Interview mit einer Ärztin aus Myanmar »Das Verlangen nach Demokratie ist größer als jemals zuvor«

Eine Ärztin behandelt in einem thailändischen Grenzort Geflüchtete aus Myanmar. Sie hilft bei Geburten, impft gegen das Coronavirus. Ihre Patienten berichten aus einem Land voller Gewalt.
Ein Interview von Maria Stöhr
Für viele myanmarische Geflüchtete ist die Mae Tao Klinik im thailändischen Grenzort Mae Sot eine erste wichtige Anlaufstelle

Für viele myanmarische Geflüchtete ist die Mae Tao Klinik im thailändischen Grenzort Mae Sot eine erste wichtige Anlaufstelle

Foto: ZUMA Wire / IMAGO
Globale Gesellschaft

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DER SPIEGEL: Frau Maung, Sie sind selbst einmal vor dem Militärregime in Myanmar nach Thailand geflohen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute Menschen in Ihrer Klinik behandeln, die nach dem jüngsten Militärcoup  im vergangenen Februar geflüchtet sind?

Maung: Im Jahr 1988 kam ich wie Tausende andere Myanmarinnen und Myanmaren – vor allem junge Leute – ins Nachbarland Thailand. Es waren viele Medizinstudierende und Krankenpfleger dabei damals. Wir haben uns zusammengetan und nach und nach ein Health Center auf thailändischer Seite der Grenze aufgebaut.

SPIEGEL: Anfangs haben Sie Ihr Behandlungsbesteck in einem Reiskocher sterilisiert.

Maung: Ich hatte einen festen Plan: den myanmarischen Geflüchteten zu helfen. Wir haben Medikamente verteilt, Verletzte versorgt. Helferinnen und Helfer ausgebildet. Geld und Material waren immer knapp, aber es gibt unsere Klinik bis heute. Wir sind eine wichtige Anlaufstelle für Migranten und Flüchtlinge aus meiner Heimat geworden.

Zur Person
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Seongmin Kim

Cynthia Maung, Jahrgang 1959, ist eine Ärztin aus Myanmar. Sie studierte in ihrer Heimat Medizin. In den 1980er-Jahren trat sie der prodemokratischen Bewegung gegen das damalige Militärregime bei; 1988 floh sie ins Nachbarland Thailand. Sie betreibt seit mehr als 30 Jahren die Mae Tao Clinic im Grenzort Mae Sot, wo sie Geflüchtete aus Myanmar genauso behandelt wie Frauen und Männer aus Thailand.

SPIEGEL: Was brauchen die Flüchtlinge, die jetzt in Thailand ankommen, am meisten?

Maung: Auch da gibt es direkte Parallelen zu dem Militärcoup von damals. Wir haben es mit unter- und mangelernährten Kindern zu tun. Mit Kriegsopfern, Menschen, die Prothesen brauchen, gebrochene Knochen haben. Schwangere, die versorgt, Geburten, die vorbereitet werden müssen. Frauen und Männer kommen mit Augenkrankheiten, Hautausschlägen, Durchfall, Zahnschmerzen. Aber wir helfen auch Patienten und Patientinnen mit allen möglichen übertragbaren Krankheiten. Ein großes Problem sind nach wie vor HIV-Infektionen. Unsere Klinik übernimmt aber auch Verantwortung über Krankheiten hinaus.

Behandlungszimmer in der Mae Tao Klinik nahe des thailändischen Grenzorts Mae Sot: Die Paste im Gesicht des Kindes heißt Thanaka, eine typische Hautpflege in Myanmar (Archivfoto)

Behandlungszimmer in der Mae Tao Klinik nahe des thailändischen Grenzorts Mae Sot: Die Paste im Gesicht des Kindes heißt Thanaka, eine typische Hautpflege in Myanmar (Archivfoto)

Foto: ZUMA Wire / IMAGO

SPIEGEL: Inwiefern?

Maung: Wir arbeiten mit NGOs zusammen, um Menschen mit unklarem Aufenthaltsstatus in Ausbildungen oder Jobs in Thailand zu vermitteln. Wir kümmern uns um Traumata, die von der Flucht, von Gewalterfahrungen in Myanmar stammen.

SPIEGEL: Wie sehr bereitet Ihnen die Coronasituation Sorge?

