Aus Kiew gerettete Heimkinder »Vor Abfahrt malten wir bei allen Kindern die Blutgruppe auf den Rucksack«

Das Kinderheim von Roman Kornijko liegt mitten im Kampfgebiet bei Kiew. Hier erzählt der Arzt, wie er 157 Kinder nach Deutschland rettete: drei schlaflose Tage Flucht in Bussen, ohne Proviant, aber mithilfe der Polizei.
Ein Interview von Jan Petter
Zurückgelassenes Kinderspielzeug

Zurückgelassenes Kinderspielzeug

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Emilio Morenatti / AP

Globale Gesellschaft

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Das Kinderheim Otchy Dim, zu Deutsch »Vaterhaus«, war einmal ein Ort der Hoffnung. Hunderte Kinder erhielten hier, am Stadtrand von Kiew, in den vergangenen drei Jahrzehnten ein neues Zuhause. Viele lebten bei Pflegefamilien auf dem Gelände, das der ukrainische Arzt Roman Kornijko mit seiner Frau verwaltet hatte.

Doch die Hoffnung ist seit vergangener Woche verschwunden. Seitdem Russland der Ukraine den Krieg erklärt hat, liegt das Kinderheim mitten im Kampfgebiet. Kurz nachdem die ersten russischen Panzer aufgetaucht waren, beschlossen die Kornijkos zu fliehen – gemeinsam mit 157 Kindern und 30 Erwachsenen.

Kiew am Freitag: Aus der ukrainischen Hauptstadt wurde über Nacht ein Kriegsgebiet

Kiew am Freitag: Aus der ukrainischen Hauptstadt wurde über Nacht ein Kriegsgebiet

Foto: Emilio Morenatti / dpa

Nach einer mehrtägigen Odyssee ist die Gruppe inzwischen in Deutschland angekommen. Für das Gespräch lässt sich der 55-Jährige von mehreren Deutschen helfen, die ihm auch in den vergangenen Tagen bei seiner Flucht unterstützten.

SPIEGEL: Wo erreichen wir Sie gerade?

Roman Kornijko: Wir sind in einer Jugendherberge in Freiburg. Dorthin hat man uns nach unserer Ankunft gebracht. Unsere Flucht aus Kiew dauerte 70 Stunden, wir haben drei Tage lang nicht geschlafen. Wir sind alle müde und müssen uns erst einmal ausruhen.

»Viele der Kinder haben nicht mehr als ihr Leben. Ich dachte mir: Zumindest das müssen wir schützen«

Roman Kornijko, Leiter des Kinderheims Otchy Dim

SPIEGEL: Wie kam es, dass die evangelische Stadtmission Freiburg eine private Rettungsmission für Sie gestartet hat?

Kornijko: Wir kennen uns seit 30 Jahren. Die deutschen Partner sitzen im Stiftungsrat unseres Heims und unterstützen uns seit Langem. Ich habe damals mit meiner Frau angefangen, Straßenkindern zu helfen; die Stadtmission erfuhr über ukrainische Arbeiter von der Lage in unserem Land und wollte auch helfen. Inzwischen betreiben wir gemeinsam das Heim, sie haben aber auch noch andere Projekte im Land. Neben Kindern von der Straße unterstützen wir heute auch viele, die nicht bei ihren Familien bleiben konnten: Kinder, die ungewollt waren oder in Gefahr. Wir bringen sie in Pflegefamilien unter. Mit unserer Arbeit konnten wir viel verbessern. Als sich der Konflikt jetzt zuspitzte, war klar, dass wir die Kinder retten müssen. Die jüngsten sind drei, die ältesten sind 18. Viele von ihnen haben nicht mehr als ihr Leben. Ich dachte mir: Zumindest das müssen wir schützen. Unser Kinderheim liegt zwischen zwei Flughäfen im Süden von Kiew. Die Kämpfe erlebten wir von Anfang an, um uns herum sind überall militärische Einrichtungen. Schon am Donnerstag fuhren bei uns im Viertel die russischen Panzer vor.

