018 und 2019 auf die Straße gegangen, organisierte die Revolution mit, die Omar al-Bashir zu Fall brachte – einen der berüchtigtsten Diktatoren der Welt. Unter al-Bashir waren Regierungsgegner an geheimen Orten gefoltert worden, nach der Revolution hatten sie plötzlich eine Stimme in ihrem Land.

»Wir sind zurück an dem Punkt, an dem wir im Dezember 2018 waren. Wir sind wieder dort, wo wir mit al-Bashir waren. Ich glaube nicht, dass auch nur eine Freiheit, die wir erkämpft haben, bestehen bleiben wird. Wir sind dort, wo wir vor der Revolution waren. Das Verhängen des Ausnahmezustands ist nur der Anfang. Die Feindseligkeit des Militärs wird weiter steigen, sie werden noch brutaler werden, das Internet noch weiter beschränken. Unsere Freiheiten werden mehr und mehr eingeschränkt werden.

Ich war Teil der Revolution, die zum Sieg geführt hat. Ich bin selbst im Juni 2019 vom Militär attackiert worden. Was soll ich jetzt zum Putsch sagen? Ich bin einfach nur frustriert, weil so viele Erfolge zunichtegemacht werden. Frustriert wegen der vielen Leute, die damals ihr Leben verloren haben und nun verlieren wieder Menschen ihr Leben.

Aber ich habe keine Angst. Ich bin mir sicher, so wie ich es schon am Anfang der Revolution war, dass wir gewinnen werden. Wir werden es beenden. Aber es tut mir leid, dass wir auf diesem Weg nun noch mehr Leben verlieren und noch mehr Zeit verschwenden werden. Wir werden weiter leiden. Ich bin frustriert, weil eine Gruppe Feiglinge unsere Erfolge zerstört.«

Wir erreichen die junge Sudanesin am Dienstagabend per Telefon in der Hauptstadt Khartum. Die Verbindung ist schlecht, aber immerhin kommt sie zustande. Denn weite Teile des Telefonnetzes sind zu diesem Zeitpunkt abgestellt, das Internet sowieso. Das Militär schlägt die Proteste gegen den Putsch mit roher Gewalt zurück. Es gibt Berichte von Toten und Verletzten. Davon erzählt auch Shadin Alfadil. Überprüfen lassen sich die Aussagen kaum.

Demo während der Revolution 2019: Am Ende wurde Diktator al-Bashir gestürzt

Demo während der Revolution 2019: Am Ende wurde Diktator al-Bashir gestürzt

Foto: Mohamed Nureldin Abdallah/ REUTERS

Aber Videos zeigen die Präsenz des Militärs in den Straßen. Die Proteste gegen den Putsch gehen trotzdem weiter. Kurz vor dem Telefonat mit Shadin hat der Anführer des Putsches, General Abdel Fattah al-Burhan, im Rahmen einer Pressekonferenz versucht sein Vorgehen zu rechtfertigen. Er habe einen Bürgerkrieg verhindern wollen, behauptet er. Al-Burhan gibt sich als Verteidiger des Übergangs hin zu einer Zivilregierung. Ausgerechnet er, der gerade den zivilen Premierminister festgesetzt hat.

»Am Armeehauptquartier sind sie besonders gewaltsam gegen die Demonstranten vorgegangen, das wollten die Protestierenden stürmen. Wir können drei Tote durch Schüsse bestätigen, in den Kopf oder in die Brust. Es gibt fast 300 Verletzte, viele auch mit Schusswunden. Die Situation in den Straßen Khartums ist wirklich angespannt. Es sind weiterhin viele Menschen auf der Straße, trotz des verhängten Ausnahmezustands.