Maung: Das Grenzgebiet zwischen Thailand und Myanmar ist nach wie vor eine rote Zone. Zwar sind die Infektionen zurückgegangen. Aber wissen Sie, hier versuchen jeden Tag, jede Nacht, Menschen von einer auf die andere Seite der Grenze zu gelangen. Die Geflüchteten leben dann in größeren Gruppen, in schwierigen hygienischen Verhältnissen, die meisten sind nicht geimpft. Viele Infektionen bleiben wohl unentdeckt. Denn als illegaler Flüchtling gehst du nicht einfach mal so in eine thailändische Arztpraxis. Außerdem gibt es die Sprachbarriere, die meisten, die kommen, verstehen erst mal kein Thai.

Szene einer Auseinandersetzung zwischen Zivilisten und dem Militär in der myanmarischen Stadt Yangon

Szene einer Auseinandersetzung zwischen Zivilisten und dem Militär in der myanmarischen Stadt Yangon

Foto: STR / AP

SPIEGEL: Impfen Sie gegen das Virus?

Maung: Ab und an, ja. Wenn wir Impfstoff bekommen. Der kommt hier nach wie vor eher spärlich an. Wenn, dann verabreichen wir die Impfstoffe von Sinovac oder AstraZeneca. Wir arbeiten eng mit thailändischen Corona-Zentren zusammen und überweisen Infizierte, wenn nötig, dorthin.

Eines von Cynthia Maungs Behandlungszimmern in der Mae Tao Klinik: Viele, die über die grüne Grenze aus Myanmar nach Thailand flüchten, werden Opfer von Landminen – und benötigen Prothesen (Archivfoto)

Eines von Cynthia Maungs Behandlungszimmern in der Mae Tao Klinik: Viele, die über die grüne Grenze aus Myanmar nach Thailand flüchten, werden Opfer von Landminen – und benötigen Prothesen (Archivfoto)

Foto: David Longstreath / LightRocket via Getty Images

SPIEGEL: Lassen Sie uns über die Lage in Myanmar sprechen, zehn Monate nach dem Putsch. Welche Geschichten bringen die Menschen in Ihre Klinik mit, die gerade erst geflüchtet sind? Wie geht es den Menschen in Ihrem Heimatland?

Maung: Viele meiner Patienten waren in Myanmar akut bedroht, weil sie sich gesellschaftlich engagiert hatten oder gegen das Militär aufgestanden waren. Es werden ja immer wieder Demonstranten auf der Straße erschossen. Andere erzählen mir, sie mussten fliehen, weil sie überhaupt kein Geld mehr haben. Sie müssen sich vorstellen: Der Kurs der Währung fällt und fällt, die Wirtschaft kollabiert, Investitionen aus dem Ausland fallen weg. Die Menschen leiden Hunger.

Es gibt kaum Zugang zu Informationen, unabhängigen Medien. Das Militär kontrolliert alles. Es gibt kaum ärztliche Versorgung: Wer krank ist, wird keine Hilfe finden. Medikamente fehlen. Mein Heimatland ist in einer schweren humanitären Krise. Was mich traurig macht, ist, dass manche Länder weiter Waffen an die Militärjunta liefern und diese damit stärken; auf der anderen Seite werden humanitäre Hilfen nur sehr spärlich getätigt, sie stagnieren. Das schwächt die Zivilgesellschaft zusätzlich. Es wird so viel über eine humanitäre internationale Gemeinschaft gesprochen. Wo ist sie?

Was mich wirklich überrascht und überwältigt, ist, wie die myanmarische Zivilgesellschaft nun zusammensteht, vereint gegen das Militär. Die Menschen sind so mutig. Es hat sich ein sehr starkes Netzwerk gebildet gegen das Militär.

Die Mae Tao Klinik war schon vor dem Militärcoup im Februar eine wichtige Anlaufstelle für Myanmaren im Grenzgebiet

Die Mae Tao Klinik war schon vor dem Militärcoup im Februar eine wichtige Anlaufstelle für Myanmaren im Grenzgebiet

Foto: ZUMA Wire / IMAGO

SPIEGEL: Die Mächteverhältnisse sind dennoch klar. Hier ein ausgebildetes Militär, dort schlecht ausgerüstete Zivilisten. Woher der Mut? Kann die Zivilgesellschaft diesen Kampf gewinnen?

Maung: Ja! Ich habe das Gefühl, das Verlangen nach Demokratie und grundlegender Veränderung ist größer als jemals zuvor. Die Menschen wollen sich befreien aus der Unterdrückung. Die Jungen sind bereit, alles dafür zu geben. Wir vertrauen auf die Kraft des Volkes. Wir können nicht aufgeben.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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