SPIEGEL: Was haben Sie in dieser Situation gemacht?

Kornijko: Ich rief die Kinder und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Keller zusammen und sagte, dass alle ihre Rucksäcke packen sollen. Ich sagte, dass es für uns nicht mehr sicher ist und dass wir unser Land verlassen müssen. Wir hatten das Glück, dass ein Busunternehmer uns helfen wollte. Gleichzeitig waren wir in Kontakt mit unseren Partnern aus Deutschland. Als ich sagte, dass wir fliehen, boten sie uns direkt ihre Hilfe an und telefonierten mit den zuständigen Stellen.

SPIEGEL: Wie ging es dann weiter?

Kornijko: Bevor wir losfuhren, malten wir bei allen Kindern mit Filzstiften die Blutgruppe auf den Rucksack. So wollten wir sichergehen, dass sie eine Überlebenschance haben, wenn wir beschossen werden.

SPIEGEL: Wie erklärt man Kindern einen Krieg?

Kornjiko: Wir sagten ihnen, dass es jetzt neue Regeln gibt. Alle müssen leise sein. Es dürfen nur diejenigen schreien, die verletzt sind. Wir erklärten: Es kann sein, dass manche vor Schock erstarren, wenn es einen Angriff gibt. Ihr müsst euch dann helfen. Schließlich sagte ich den Kindern: Ihr müsst jetzt für eine Weile zehn Jahre älter werden. Ihr müsst aufeinander Acht geben. Umgekehrt habe ich ihnen versprochen, sie zu beschützen und ihnen später ihre Kindheit wiederzugeben. Ich sagte ihnen, dass es in Freiburg viele schöne Häuser gibt und gerade schon warm ist.

SPIEGEL: Wie verlief dann Ihre Flucht?

Kornjiko: Wir verzichteten auf Proviant, damit niemand aufs Klo muss. Unterwegs wäre es zu gefährlich gewesen, das Fahrzeug zu verlassen. Als wir dann losfuhren, waren die Straßen aus Kiew bereits völlig verstopft. Zum Glück verfüge ich über Kontakte in der Stadt. So konnten wir mit einer Polizeieskorte im Gegenverkehr fahren. So verließen wir wie von Engeln begleitet mit vier Bussen und zwei Transportern Kiew.

Der Bewohner eines Hauses in Kiew, das bei den Kämpfen beschossen wurde, schaut vorsichtig durchs Fenster

Der Bewohner eines Hauses in Kiew, das bei den Kämpfen beschossen wurde, schaut vorsichtig durchs Fenster

Foto: Genya Savilov / AFP

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie unterwegs in einen Luftangriff gerieten?

Kornijko: Ja. In Riwne an einer Tankstelle. Wir hatten gerade fünf Minuten eine Pause eingelegt, weil wir uns 350 Kilometer nach Kiew sicher fühlten und die Kinder aufs Klo mussten. Es war mitten in der Nacht, als plötzlich Explosionen am Himmel erschienen. Alle wussten, dass wir an diesem Ort in Lebensgefahr sind. Wir sind dann sofort weiter und haben auch nicht mehr angehalten. Um die Kinder zu schützen, fuhren die Busse mit maximaler Geschwindigkeit und ohne Beleuchtung. Vor uns fuhr die Polizei mit Fernlicht, damit im Zweifel sie bombardiert werden und nicht die Kinder.

SPIEGEL: Wie gingen die damit um?

Kornijko: Alle im Bus haben laut gebetet, damit Gott uns nicht sterben lässt. Man musste es ihnen nicht sagen. Sie wussten, dass nur noch er uns schützen kann. Ansonsten war es ganz still. Niemand hat geweint, auch die Kleinsten nicht.

SPIEGEL: Wie kamen Sie dann nach Polen?

