Britische Evakuierungsmission Katzen laut Parlamentsbericht aus Kabul gerettet, Menschen in Lebensgefahr gebracht

Überstürzt floh der Westen vergangenes Jahr aus Afghanistan, Tausende Ortskräfte blieben zurück. Ein britischer Parlamentsbericht rechnet mit der Evakuierung jetzt scharf ab. Statt Menschen habe Premier Johnson eher Tieren geholfen.
Britische Soldaten am Flughafen von Kabul, August 2021

Britische Soldaten am Flughafen von Kabul, August 2021

Foto: MoD Crown / Getty Images
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Die britische Evakuierungsmission in Afghanistan im vergangenen Sommer war eine »Tragödie«, sie offenbarte »schweres Systemversagen« und stellte nicht weniger als »Verrat an unseren Verbündeten« dar – zu diesem Urteil kommt keine Nichtregierungsorganisation, sondern das britische Parlament. Es ist ein vernichtendes Zeugnis, das der Auswärtige Ausschuss in seinem am Dienstag veröffentlichten Bericht der Regierung von Premierminister Boris Johnson ausstellt.

Ursachen für das Desaster seien ein Mangel an Entscheidungsfähigkeit sowie Führungsversagen gewesen. »Traurigerweise hat das viele Menschen die Chance gekostet, Afghanistan zu verlassen, und Leben in Gefahr gebracht«, sagte Ausschussvorsitzender Tom Tugendhat, selbst konservativer Parteifreund von Johnson. Als direkte Konsequenz forderte das Gremium den Rücktritt eines britischen Diplomaten aus dem Außenministerium.

August 2021: Tausende verzweifelte Afghanen versuchen am Airport von Kabul, einen Flug außer Landes zu bekommen

August 2021: Tausende verzweifelte Afghanen versuchen am Airport von Kabul, einen Flug außer Landes zu bekommen

Foto: Marcus Yam / EPA

Die Untersuchung ist das Resultat des überhasteten Rückzugs im vergangenen August. Nachdem die USA beschlossen hatten, ihre Truppen vollständig aus Afghanistan abzuziehen, verließen auch die westlichen Partner fluchtartig das Land. Während gleichzeitig die Taliban auf Kabul vorrückten, versuchten Zehntausende Afghaninnen und Afghanen, ihr Land mit den westlichen Truppen zu verlassen. Viele vergeblich.

Der jetzige Bericht ist nicht die erste Auseinandersetzung mit den Folgen des Rückzugs. Im vergangenen Jahr stand bereits der damalige britische Außenminister Dominic Raab schwer in der Kritik, weil er seinen Urlaub während der entscheidenden Tage der Mission nicht abgebrochen hatte. Später wurde Raab ins Justizministerium versetzt.

Neben ihm wird im Bericht auch Boris Johnson selbst erwähnt. Während Menschen in Lebensgefahr gebracht worden seien, setzte sich der Premier offenbar aktiv für die Rettung von Haustieren ein, so die Parlamentarier. Es gebe Anzeichen dafür, dass Johnson bei der umstrittenen Evakuierung von Hunden und Katzen aus Kabul eine entscheidende Rolle gespielt habe. Die Abgeordneten forderten deshalb weitere Aufklärung.

Auch ehemalige Ortskräfte der Deutschen protestierten für ihre Rettung – bis heute konnten nicht alle von ihnen aus Afghanistan ausreisen

Auch ehemalige Ortskräfte der Deutschen protestierten für ihre Rettung – bis heute konnten nicht alle von ihnen aus Afghanistan ausreisen

Foto: privat / DER SPIEGEL

Bislang, so heißt es im Bericht, besteht daran jedoch wenig Interesse. Die Regierung habe »bestenfalls absichtlich ausweichend und oft absichtlich irreführend« auf die Fragen des Parlamentsausschusses geantwortet. »Das Parlament kann die Regierung nur dann zur Verantwortung ziehen, wenn es darauf vertrauen kann, dass es ehrliche Antworten auf seine Fragen erhält«, so die Abgeordneten.

Bis heute warten in Afghanistan Zehntausende Menschen auf die ihnen zugesagte Evakuierung, auch nach Deutschland. Neben ehemaligen Ortskräften fürchten auch Menschenrechtsaktivisten, Lehrerinnen und Journalisten, dass ihr Leben unter den Taliban in Gefahr ist. Viele stehen bislang auf keiner Evakuierungsliste.

Talibankämpfer in Kabul

Talibankämpfer in Kabul

Foto: Ebrahim Noroozi / AP

Im Bundestag wurden deshalb in der vergangenen Woche Mittel für ein eigenes Aufnahmeprogramm bewilligt. Pro Jahr soll damit 5000 Menschen aus Afghanistan die Einreise nach Deutschland ermöglicht werden. Vertreter der Linken kritisierten den Plan als nicht ausreichend. Die Abgeordnete Clara Bünger forderte schnellere Unterstützung: »Zehntausende brauchen Hilfe, und zwar jetzt, nicht erst in drei oder fünf Jahren.«

Nach SPIEGEL-Informationen warten bis heute knapp 11.000 Afghanen auf die ihnen zugesagte Evakuierung aus dem Land. Hinzu kommen Helfer der Deutschen, deren Gefährdung bislang erst gar nicht geprüft wurde. Dazu gehört unter anderem eine afghanische Familie, die wochenlang Ortskräfte der Deutschen versteckte und seitdem selbst untergetaucht ist.

Nach Darstellung des Bundesinnenministeriums und des Auswärtigen Amtes kommen die Angehörigen der Familie trotz der Rettung Hunderter Menschen nicht für eine Aufnahme infrage. Die Linkenabgeordnete Bünger sagte dem SPIEGEL, sie fordere umgehend, den Fall neu zu bewerten: »Wenn Annalena Baerbock sich einen Rest Glaubwürdigkeit bewahren will, muss sie dafür sorgen, dass diese Entscheidung revidiert wird.«

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jpe/afp/dpa