Widerstand gegen US-Wahlergebnis Trumps Mann fürs Grobe

Mit wilden Anschuldigungen über angebliche Wahlfälschungen versuchen Trump-Getreue, seine Niederlage in Nevada anzufechten. Angeführt wird die Schlammschlacht von Richard Grenell, Ex-US-Botschafter in Berlin.
Aus Las Vegas berichtet Matthias Gebauer
Foto: John Locher / dpa

Aaron Gardners Geschichte dürfte Noch-Präsident Donald Trump gefallen. Es ist Freitagmittag, als sich der muskulöse Hüne vor dem Clark County Election Center am Stadtrand von Las Vegas aufbaut und einige Reporter um sich schart. Gardner zieht sich die Schutzmaske mit der US-Flagge runter. Dann wird er schnell laut. "Das ganze hier ist ein Betrug, das ist von langer Hand geplant, sie wollen uns unsere Stimmen klauen", schreit er fast, "nur so kann Joe Biden gewinnen".

Seine Geschichte klingt dramatisch. Erst erzählt der 41-Jährige, er habe schon vor Tagen bei einer Wahlstation für Donald Trump gewählt. Dann wird er atemlos. "Ein Freund riet mir dringend, ich solle auf einer Webseite der Wahlbehörde nachschauen, ob meine Stimme gezählt wurde", berichtet er. Dort habe er gesehen, die Stimme sei "provisional", also nur vorläufig gezählt. "Da wusste ich, dass die Demokraten die Stimme gestohlen haben", klagt Gardner.

Erst nach einigen Fragen wird der Vorgang etwas klarer. So war Gardner erst einige Wochen vor der Wahl nach Las Vegas gezogen, hatte bei der Stimmabgabe nur seinen alten Führerschein aus einem anderen Bundesstaat dabei. Deswegen wurde seine Stimme zunächst nicht gezählt. Einer der Helfer an der Wahlstation sagt später, deswegen habe der Wähler noch mal kommen müssen. Nach einer Verifikation der Identität sei die Stimme völlig normal gezählt worden.

Nevada ist nur der Anfang

Die Strategen von Donald Trump, der in Nevada gegen Joe Biden verloren hat, stören die Details solcher vermeintlichen Beispiele für Wahlbetrug nicht so sehr. Schon seit der Wahlnacht nennt Trump Nevada stets als einen der Bundesstaaten, in dem ihm der Sieg gestohlen worden sei und wütet gegen "illegale Stimmen", die man nie hätte auszählen dürfen. Nach Nevada hat er deswegen extra ein Team von Getreuen geschickt, die die Wahl vor den Gerichten anfechten sollen.

Was sich seitdem in Nevada abspielt, gibt einen fahlen Vorgeschmack auf die nächsten Wochen. So wie hier werden seine Strategen wohl landesweit mit immer neuen Gerüchten und kaum belegten Vorwürfen gegen das Wahlergebnis vorgehen. Trump unterstrich am Samstag erneut, ab Montag würde ein großes Team von Anwälten in gleich mehreren Bundesstaaten vor Gericht ziehen. Seine Anhänger forderte er per Mail auf, für die "Election Defense Task Force" zu spenden.

Nach Nevada hat Trump für diese Mission einen seiner engsten Vertrauten geschickt. Schon kurz nach der Wahlnacht flog Richard Grenell, den Trump nach seinem eigenen Wahlsieg 2016 als Botschafter in Berlin und dann später als Geheimdienstkoordinator installierte, nach Las Vegas. Seitdem zieht mit Grenell ein Mann die Strippen, der wie sein Chef in klaren Schwarz-Weiß-Mustern denkt, die Welt in Freunde und Feinde aufteilt und kritische Medien leidenschaftlich verachtet.

Der erste große Auftritt für Grenell

Einen ersten großen Auftritt hatte Grenell am Donnerstag. Gemeinsam mit dem republikanischen Strategen Matt Schlapp und einem Ex-Staatsanwalt verbreitete das Duo auf einer Pressekonferenz harsche Vorwürfe. Von "massiven Unregelmäßigkeiten" war die Rede. Von Wahlzetteln, die im Namen von Toten abgegeben worden seien. Als ein Reporter nach Belegen fragte, platze Grenell der Kragen. "Hör zu", blaffte er, "Du bist nur hier, um Information von uns aufzunehmen".

Doch Grenell hatte auch einen Trumpf dabei. Als Beleg für den angeblichen Wahlbetrug präsentierte er Jill Stokke, eine 79-jährige Rentnerin aus Las Vegas. Sie berichtete vor den aufgebauten Kameras, ihr sei die Stimmabgabe am Wahllokal verweigert worden. "Ich habe seit Jahrzehnten immer gewählt", so Stokke, "weil aber die Stimmzettel dieses Jahr per Post verschickt wurden, hat man mir meine Stimme gestohlen". Fragen zu dem Fall waren nicht erlaubt.

"Irgendwie habe ich das Gefühl, nur benutzt worden zu sein"

Jill Stokke

Zwei Tage später wünscht sich die Rentnerin, sie wäre nicht vor die Kameras gegangen. Am Samstagmittag, draußen beginnt es gerade zu regnen, sitzt sie in ihrem Wohnzimmer und sinniert über die letzten Tage. "Irgendwie habe ich das Gefühl, nur benutzt worden zu sein", sagt Stokke, "um meinen Fall ging es ja gar nicht mehr". Stokke kann nur noch sehr schlecht sehen. Ihr Geist aber ist hellwach. "Die brauchten ein Aushängeschild für ihre Kampagne", sagt sie. 

Rentnerin Jill Stokke bei einer Pressekonferenz des Trump-Teams in Las Vegas

Rentnerin Jill Stokke bei einer Pressekonferenz des Trump-Teams in Las Vegas

Foto: YASMINA CHAVEZ/LAS VEGAS SUN / via REUTERS

Stokkes Fall ist etwas skurril. Die Trump-Anhängerin nimmt an, dass ein früherer Mitbewohner ihren Wahlzettel aus der Post genommen, ausgefüllt und abgeschickt hat. Als sie dies beim Wahllokal erzählte, wollten die Mitarbeiter bei der Polizei Anzeige stellen. Stokke aber lehnte ab, sie wollte niemanden ohne Beweise anschwärzen. Trotzdem war sie so sauer, dass sie bei einem lokalen TV-Sender anrief und erzählte, ihre Stimme sei gestohlen worden. Kurz darauf rief Grenells Team an.

Generalstaatsanwalt bezeichnet Trump-Klage als "Müll"

Vor Gericht hat die wirre Geschichte nicht lange verfangen. Schon einen Tag nachdem die Anwälte der Republikaner eine hastig zusammengeschusterte Klage eingereicht hatten, beendete ein Richter den Spuk. Auch eine andere Klage, laut der angeblich Tausende Wähler ihre Stimme abgaben, die schon lange aus Nevada weggezogen seien, wurde niedergeschlagen. Nevadas Generalstaatsanwalt Aaron Ford bezeichnete diese sogar öffentlich als "Müll" und sprach von Desinformation.

Grenell und sein Team werden die Niederlagen vermutlich nicht von weiteren Versuchen abhalten, die Wahl in Nevada zu attackieren. Am Samstagabend schrieb er auf Twitter über einen angeblichen Kronzeugen, der über Betrügereien bei der Stimmenauszählung in Las Vegas auspacken wolle.

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