Widerstand gegen Junta in Myanmar Stadt der Krieger

In einem thailändischen Grenzort formiert sich eine Guerilla gegen die Generäle in Myanmar. Sie schmuggeln Waffen, verarzten Wunden, planen den Kampf. Und glauben, nur sie könnten ihrer Heimat noch Freiheit bringen.
Aus Mae Sot berichtet Maria Stöhr
Straßenszene in Mae Sot, Thailand

Straßenszene in Mae Sot, Thailand

Foto: Aung Naing Soe / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Das Blut hat sich eine Bahn gesucht, vom Etikett im Nacken über den Hemdkragen nach vorn, wo die Knopfleiste beginnt. Den Stoff hinunter über die rechte Brust. Drei, vier Spritzer, vielleicht vom letzten harten Schlag gegen den Kopf, bei dem der Schädelknochen brach.

Das Blut ist trocken. Das Zeugnis der Gewalt ist für immer.

Min Nyo hat das Hemd auf dem Schoß, das er am Morgen des 10. März 2021 trug, in Pyay, einer kleinen Stadt in Myanmar, in der Region Bago. Er hatte auf den Straßen die Proteste gegen das Militär gefilmt. Er ist TV-Journalist, hatte seinen Job gemacht. Dann nahmen sie ihn fest, stellten ihn mit einer Plastiktüte über dem Kopf vor die Wand der Polizeistation, schlugen auf ihn ein, sperrten ihn weg.

Min Nyo, 54 Jahre alt, wurde in Myanmar vom Militär brutal zusammengeschlagen und eingesperrt. Das Hemd, das er bei der Festnahme trug, hat er wie einen Beweis bei sich

Min Nyo, 54 Jahre alt, wurde in Myanmar vom Militär brutal zusammengeschlagen und eingesperrt. Das Hemd, das er bei der Festnahme trug, hat er wie einen Beweis bei sich

Foto: Aung Naing Soe / DER SPIEGEL

Das Hemd ist grau und kurzärmlig, an manchen Stellen blau-weiß gestreift, Größe S. Jetzt, in Sicherheit, hier in einem Hotelzimmer in der thailändischen Grenzstadt Mae Sot, kann Min Nyo offen sprechen, über die sieben Monate, die er im Gefängnis in Myanmar verbracht hat. Wenn er es tut, fasst er sich mit der Hand an den Nacken, einmal, zweimal, dreimal. Fast wie um den Schmerz, an den er sich erinnert, abzustreifen.

Es ist für Min Nyo okay, in dieser Geschichte mit seinem echten Namen zu stehen, sein Gesicht zu zeigen. Seine Familie treffen, die zwei Söhne, die Tochter, die Frau, den Ort, an dem sie jetzt leben, das geht nicht. »Sie zögern nicht, uns zu töten«, sagt er. Min Nyo ist der Junta entkommen, aber seine Angst ist noch da.

Myanmar, seine Heimat, liegt nur auf der anderen Seite des Flusses. Er kann sie sehen. Und nicht vergessen.

Einer von zwei Grenzübergängen in Mae Sot. Auf der anderen Seite liegt die myanmarische Stadt Myawaddy

Einer von zwei Grenzübergängen in Mae Sot. Auf der anderen Seite liegt die myanmarische Stadt Myawaddy

Foto: Aung Naing Soe / DER SPIEGEL

Mae Sot, im Nordwesten Thailands, wirkt wie ein langgezogenes Dorf. An staubige Straßenzüge reihen sich dreistöckige Häuser, Shops, Autowerkstätten, Wohnungen. Etwa 50.000 thailändische Bürger leben hier. Dazu kommen Schätzungen zufolge noch einmal doppelt so viele Geflüchtete und Migranten aus Myanmar.

Der große Markt, auf dem es Papaya, Geflügel, frischen Tilapia gibt, ist zweigeteilt, in einen thailändischen und einen burmesischen Bereich. In den Auslagen der burmesischen Verkäuferinnen liegt Thanaka, eine gelbliche Paste aus zerriebener Baumrinde, mit der sich Frauen und Männer in Myanmar das Gesicht eincremen als Schutz vor der Sonne.

