Straßenschlachten in Spanien Kommunist gegen König

Der Rapper Pablo Hasél hetzt gegen die Monarchie und verteidigt Terroristen, jetzt sitzt er im Gefängnis. In Valencia und Barcelona brennen Barrikaden. Und selbst die Regierung streitet über den Fall.
Aus Saragossa berichtet Steffen Lüdke
Hasél-Graffito der katalanischen Künstlerin Cinta Vidal (in Cardedeu bei Barcelona): Lieblingsfeind Juan Carlos

Hasél-Graffito der katalanischen Künstlerin Cinta Vidal (in Cardedeu bei Barcelona): Lieblingsfeind Juan Carlos

Foto: NACHO DOCE / REUTERS

Pablo Haséls neues Video  beginnt mit einer Botschaft des Königs. Die Zuschauer sehen Felipe VI. auf einer Bühne hinter einem Rednerpult. »Ohne Meinungs- und Informationsfreiheit«, sagt der König, »gibt es keine Demokratie«.

Und dann legt Pablo Hasél los.

»Tyrann, das hier geht nicht nur an deinen Vater«, sagt er. Hasél rappt über einen Staat, der seinen Bürgern nicht diene, und über die Revolution, die der Staat nicht stoppen könne. Felipe, den König, nennt er einen »Faschisten«, zur Sprache kommt auch das Botox im Gesicht der Königin. Hasél fordert die »Guillotine«.

Das Video »Ni Felipe VI« hat Pablo Hasél am vergangenen Freitag veröffentlicht, an dem Tag also, an dem er seine Gefängnisstrafe antreten sollte. Die Audiencia Nacional, ein Gericht, das auch für Terrorismus zuständig ist, hatte ihn zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Er habe Terrorismus verherrlicht und die spanische Krone beleidigt, lautete das Urteil.

Statt seine Strafe anzutreten, verbarrikadierte er sich mit Freunden in der Universität seiner Heimatstadt Lleida. Als die Polizisten kamen, um ihn zu holen, ging ein Unterstützer mit einem Feuerlöscher auf die Beamten los. Pablo Hasél wünschte dem »faschistischen Staat« den Tod und reckte die Faust in die Höhe. Dann ließ er sich abführen.

Unterstützer von Pablo Hasél vor seiner Festnahme: »Guillotine«

Unterstützer von Pablo Hasél vor seiner Festnahme: »Guillotine«

Foto: Joan Mateu / AP

Seitdem demonstrieren Tausende Menschen auf den Straßen für seine Freilassung. Jede Nacht gibt es Straßenschlachten. Längst geht es um mehr als nur Haséls Fall. Seine Verurteilung hat in Spanien eine breite Debatte über Kunstfreiheit ausgelöst. Gerungen wird um die Frage, ob der spanische Staat die Meinungsfreiheit zu sehr begrenzt. Selbst die Koalition aus Sozialisten und Linksalternativen streitet: Hat Spanien etwa ein Demokratieproblem?

Hasél verteidigte Terroristen und Gewalt gegen Politiker

Pablo Hasél heißt mit bürgerlichem Namen Pablo Rivadulla Duro und bezeichnet sich selbst als Kommunisten. Der 32-Jährige stammt aus Lleida, einer Hochburg der Unabhängigkeitsbewegung im katalanischen Hinterland, sein Vater war Präsident des örtlichen Fußballklubs. Vor seiner Festnahme kannte man Hasél vor allem in der linksalternativen Hip-Hop-Szene. Seit 2005 hat er mehr als 50 Songs veröffentlicht.

Doch Pablo Hasél taugt eigentlich kaum als Held. In Texten und Tweets nennt Hasél Richter Nazis und verbrüdert sich mit Terrorgruppen wie der Eta oder der RAF. Den Bürgermeister von Lleida bezeichnete er als »Lügner, der einen Schuss verdient«. Konservativen Politikern wünscht er, dass ihnen jemand »einen Schuss in den Nacken jagt«.

Rapper Pablo Hasél: Nicht nur das lyrische Ich teilt aus

Rapper Pablo Hasél: Nicht nur das lyrische Ich teilt aus

Foto: PAU BARRENA / AFP

Den Vater von König Felipe, Juan Carlos I., beschimpft er als »Parasiten«, »Mafioso« und »Mörder«. Die Justiz verurteilte Hasél schon 2018 für die Hetze gegen Juan Carlos, er ist so etwas wie Haséls Lieblingsfeind.

In Interviews verteidigt der Rapper seine Unterstützungsaufrufe für Terroristen, er selbst sei kein Mitglied einer bewaffneten Bande. Sein Kampf sei die Kunst. Doch nicht nur sein lyrisches Ich teilt aus. Ein Gericht verurteilte ihn wegen eines Angriffs auf eine katalanische Journalistin. Am Donnerstag wurde eine weitere Haftstrafe bestätigt. Hasél könnte zweieinhalb weitere Jahre absitzen müssen, laut Urteil trat und bedrohte er einen Zeugen in einem Gerichtsprozess.