Kornijko: Wir erreichten die Grenze am Samstagmittag. Wir mussten mehr als 12 Stunden warten und standen in einem riesigen Stau. Niemand wusste, ob noch einmal etwas passieren würde. Alle waren deshalb extrem gestresst. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine erleichterte Einreise. Wir hatten den deutschen Partnern Listen geschickt mit allen Namen, damit sie uns offiziell einladen konnten. Aber nicht alle Kinder haben einen Pass.

»Um die Kinder zu schützen, fuhren die Busse mit maximaler Geschwindigkeit und ohne Beleuchtung«

Roman Kornijko

SPIEGEL: Die Ukraine lässt Männer zwischen 18 und 60 Jahren nicht mehr ausreisen. Waren auch Menschen in Ihrer Gruppe davon betroffen?

Kornijko: Es gab einen 18-jährigen Jungen, der nicht ausreisen durfte. Auch ein Pflegevater durfte nicht mit. Die Mutter und deren Kinder blieben dann bei ihnen und kehrten mit ihnen zurück. Das hat mir natürlich das Herz zerrissen. Es waren ohnehin schon etwa 100 Mitarbeiter und Pflegeeltern in Kiew zurückgeblieben. Aber was hätten wir tun sollen?

SPIEGEL: Waren Sie dennoch erleichtert, als Sie wussten, dass Sie es mit 157 Kindern und 30 Erwachsenen über die ukrainisch-polnische Grenze geschafft hatten?

Kornijko: Ich glaube, wir haben das gar nicht vollständig begriffen. Natürlich waren wir froh. Aber wir wussten auch, dass wir noch nicht am Ziel waren. Wir alle hatten eineinhalb Tage nichts gegessen. Bei der Weiterfahrt ging dann vor Breslau einer der Busse kaputt. Wir konnten ihn reparieren, ukrainische Busfahrer sind auch gute Handwerker. Aber die erlaubten Lenkzeiten unserer sieben Fahrer waren längst überschritten. Über die Kirche in Dresden bekamen wir dann Ersatzfahrer vermittelt. Bis die kamen, trafen wir für unsere Fahrer eine Absprache mit den Behörden: Wir durften weiterfahren, aber so langsam wie möglich. Das war vermutlich nicht ganz erlaubt. Aber auf der Flucht spielt so etwas keine große Rolle. Unsere Fahrer hatten zunächst Angst, dass wir sie zurückschicken, wenn sie nicht mehr fahren können. Verstehen Sie, was für eine Angst wir Ukrainer gerade haben?

SPIEGEL: Als Sie am Sonntagmittag in Freiburg ankamen, wurden Sie von Politikern empfangen, vielen gilt ihre Fahrt als Zeichen der Hoffnung. Wie geht es Ihnen und den Kindern jetzt?

Kornijko: Nach unserer Ankunft gab es eine Art Pressekonferenz mit dem Oberbürgermeister Martin Horn. Ich sagte, wie tapfer die Kinder doch alle waren. Sie haben viele Dinge erlebt, die sie nicht verstehen können. Viele hatten die Hoffnung, dass sie ihre leiblichen Eltern einmal wiedersehen. Jetzt ist ungewiss, ob diese überhaupt überleben werden. Mein deutscher Ansprechpartner bei der Stadtmission sagte nach unserer Rettung, er fühle sich wie nach einer Geburt. Man wartet Stunden oder Tage, und wenn dann alles gut ist, fühlt man sich erst einmal ganz leer und müde. So ähnlich geht es mir auch. Aber trotz des Schreckens sind wir froh. Die Kinder sind in Sicherheit. Uns wird hier gut geholfen, alle sind am Leben. Das ist das allerwichtigste.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Interviews war von 167 geretteten Kindern die Rede; diese Zahl wurde von der Stadtmission bestätigt, aber nach Veröffentlichung korrigiert. Es handelt sich um 157 Kinder. Wir haben die Stellen geändert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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