Eine Frau verkauft Fleisch in Mae Sot. Die thailändische Stadt war schon immer eine Anlaufstelle für Regimegegner oder Frauen und Männer aus Myanmar, die im Nachbarland einen besseren Job suchen

Eine Frau verkauft Fleisch in Mae Sot. Die thailändische Stadt war schon immer eine Anlaufstelle für Regimegegner oder Frauen und Männer aus Myanmar, die im Nachbarland einen besseren Job suchen

Foto: Aung Naing Soe / DER SPIEGEL

Mae Sot war schon immer eine erste Anlaufstelle für burmesische Regimegegner, und für Frauen und Männer aus Myanmar, die sich im Nachbarland Thailand auf die Suche machen nach einem besseren Leben, nach einer Arbeit in Hotels, Restaurants, Küchen, Fabriken, als Taxifahrer.

Es gibt zwei Grenzübergänge, breite Straßen für Lkw, die Waren von Thailand nach Myanmar bringen und von Myanmar nach Thailand, Baumaterial, Ernten, geschmuggelte Drogen, Jade, Hölzer. Und es gibt den Fluss, der hier stets keine harte Grenze war; Bauern und Fischer überqueren ihn mit ihren kleinen Booten jeden Tag.

Am 1. Februar 2021 putschte sich die Junta in Myanmar zurück an die Macht, das Land fiel nach Jahren des Aufbruchs wieder in die Hand des Militärs, es verhaftete Aung San Suu Kyi , die De-facto-Regierungschefin, eine Ikone für viele.

Im Februar, kurz nach dem Putsch, demonstrierten Tausende in Yangon für die Freilassung von Aung San Suu Kyi; inzwischen trauen sich nicht mehr viele auf die Straßen, das Militär geht gewaltsam vor

Im Februar, kurz nach dem Putsch, demonstrierten Tausende in Yangon für die Freilassung von Aung San Suu Kyi; inzwischen trauen sich nicht mehr viele auf die Straßen, das Militär geht gewaltsam vor

Foto: STR / AFP

Seitdem ist Mae Sot ein Zufluchtsort geworden für Geflüchtete aus Myanmar, Verfolgte, aus dem Gefängnis Entlassene. Auf der thailändischen Seite treffen sie sich alle wieder. In den Safehouses, den Teehäusern. Sie trinken Milk Tea, sprechen über zerbrochene Träume. Hoffen auf Asyl in den USA, Kanada, in Europa. Vor allem aber planen sie von hier den Widerstand. Mae Sot ist jetzt eine Stadt der Krieger.

Die Vereinten Nationen und andere Organisationen unterhalten in Mae Sot Schutzhäuser, sogenannte Safehouses, in denen Geflüchtete aus Myanmar vorübergehend wohnen können. Die kleinen Apartments sind über die Stadt verteilt, von hier aus stellen Burmesinnen und Burmesen ihre Asylanträge. Es sind viele Familien darunter. Tagsüber kann man sie in den Cafés im Zentrum treffen, in denen burmesischer Tee ausgeschenkt wird, wo frittiertes Roti mit Kondensmilch und »Lap Thoke«, ein Salat aus fermentierten Teeblättern auf der Karte stehen wie stille Erinnerungen an Zuhause.

Kurz nach dem Putsch: Zusammenstöße zwischen Protestierenden und dem Militär in Yangon

Kurz nach dem Putsch: Zusammenstöße zwischen Protestierenden und dem Militär in Yangon

Foto: Getty Images

Bis zum Februar sah es so aus, als sei Myanmar mit seinen 55 Millionen Einwohnern nach Jahrzehnten wechselnder Militärdiktaturen, Bürgerkriegen und Vertreibungen auf dem Weg zu mehr Offenheit und Demokratie. Ab Mitte der 2010er-Jahre hatten die meisten Menschen im Land Zugang zum Internet, nach langer Zeit der Zensur. Die Jungen studierten für ein Semester im Ausland, wuchsen mit Smartphones auf, mit sozialen Netzwerken. Sie merkten, dass gesellschaftliche, politische Unfreiheit etwas ist, das es nicht zu dulden gilt.