Pablo Hasél wird zur Symbolfigur

Die Demonstranten empfinden das offensichtlich als zweitrangig. Haséls Fall macht aus ihrer Sicht deutlich, wie die Justiz systematisch Meinungsfreiheit einschränkt. Seit Jahren schon ist die Audiencia Nacional, das zuständige Gericht, ein beliebtes Meme. Unter besonders polemischen Tweets warnt man ironisch vor der Strafverfolgung.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Vor allem junge Spanierinnen und Spanier marschierten am Donnerstag den dritten Abend in Folge durch die Innenstädte, sie forderten Freiheit für Pablo Hasél. Besonders in Valencia und Barcelona brennen jede Nacht Barrikaden, fliegen Pflastersteine auf Polizistinnen und Polizisten. Mehr als 100 Menschen wurden bereits verletzt, die meisten von ihnen Polizisten. Viele der Festgenommenen sind minderjährig.

Das harte Vorgehen der Polizei dürfte die Proteste noch verstärken. In Madrid drängten Beamte eine Gruppe junger Demonstranten an ein Schaufenster und schlugen auf sie ein, obwohl die Menschen nicht ausweichen konnten. In Barcelona verlor eine Demonstrantin ihr Auge, nachdem die Polizei sie mit einem Schaumstoffgeschoss getroffen hatte. Ein Foto zeigt die junge Frau auf dem Boden sitzend, die Corona-Maske unter dem Kinn. Blut quillt aus ihrem Auge.

Proteste gegen die Inhaftierung von Pablo Hasél: »Schuss in den Nacken«

Proteste gegen die Inhaftierung von Pablo Hasél: »Schuss in den Nacken«

Foto: NACHO DOCE / REUTERS

200 spanische Künstler unterstützen die Demonstranten. Schauspieler Javier Bardem und Regisseur Pedro Almodóvar haben ein Manifest unterschrieben, in dem sie Spanien mit Staaten wie Marokko und der Türkei vergleichen. Spanien ist nach Angaben der dänischen NGO Freemuse  der Staat, der weltweit die meisten Künstler einsperrt. Der mallorquinische Rapper Valtònyc floh wegen ähnlicher Texte wie Hasél nach Belgien.

Das Gesetz, das Valtònyc und Hasél zum Verhängnis wurde, steht nun im Zentrum der Debatte. Die konservative Volkspartei hatte den Artikel 578 des Strafrechts 2015 verschärft, der »Verherrlichung von Terrorismus« und die »Erniedrigung der Opfer« unter Strafe stellt. Das Gesetz ist außergewöhnlich breit gefasst, es wurde seither in über 70 Verfahren genutzt. Nicht nur Künstler werden auf Basis des Gesetzes verfolgt, auch weniger prominente Twitter-Nutzer, etwa die Geschichtsstudentin Cassandra Vera, die Witze über ein Terroropfer machte.

Protestpaar in Barcelona: Viele der Demonstranten sind Teenager

Protestpaar in Barcelona: Viele der Demonstranten sind Teenager

Foto: Emilio Morenatti / AP

Künstler trifft zwei wunde Punkte der Spanier

Haséls Fall mobilisiert auch deshalb so viele Menschen, weil der Rapper in seinen Texten die zwei großen Konflikte der spanischen Gesellschaft thematisiert: die katalanische Unabhängigkeit und den Streit um die Monarchie. Beides bietet den unterschiedlichsten Gruppen in Spanien Anschlusspunkte: Hasél setzt sich für die katalanische Unabhängigkeit ein. Den spanischen Staat kritisiert er mit ähnlichen Argumenten wie die Separatistenführer. Bei den Protesten nun sind, zumindest in Katalonien, oft die Symbole der Separatisten zu sehen.

Juan Carlos I., Haséls Lieblingsfeind, gilt zudem vielen jungen Linken in Spanien eher als Dieb denn als Bewahrer der Demokratie. Wegen einer Korruptionsaffäre ist er nach Abu Dhabi geflohen, der Skandal hat dem republikanischen Lager Auftrieb verliehen. Viele Demonstranten haben das Gefühl, dass Hasél vor allem wegen seiner politischen Ansichten verfolgt wird.

Einer der größten Kritiker der Monarchie ist Vizepräsident Pablo Iglesias. Jahrelang machte er selbst Stimmung gegen die politische »Kaste«. Vor der Katalonien-Wahl am vergangenen Sonntag erklärte er, dass in Spanien keine demokratische Normalität herrsche. Nun sieht er sich bestätigt. Seine Partei distanziert sich trotz der Gewalt nicht von den Protesten.

Gewaltsame Proteste: Jede Nacht brennen die Barrikaden

Gewaltsame Proteste: Jede Nacht brennen die Barrikaden

Foto: NACHO DOCE / REUTERS

Iglesias ist mit seiner linksalternativen Partei Podemos inzwischen selbst Mitglied der Regierung, trotzdem wird seine Partei nun ein Gnadengesuch für Hasél einreichen. Die Sozialisten sind entsetzt über Iglesias' Provokationen und verweisen auf Studien , die Spanien klar als Demokratie ausweisen. Den Artikel 578 wollen auch sie reformieren. Künftig soll es für Worte wie die von Pablo Hasél zumindest keine Gefängnisstrafe mehr geben.

Doch Podemos heizt die Proteste gar zusätzlich an. Für die Partei geht es auch darum, den eigenen Anhängern zu zeigen, dass man in der Koalition die eigenen Ideale nicht aufgegeben hat. In seinem neuen Song bezeichnet Hasél Iglesias als »domestiziert«. Man kann nur vermuten, dass dieser das nicht wirklich witzig fand.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.