Krieg in Osteuropa Raketen auf Odessa, Tausende tote Zivilisten in Mariupol befürchtet – das geschah in der Nacht

Nach dem Grauen von Butscha könnten in Mariupol und Borodjanka noch schlimmere Entdeckungen warten. Präsident Selenskyj fordert Waffen. Und: Finnland steuert auf Nato-Antrag zu. Der Überblick.
Rettungskräfte arbeiten in den Überresten eines Wohnhauses in Borodjanka

Rettungskräfte arbeiten in den Überresten eines Wohnhauses in Borodjanka

Foto: Zohra Bensemra / REUTERS

Was in den vergangenen Stunden geschah

Bei einem Raketenangriff durch russische Streitkräfte sind ukrainischen Angaben zufolge Infrastruktureinrichtungen in der Region Odessa im Süden des Landes getroffen worden. Das berichtete die ukrainische Internetzeitung »Ukrajinska Prawda« mit Berufung auf den Stadtrat von Odessa in der Nacht zu Freitag. Der Raketenangriff wurde demnach vom Meer aus gestartet. Details zu den genauen Zielen und Schäden des Vorfalls gab es zunächst nicht.

Die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa hatte zuvor den Fund dutzender Leichen in Wohngebieten von Borodjanka gemeldet. »Allein aus den Trümmern von zwei Wohnblöcken wurden 26 Leichen geborgen«, erklärte sie auf Facebook. Wie viele weitere Tote in der nordwestlich von Kiew gelegenen Stadt noch gefunden werden, sei »unmöglich vorherzusagen«.

Wenediktowa warf Russland erneut Kriegsverbrechen vor. Beweise dafür »finden sich auf Schritt und Tritt«, erklärte sie. In Borodjanka gebe es keine militärischen Einrichtungen, »ihr einziges Ziel war die Zivilbevölkerung«.

Das sagt Kiew

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Situation in Borodjanka nach dem Abzug der russischen Truppen als verheerend bezeichnet. Die Lage in der Stadt sei noch »viel schrecklicher« als im vor wenigen Tagen von der ukrainischen Armee zurückeroberten Butscha, sagte Selenskyj am Donnerstag in einer Videobotschaft an seine Landsleute. »Es gibt dort noch mehr Opfer der russischen Besatzer.«

Am Donnerstag hatte der ukrainische Innenminister Denys Monastyrskyj gesagt, Borodjanka sei eine der am stärksten getroffenen Städte in der Region Kiew. Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft zufolge soll es in der Stadt die meisten Opfer in der Region Kiew geben. Bislang haben die Behörden aber noch keine Zahlen für diesen Ort genannt. Seit Mittwoch sucht der ukrainische Zivilschutz dort nach Überlebenden und Opfern.

Szene aus Borodjanka (am 6. April)

Szene aus Borodjanka (am 6. April)

Foto: Efrem Lukatsky / dpa

Selenskyj stellte in der Videobotschaft zudem die Frage, was passieren werde, wenn die Welt erfahre, was russische Einheiten in der schwer umkämpften Hafenstadt Mariupol getan hätten. Dort sei auf »fast jeder Straße« das, was die Welt nach dem Abzug der russischen Truppen in Butscha und anderen Städten in der Region Kiew gesehen habe. Die Angaben konnten nicht unabhängig geprüft werden.

Kurz nach Bekanntwerden des fünften großen EU-Sanktionspakets gegen Russland forderte Selenskyj noch schärfere Strafmaßnahmen. Die nun verhängten Sanktionen reichten noch nicht aus, um Russland aufzuhalten und den Krieg zu beenden, so der Präsident. Gleichzeitig verlangte er Waffen für sein Land, »mit denen wir auf dem Schlachtfeld gewinnen können«. Das werde die stärkste Sanktion gegen Russland sein.

Die Streitkräfte seines Landes täten weiterhin alles, um die Offensive der russischen Truppen im Donbass abzuwehren, sagte Selenskyj. Die russischen Einheiten würden in diesem Gebiet aktiver und sammelten neue Kräfte aus Russland.

Das sagt Moskau

Auch von der Gegenseite gibt es drastische Angaben zur Lage in Mariupol. Nach Angaben der dortigen von prorussischen Kräften eingesetzten Stadtverwaltung sind bei den Kämpfen bislang rund 5000 Zivilisten getötet worden. Der »neue Bürgermeister« Konstantin Iwaschtschenko sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, dass in der Stadt »60 bis 70 Prozent« aller Wohnungen zerstört oder beschädigt seien.

Iwaschtschenko schätzte außerdem, dass 250.000 Menschen die Stadt verlassen hätten, aber mindestens ebenso viele, wenn nicht sogar 300.000, noch in der Stadt seien. Die Ukraine schätzt hingegen, dass sich noch 100.000 Menschen in der Stadt befinden, in der die humanitäre Lage katastrophal ist. Die ukrainischen Behörden hatten die Zahl der zivilen Opfer zudem auf »Zehntausende« geschätzt und die Zerstörung auf »90 Prozent«.