Nun haben wieder die Männer das Sagen, die in der Demokratie keinen Wert sehen und nur die Sprache der Gewalt verstehen. Seit dem Putsch hat die Junta Zehntausend Menschen verhaftet, laut der Assistance Association for Political Prisoners  mehr als tausend getötet. Das Militär, das heißt: eine Armee von 300.000 Mann, bewaffnet von China und Russland.

Anfangs protestierten die Menschen in Yangon und anderen Städten auf ihren Balkonen, sie schlugen abends auf Töpfe, zogen friedlich durch die Straßen. Dann schoss das Militär einer 20-jährigen Demonstrantin in den Kopf, wenig später einem sechsjährigen Mädchen, das sich bei einem Angriff in die Arme ihres Vaters flüchten wollte. Viele sagen, das sei der Moment gewesen, in dem aus friedlichem Widerstand ein gewaltsamer Kampf geworden sei.

Thinzar schmuggelt Waffen nach Myanmar

In einem anderen Hotelzimmer an einem anderen Ort rund um Mae Sot, der unbenannt bleiben muss, sitzt Thinzar, so soll sie jetzt heißen, an einem Tischchen und sagt: »Wir kämpfen gegen die Junta. Wir haben keine Wahl. Wir kämpfen, bis wir gesiegt haben.«

Ende Oktober werden in Thantlang in der myanmarischen Region Chin State Hunderte Häuser angezündet, angeblich durch Luftangriffe des Militärs

Ende Oktober werden in Thantlang in der myanmarischen Region Chin State Hunderte Häuser angezündet, angeblich durch Luftangriffe des Militärs

Foto: STRINGER / AFP

Thinzar ist Mitte zwanzig, sie hat in Yangon was mit Business studiert, Kunst gesammelt. Sie malt auch selbst manchmal. Eine Acrylfarbpalette und eine kleine Leinwand liegen auf der Ablage hinter ihr, sie hat ein Bild angefangen, schwarze abstrakte Figuren, darauf blutrote Sprenkel. Thinzar zieht an ihrer E-Zigarette.

Thinzars Eltern waren bei den politischen Unruhen 1988 und 2007 im Untergrund aktiv, Mutter und Vater waren mehrmals im Gefängnis, sie haben nie aufgehört, sich zu wehren. Jetzt ist die Zeit von Thinzar.

Und so schmuggelt sie Waffen und Munition von Thailand nach Myanmar, zu den Untergrundkämpfern. Ein geflohener ehemaliger Ingenieur aus Yangon baut auf thailändischer Seite die Fernzünder, die Thinzar über die Grenze nach Myanmar bringen lässt. Die Rebellen sprengen damit Militärfahrzeuge und Soldaten der Junta in die Luft. »To kill the trash«, »um den Müll zu beseitigen«, sagt sie.

Thinzar sagt, es sei zu gefährlich geworden für sie in ihrer Heimat. Sie stehe auf einer schwarzen Liste. Sie habe Kameradinnen und Kameraden sterben sehen. Sie habe sie von der Straße weggetragen. Sie könne ihr Land nicht im Stich lassen.

Junge Frau aus Myanmar auf dem Markt in Mae Sot

Junge Frau aus Myanmar auf dem Markt in Mae Sot

Foto: Aung Naing Soe / DER SPIEGEL

Seit dem Putsch hat sich im Untergrund in Myanmar eine Armee an Guerillakämpfern  formiert. Der International Crisis Group  zufolge sind es Hunderte bewaffnete sogenannte People's Defense Forces (PDFs). In den Dschungeln, in den Gebieten ethnischer Minderheiten in Myanmar trainieren sie für den Krieg gegen die Armee ihrer Heimat. Studierende, junge Männer und Frauen, Uni-Professoren aus den Städten robben jetzt alle zusammen über matschigen Boden im Urwald, bauen Hütten, üben an der Waffe, in Brigade A, Brigade B, Brigade C.