Am Montag ist es den Protestierenden sogar gelungen, die Brücken zu stürmen – obwohl die vom Militär bewacht wurden. Es ist ein Querschnitt der Gesellschaft auf den Straßen, Männer und Frauen. Die Militärs antworten mit Tränengas und scharfen Waffen. Das habe ich selbst erlebt, dort, wo ich war, wurde unmittelbar in meiner Nähe auf Protestierende geschossen.«

Shadin Alfadil meint: »Die Revolution wurde verraten.« Trotzdem kämpft sie weiter. Dieses aktuelle Bild schickt sie uns per WhatsApp

Shadin Alfadil meint: »Die Revolution wurde verraten.« Trotzdem kämpft sie weiter. Dieses aktuelle Bild schickt sie uns per WhatsApp

Foto: Shadin Alfadil

Im Sommer 2019, nach der Revolution, nach Monaten der Proteste und gewaltsamen Reaktionen der Sicherheitskräfte, nach Dutzenden Toten, kam es zu einem Kompromiss: Ein ziviler Premierminister soll die Regierung führen. Doch das Militär bleibt mächtig. Ein sogenannter Souveräner Rat, besetzt zur Hälfte aus Militärs, kontrolliert die Regierung. Der Vorsitzende dieses Rates, General al-Burhan, hat nun den Putsch angezettelt.

Teile der Übergangsverfassung wurden außer Kraft gesetzt. Darunter ein Paragraf, der den Einfluss der Islamisten eindämmen soll/redundant. Shadin fürchtet, dass damit nun die Errungenschaften der Revolution, die Stärkung der Frauenrechte und Meinungsfreiheit, wieder verloren gehen werden. Für Samstag sind landesweit Proteste angekündigt.

»Wir Demonstranten lehnen alle Aussagen al-Burhans ab. Es ist ganz klar ein Putsch und nicht die angebliche Rettung des geregelten Übergangs. Auf den Straßen rufen die Leute: Nieder mit al-Burhan, nieder mit dem Putsch. Sie wollen, dass al-Burhan zurücktritt. Sie wollen den Putsch beenden, al-Burhan soll die Gefangenen freilassen. Sie wollen das Militär gar nicht mehr an der Macht.

Die Revolution wurde verraten. Al-Burhan und seine Militärs waren nie ehrlich, was diesen Kompromiss angeht. Sie haben alles dafür getan, den Übergangsprozess zu torpedieren. Sie wollten den Wandel verhindern. Sie wollten nie Teil eines Wandels sein. Sie wollten diese Partnerschaft nur, weil sie ihnen Immunität gegen ihre Verbrechen versprach. Auch die, die sie 2019 begangen haben. Und jetzt wollen sie ihre Macht durch den Putsch schützen. Ich habe ihnen nie vertraut. Mit dem Putsch ist meine Skepsis leider bestätigt worden.

Bis wir den Frieden, die Demokratie erreicht haben, bis wir die Revolution beenden, bis wir eine Regierung haben, die die Menschenrechte respektiert, werden wir weitermachen. Al-Burhan hat keinen Ausweg. Er ist extrem frustriert. Dieser Putsch war seine letzte Möglichkeit. Deshalb wird er sehr hartnäckig sein, weil es für ihn keinen Weg zurück gibt. Er wird nicht schnell aufgeben. Aber die Sudanesen auch nicht.«

In der Hauptstadt Khartum kam es unmittelbar nach dem Putsch zu großen Protesten

In der Hauptstadt Khartum kam es unmittelbar nach dem Putsch zu großen Protesten

Foto: Mahmoud Hjaj / Anadolu / Getty Images

Kurz nach dem Putsch kamen die internationalen Statements. Die USA drehen den Putschisten den Geldhahn zu. Die EU droht gleiches an. Die Afrikanische Union (AU) verurteilt den Putsch und schließt den Sudan von allen AU-Aktivitäten aus, bis die zivil geführte Regierung wieder eingesetzt ist. Doch im Nahen Osten haben die sudanesischen Militärs noch mächtige Freunde.

»Die internationale Gemeinschaft ist jetzt von zentraler Bedeutung. Sie muss die Revolution unterstützen. Al-Burhan kann ohne Unterstützung nicht überleben. Wir sind voller Hoffnung und erwarten, dass uns die westlichen und afrikanischen Länder unterstützen. Die Leute hier verdienen Unterstützung für ihre Revolution. Wir werden die Revolution vollenden. Dabei hängen wir von der Entschlossenheit der internationalen Gemeinschaft ab. Da muss mehr kommen als Presseerklärungen.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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