Humanitäre Lage

Nach ukrainischen Angaben sind am Donnerstag mehr als 4500 Menschen aus umkämpften Gebieten in Sicherheit gebracht worden. Rund 1200 stammten aus Mariupol. Weitere rund 2000 kämen aus mehreren Städten im Gebiet Saporischschja, teilte die Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk am Donnerstagabend mit.

Aus dem Gebiet Luhansk im Osten des Landes seien aus den Städten Lissitschansk, Sjewjerodonezk, Rubischne und Kreminna zudem weitere rund 1400 Menschen evakuiert worden.

Die ukrainische Regierung hatte am Morgen landesweit zehn Fluchtkorridore angekündigt. Die Routen werden jeden Tag neu eingerichtet. Aus Moskau hieß es, aus Mariupol seien binnen 24 Stunden mehr als 2000 Menschen ohne Beteiligung ukrainischer Behörden evakuiert worden. Russland und die Ukraine werfen sich immer wieder gegenseitig vor, die Evakuierung von Ortschaften und Städten zu sabotieren.

Internationale Reaktionen

Die US-Regierung hat neue Sanktionen gegen zwei Staatsunternehmen aus Russland verhängt. Das US-Finanzministerium teilte am Donnerstagabend (Ortszeit) mit, betroffen sei das weltweit größte Diamanten-Förderunternehmen, Alrosa, sowie die United Shipbuilding Corporation (USC). USC entwickle und baue den Großteil der Kriegsschiffe der russischen Streitkräfte und liefere solche Schiffe auch an Kunden im Ausland. Etwaiger Besitz beider Staatsunternehmen in den USA werde eingefroren. Gegen Alrosa hatte die US-Regierung bereits nach Beginn des Krieges Sanktionen verhängt, diese wurden nun aber verschärft.

US-Präsident Joe Biden (am 4. April)

US-Präsident Joe Biden (am 4. April)

Foto: Ting Shen / POOL / EPA

US-Präsident Joe Biden begrüßte derweil die Suspendierung der Mitgliedschaft Russlands im Uno-Menschenrechtsrat. »Die Vereinigten Staaten haben eng mit unseren Verbündeten und Partnern auf der ganzen Welt zusammengearbeitet, um diese Abstimmung voranzutreiben«, teilte Biden am Donnerstag mit. »Die russischen Streitkräfte begehen Kriegsverbrechen. Russland hat im Menschenrechtsrat nichts zu suchen.« Nach der »historischen Abstimmung« in der Uno-Vollversammlung könne Russland im Menschenrechtsrat keine »Desinformation« mehr verbreiten. Russland erklärte die Mitgliedschaft in dem Uno-Gremium nach dem Votum am Donnerstag selbst für vorzeitig beendet.

Finnland steht nach Einschätzung seines Präsidenten Sauli Niinistö vor einem Mitgliedschaftsantrag bei der Nato. Er rechne mit einer »gewaltigen parlamentarischen Mehrheit« für einen entsprechenden Beitrittsantrag, sagte Niinistö der »Süddeutschen Zeitung«. Im Falle eines Antrags gehe er von einer »zügigen« Entscheidung der Nato aus.

Finnland ist EU-, aber kein Nato-Mitglied. Der russische Krieg hat die Debatte über einen Beitritt zu dem Militärbündnis in Finnland neu entfacht. Traditionell stehen die meisten Finnen einem Nato-Beitritt skeptisch gegenüber – jüngste Umfragen zeigten jedoch erstmals eine Mehrheit dafür.

Was heute passiert

  • EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist in der Nacht mit dem Zug von Südostpolen nach Kiew aufgebrochen. In der ukrainischen Hauptstadt will sie unter anderem den Präsident Selenskyj treffen. Die ehemalige Bundesverteidigungsministerin wird von einer Delegation begleitet, der auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, der slowakische Ministerpräsident Eduard Heger und mehrere EU-Parlamentarier angehören.

  • Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) reist zu Gesprächen mit dem britischen Premierminister Boris Johnson nach London. Bei dem Treffen soll es nach Angaben der Bundesregierung um den russischen Angriffskrieg sowie aktuelle internationale und bilaterale Themen gehen. Im Anschluss an das Gespräch ist eine gemeinsame Pressekonferenz geplant.

  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird in Finnland erwartet. Im Mittelpunkt der Reise stehen nach Angaben des Bundespräsidialamts »die Auswirkungen des brutalen Krieges in der Ukraine auf die europäischen Nachbarländer«. Der ukrainische Präsident Selenskyj wird per Videoansprache vor dem finnischen Parlament sprechen.

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jok/dpa/Reuters
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