Der SPIEGEL konnte Bilder aus den Trainingscamps einsehen. Viele dort, die jetzt mit schmalen Armen auf die Freiheit ihres Landes schwören, koste es, was es wolle, waren vorher nicht politisch. Nun eint sie der Glaube, die letzte Generation zu sein, die verhindern kann, dass Myanmar für immer in einer Militärdiktatur versinkt. Doch was können Amateure des Krieges anrichten gegen eine Armada aus gerüsteten Militärkämpfern?

PDF-Kämpfer bei ihrem Kampftraining im Dschungel

PDF-Kämpfer bei ihrem Kampftraining im Dschungel

Foto: J Paing / MPA

Die Waffen, die Thinzar schmuggelt, werden in Myanmar wahrscheinlich Menschen töten, vielleicht Zivilisten.

Thinzar sagt: »Wenn wir das System zerstören wollen, müssen wir das in Kauf nehmen. Wir tun, was wir tun müssen.«

Hat sie dieser Coup verändert?

»Natürlich hat mich dieser Coup verändert. Vor einem Jahr wollte ich eine Kunstgalerie oder einen Buchklub eröffnen. Jetzt helfe ich dabei zu morden.«

Hat sie Angst?

»Ich bin ein Mensch. Ich bin jung. Ich habe Angst zu sterben. Es kann sein, dass ich sterbe. Dann wird jemand anders aufstehen und meine Arbeit fortführen. Myanmar muss frei werden. Diesmal muss es klappen. Wir werden siegen.«

»Es kann sein, dass ich sterbe. Dann wird jemand anders aufstehen und meine Arbeit fortführen. Myanmar muss frei werden.«

Thinzar, Waffenschmugglerin aus Myanmar

Thinzars Familie hat Asyl erhalten in einem anderen Land, weit weg. Sie selbst wird in Thailand bleiben, in Sichtweite. Sie kann seit sechs Monaten nicht mehr schlafen. Sie nimmt zwei verschiedene Schlaftabletten, um den Kopf aus zu bekommen.

Min Nyo, der Mann, der sein blutiges Hemd mit sich führt wie einen Beweis, sagt, wenn er keine Familie hätte, wäre er in Myanmar geblieben, hätte weiter gekämpft. Er ist für seine Familie gegangen. Jetzt unterstützt er die Menschen in Myanmar, seine Freunde und Arbeitskollegen, so gut es geht aus der Ferne. Leitet ihnen Informationen weiter, hört ihnen zu. Fragt, was sie brauchen.

Grenze zwischen Myanmar und Thailand im Grenzort Mae Sot

Grenze zwischen Myanmar und Thailand im Grenzort Mae Sot

Foto: Aung Naing Soe / DER SPIEGEL

Thinzar und Min Nyo. Zwei von Hunderten Gestrandeten in Mae Sot. Sie sind in Sicherheit, sie könnten irgendwo hingehen, von wo aus sie ihr Land, Myanmar, nicht mehr jeden Tag sehen müssten. Sie könnten versuchen, woanders ein neues Leben anzufangen, endlich frei zu sein. Seit der Unabhängigkeit von den Briten vor mehr als siebzig Jahren hat es in Myanmar fast kein Jahr politischer Ruhe gegeben. Ethnische Konflikte, Kämpfe um halbautonome Gebiete, Militärdiktaturen. Woher haben Thinzar und Min Nyo und die anderen den Glauben, dass es diesmal anders kommt?

Thinzar sagt: »Das ist die falsche Frage. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Das Militär hat uns unsere Zukunft genommen.«

Min Nyo sagt: »Sie behandeln uns wie Tiere. Sie haben nicht damit gerechnet, dass wir uns so sehr wehren würden. Dass uns die Freiheit so viel wert sein würde. Aber sie ist uns alles wert.«

Und dann sagen sie, an unterschiedlichen Orten rund um Mae Sot, beide das Gleiche. Nämlich, dass es viel Zeit brauchen wird, und viel Kraft. Aber, dass die Menschen von Myanmar am Ende gewinnen werden. Dass sie nicht weggehen werden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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