Roma in der Pandemie »Wenn uns das Virus nicht tötet, tut es der Hunger«

Roma-Viertel in Bulgarien galten zu Beginn der Pandemie als möglicher Infektionsherd. Eine Studie zeigt jetzt, dass viele Bewohner die Regeln ernst nehmen. Problematisch ist für viele eher die Ausgrenzung.
Zwei Männer im Roma-Viertel Stolipinowo in Plowdiw: Bulgarien ist das Land mit der größten Roma-Bevölkerung in Europa

Zwei Männer im Roma-Viertel Stolipinowo in Plowdiw: Bulgarien ist das Land mit der größten Roma-Bevölkerung in Europa

Foto: Robert B. Fishman / ecomedia / imago images
Globale Gesellschaft

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»Wir wurden eingesperrt wie im Konzentrationslager.«

»Die Menschen hielten nicht einen Schritt Abstand zu mir, sondern fünf Meter.«

»Wenn uns das Virus nicht tötet, tut es der Hunger.«

Es sind solche drastischen Sätze, die zeigen, wie Roma in Bulgarien auf die Pandemie blicken. Es sind Sätze, in denen es um Ausgrenzung und Armut geht, kaum um das Virus. Gesammelt wurden sie in einer Studie, die die Situation in zehn unterschiedlichen Siedlungen untersuchte. Die Roma sind die größte ethnische Minderheit Europas, Bulgarien das Land mit den meisten Angehörigen. Doch es ist auch das ärmste Land der Europäischen Union, die Situation der Roma hier besonders prekär.

Ausgangsbeschränkungen nur für Roma

Diese Not spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Studie wider, die vom Open Society Institut in Sofia durchgeführt wurde: Zwei Drittel der befragten Roma verloren im vergangenen Jahr demnach an Einkommen, 73 Prozent sagten, dass ihr Viertel in der Pandemie keine Hilfe erfahren habe. Durchgeführt wurde die Untersuchung als Feldstudie in neun mehrheitlich von Roma bewohnten Stadtteilen und einem Dorf. Die 492 befragten Haushalte wurden zufällig ausgewählt, die Gespräche fanden von Oktober bis Dezember 2020 statt. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Situation vor Ort, lassen sich aufgrund der Fallzahl aber nicht pauschal auf alle Roma übertragen. Es ist jedoch die erste derartige Studie, die die Situation von Europas größter Minderheit in der Coronapandemie untersucht.

Polizei-Checkpoint vor einem Roma-Viertel in Sofia: In der Pandemie wurden landesweit Stadtteile abgeriegelt

Polizei-Checkpoint vor einem Roma-Viertel in Sofia: In der Pandemie wurden landesweit Stadtteile abgeriegelt

Foto: NIKOLAY DOYCHINOV / AFP

»Die bulgarischen Behörden sind in der Pandemie teilweise extrem mit den Roma umgegangen«, sagt Dimitar Dimitrov, wissenschaftlicher Leiter der Studie. In fünf der zehn untersuchten Orte gab es im vergangenen Jahr radikale Ausgangsbeschränkungen nur für die von Roma bewohnten Viertel. Straßen wurden über Nacht abgesperrt, die Polizei errichtete Checkpoints um die meist ohnehin isolierten Stadtteile. Heraus durfte praktisch niemand, hinein nur noch Ärztinnen und Ärzte, Behördenpersonal oder Personen, die einen triftigen Grund vorweisen konnten. Bis heute gibt es keine Belege dafür, dass Roma aus dem Ausland das Virus einschleppten oder verstärkt verbreiteten. »Dieses diskriminierende Vorgehen verstieß auch gegen bulgarische Gesetze«, meint Dimitrov.

Jedes fünfte Kind kam nicht mehr zum Unterricht

Umso fataler sind die Auswirkungen: Drei Viertel der Befragten in den betroffenen Stadtteilen verloren nach eigenen Angaben ihre Arbeit, 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, weiter am Unterricht teilzunehmen. »Wir drohen eine Generation zu verlieren«, warnte bereits kürzlich die bulgarische Gesundheitsexpertin Diliana Dilkova, Leiterin des National Network of Health Mediators.

Die Not in den betroffenen Vierteln ist groß, zwei Drittel der Befragten berichteten über einen unmittelbaren Einkommensverlust – viermal mehr als im Rest der Bevölkerung. »Wir wissen von Familien, die regelmäßig Mahlzeiten auslassen«, berichtet Dimitrov.

Umgekehrt scheint ein Schutz vor dem Virus in vielen Roma-Stadtteilen kaum möglich: Ein Viertel der in der Studie befragten Haushalte hatte nur ein einziges Schlafzimmer, mehr als fünf Prozent besaßen keinen Wasseranschluss im Haus. Ein Wert, der in manchen Vierteln auf bis zu 44 Prozent steigt. Zahlen, die in einem EU-Land eigentlich unvorstellbar scheinen. Zugleich bedroht die Pandemie offenbar auch den Schutz vor weiteren Krankheiten: Etwa jedes zweite Kind unter sieben Jahren habe im vergangenen Jahr eine Schutzimpfung verpasst, heißt es in der Studie.

Mehrheit nimmt das Virus offenbar ernst

Zugleich widerlegt die Untersuchung den Verdacht, die Roma könnten die Pandemie aufgrund fehlender Bildung und Informationen nicht ernst genug nehmen. Zwei Drittel gaben an, die Regeln der Behörden konsequent einzuhalten, drei von fünf Befragten sagten, dass sie sich vor dem Covid-19-Virus fürchteten. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil die Roma in der Pandemie wenig Aufklärung erfuhren. Zugleich scheint die Distanz zu staatlichen Einrichtungen groß: Die Hälfte der Befragten gab in der Studie an, »niemandem« zu trauen, wenn es um Informationen über die Pandemie geht.

Um die Lage zu verbessern, empfehlen die Autoren grundlegende Maßnahmen: Informationen über Corona und die Pandemie müssten frei von Vorurteilen und in verständlicher Form kommuniziert werden. Zugleich brauche es eine bessere Unterstützung auf dem Arbeitsmarkt und für von besonders schwerer Armut betroffene Haushalte. Aktuell liegt die Grundsicherung bei umgerechnet etwa 45 Euro, »das ist auch in Bulgarien zu wenig«, meint Dimitar Dimitrov. »Die Roma sind auch deshalb jedes Mal erneut besonders von Notlagen und Krisen bedroht, weil sie wirtschaftlich abgehängt sind.«

Eine kurzfristige Möglichkeit, Roma und Mehrheitsbevölkerung besser zusammenzubringen, gäbe es theoretisch beim Impfprogramm. Bulgarien ist hier aber europaweit das Schlusslicht. Um einen wirksamen Schutz der Bevölkerung zu erreichen, wird die Regierung in den kommenden Wochen ohnehin um gegenseitiges Vertrauen werben müssen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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jpe
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