Studie über QAnon-Ideologie Corona-Pandemie verschärft Rechtsextremismus in Europa

Eine Studie hat sich den Corona-Protest in acht europäischen Ländern näher angeschaut. Ergebnis: Antisemitische Verschwörungsmythen und rechtsextreme Agitation sind weitverbreitet – besonders in Deutschland.
Demonstration gegen Corona-Schutzmaßnahmen (im August 2020 in Berlin): Rechtsextreme schöpfen Kraft aus »Pessimismus und Misstrauen«, so die Autorinnen und Autoren des Berichts

Demonstration gegen Corona-Schutzmaßnahmen (im August 2020 in Berlin): Rechtsextreme schöpfen Kraft aus »Pessimismus und Misstrauen«, so die Autorinnen und Autoren des Berichts

Foto: Christian Spicker / imago images/Christian Spicker

Auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Politik werden immer wieder antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet – nicht nur in Deutschland. Viele Verschwörungsmythen fußen auf der Ideologie der QAnon-Gruppierung, die unter anderem behauptet, eine »Finanzelite« habe die Corona-Pandemie von langer Hand geplant. Laut einer Studie in mehreren europäischen Ländern hat es QAnon geschafft, diese Erzählung während der Corona-Pandemie über ganz Europa zu verbreiten.

Mutmaßungen über vermeintliche Eliten, Lockdown-Entscheidungen und Impfkampagnen seien mittlerweile in rechtsextremen Gruppen auf dem ganzen Kontinent zu finden, heißt es in der Untersuchung der Berliner Amadeu Antonio Stiftung.

Die Studie unter dem Titel »State of Hate – Far Right Extremism in Europe«  wurde im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung, der britischen Nichtregierungsorganisation HOPE not Hate Charitable Trust und der schwedischen Expo-Stiftung durchgeführt. 12.000 Bürgerinnen und Bürger wurden in acht europäischen Ländern zu politischen und gesellschaftlichen Themen befragt. Außerdem legt die Studie Länderberichte zu 32 Staaten vor.

Antisemitismus sei nicht nur in Deutschland Kernbestandteil der Corona-Hetze, sagte Simone Rafael, Co-Autorin des Berichts. Ob die »Reichsbürger« in Deutschland, die Gelbwesten in Frankreich oder nationalistische Bestrebungen in den Niederlanden, Italien und Griechenland – die Stärke solcher Gruppen liege in der Verbindung von lokalen Ereignissen mit internationalen Entwicklungen.

Die aus den USA stammende Verschwörungsideologie QAnon habe sich vor allem in Großbritannien und Deutschland verbreitet und werde von unterschiedlichen Szenen gepflegt. Eine Gefahr sei auch der Rechtsterrorismus. Auch wenn Rechtsextreme sonst dem Nationalismus zugeneigt seien, gelte für sie Europa als gemeinsames »Abendland«, das »verteidigt« werden müsse.

Hildmann als Zugpferd der Verschwörungsbewegung

Die Diskussionen über Maßnahmen gegen die Pandemie hätten so die normale politische Debatte verdrängt und negative Einstellungen von einem Teil der Bevölkerung etwa gegenüber Minderheiten geschürt, heißt es in der Untersuchung weiter. Aus Pessimismus und Misstrauen könnten Rechtsextremisten so lange schöpfen, bis wieder Normalität einkehre.

In Deutschland hat die Verschwörungsbewegung laut der Studie einige prominente Zugpferde wie den Sänger Xavier Naidoo und den Koch Attila Hildmann. Beide verbreiten auf ihren Kanälen immer wieder judenfeindliche Äußerungen, Hildmann wird von der Studie neben Identitären-Chef Martin Sellner, dem Holocaustleugner Nikolai Nerling und dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke zu den reichweitenstärksten Aggregatoren gezählt.

Judenfeindliche Straftaten in Deutschland stark angestiegen

Darüber hinaus knüpfen vor allem Rednerinnen und Redner auf den »Querdenken«-Demos an Verschwörungsmythen an – und geben ihnen antisemitische Spins. So wurden die Corona-Beschränkungen der Bundesregierung mehrfach mit der Judenverfolgung in der Nazizeit verglichen, Teilnehmende zeigten sich unter anderem mit einem Davidstern, auf dem »ungeimpft« zu lesen war. Eine Rednerin aus Kassel verglich sich mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, ein Kind in Karlsruhe trug vor, sie habe ihren Geburtstag heimlich feiern müssen – wie einst Anne Frank . Das jüdische Mädchen lebte mit ihrer Familie in einem Hinterhaus versteckt, es kam nach ihrer Entdeckung im Alter von 16 Jahren in einem Konzentrationslager ums Leben.

Ein Blick in die Polizeistatistik zeigt: Den Worten scheinen auch Taten zu folgen. Die Polizei hat 2020 so viele judenfeindliche Angriffe festgestellt wie nie zuvor seit Beginn ihrer Zählung im Jahr 2001. Laut der Erfassung »Politisch Motivierte Kriminalität (PMK)« waren es über das Jahr verteilt 2275 antisemitischen Straftaten – im Durchschnitt täglich sechs judenfeindliche Delikte.

mrc/dpa