Geflüchtete in Ruanda künftig ohne Unterstützung Kein Essen für Akademiker

Geschlecht und Bildung entscheiden ab sofort über Essensrationen: In Ruanda erhalten nicht mehr alle Menschen in Flüchtlingslagern Geld für Lebensmittel. Das Modell soll künftig weltweit angewandt werden.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Millionen Geflüchtete sind weltweit auf Essensrationen des World Food Programmes angewiesen

Millionen Geflüchtete sind weltweit auf Essensrationen des World Food Programmes angewiesen

Foto: Sam Mednick / AP
Globale Gesellschaft

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Kagabo* hat Angst, dass sein Uniabschluss ihn das Essen kostet. Auslöser ist ein Zettel, den er und die anderen Geflüchteten im Mahama Refugee Camp in Ruanda kürzlich in die Hand gedrückt bekamen. Es werde sich bei der Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner einiges ändern, ist darauf zu lesen. Das zuständige World Food Programme (WFP), das Welternährungsprogramm der Uno, wolle sich auf »die Bedürftigsten« konzentrieren.

Kagabo ist ausgebildeter Lehrer, auch wenn ihm das derzeit nicht viel bringt. Denn der Mann aus Burundi musste 2015 wegen Unruhen aus seiner Heimat flüchten, wohnt nun mit seiner Frau und den Kindern in dem Flüchtlingslager im Nachbarland Ruanda. Am vergangenen Donnerstag wurde plötzlich eine dringende Sitzung einberufen. Die lokalen Anführer im Camp hätten etwas mitzuteilen, hieß es. Besagte Zettel wurden ausgehändigt. Als die Redner fertig waren, stand vielen Geflüchteten das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, schildert Kagabo.

Den Bewohnern des Camps wurde verkündet, dass sie künftig in drei Gruppen eingeteilt werden: in Menschen mit hoher, mittlerer und niedriger Bedürftigkeit. Mit weitreichenden Konsequenzen. Nur noch die erste Gruppe bekommt weiterhin Geld für eine volle Essensration ausgezahlt. Für die mittlere Gruppe gibt es ab jetzt lediglich die Hälfte der bisherigen Ration, die letzte Gruppe erhält keinerlei Unterstützung mehr – und damit auch kein Essen.

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk und das Welternährungsprogramm haben die Geflüchteten in drei Gruppen eingeteilt: Nur noch die Bedürftigsten bekommen eine volle Essensration

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk und das Welternährungsprogramm haben die Geflüchteten in drei Gruppen eingeteilt: Nur noch die Bedürftigsten bekommen eine volle Essensration

Foto: Habimana Thierry / Anadolu Agency / Getty Images

»Da können sie uns auch gleich sterben lassen«, schimpft Kagabo. Einige seiner Nachbarn im Camp würden bereits die Rückreise nach Burundi organisieren, auch wenn sie sich dort nicht sicher fühlten. »Immer noch besser als hungern«, sagt er. Bereits in den vergangenen Wochen hatte das World Food Programme aus Geldnot die Essensrationen der Geflüchteten in der Region um bis zu 60 Prozent kürzen müssen. Nun will die Hilfsorganisation nur noch die Vulnerabelsten versorgen.

In den schicken Präsentationen des WFP wird das als vielversprechender neuer Ansatz verkauft, entwickelt gemeinsam mit dem Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Und wie üblich bekommt so ein Ansatz auch einen schicken Namen: das »Targeting Hub«. So solle in Zukunft die Hilfe »zielgerichteter je nach Bedarf stattfinden«, berichtet die WFP-Landesdirektorin für Ruanda Edith Heines dem SPIEGEL. Ganz offen schildert sie: Wenn das Projekt in Pilotländern wie Ruanda und Kamerun funktioniert, soll es künftig weltweit angewandt werden.

Vielversprechender Ansatz oder pure Not?

Dem SPIEGEL liegen interne Unterlagen vor, die dieses sogenannte Targeting Hub beschreiben. Im Kern geht es um die Frage, ob die Betroffenen theoretisch für sich selbst sorgen, einen Job finden könnten. Dazu werden bestimmte Kriterien beurteilt. Ob im Haushalt ein Mann im Alter zwischen 18 und 59 Jahren ohne Behinderung oder Krankheit lebt, zum Beispiel. Wenn der Haushaltsvorstand aber keinen Schulabschluss hat oder mehr als zwei weibliche Kinder Teil der Familie sind, steigt die Bedürftigkeit wieder – und damit auch die Chance auf Essensversorgung.

Die bittere Konsequenz in Ruanda: Gemäß den Unterlagen wird künftig mehr als 16.000 Geflüchteten die Essensration komplett gestrichen. Mehr als 19.000 bekommen nur noch die Hälfte. Etwa ein Drittel aller Geflüchteten wird somit schlechter gestellt sein als bisher. Die Landeschefin des WFP rechtfertigt das: »Es gibt viele Erwerbsmöglichkeiten in den Camps, einige Geflüchtete haben Shops eröffnet, andere betreiben Landwirtschaft.«

»Man könnte es auch so formulieren: Seht einfach zu, wie ihr zurechtkommt«, sagt ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in Ruanda, der in die Planung des neuen Targeting Hubs eingebunden war. »Für viele wird das den akuten Hunger noch weiter verschärfen.« Auch die Leiterin des Ruanda-Programms von Oxfam hält es für »unrealistisch«, dass die Geflüchteten sich in so großer Zahl selbst versorgen können. Sie nennt die Kürzungen der Essensrationen »eine bittere Pille«, zeigt aufgrund der Unterfinanzierung aber Verständnis für den Ansatz.

Bildung, Alter, Größe der Familie und Geschlecht entscheiden künftig über die Höhe der Nothilfe für Geflüchtete

Bildung, Alter, Größe der Familie und Geschlecht entscheiden künftig über die Höhe der Nothilfe für Geflüchtete

Foto: Jean Bizimana / REUTERS

Kagabo aus Burundi wird deutlicher: »Das ist doch ein Witz. Wir dürfen nicht einmal das Camp verlassen, weil wegen Covid-19 eine Ausgangssperre verhängt wurde. Und dann sollen wir gleichzeitig arbeiten gehen? Wie soll denn das funktionieren?« Fest steht: Das Targeting Hub sorgt schon jetzt unter Geflüchteten für massiven Missmut und Missgunst untereinander.

»Die Gefahr ist groß, dass es zu Konflikten unter den Bewohnern der Lager kommt. Viele können nicht verstehen, dass die Nachbarn noch Essen bekommen, nur weil sie eine schlechtere Bildung oder ein anderes Geschlecht haben«, sagt ein Mitarbeiter einer involvierten Hilfsorganisation vor Ort. Warum also der ganze Ärger?

»Die Gefahr ist groß, dass es zu Konflikten kommt.«

Mitarbeiter einer Hilfsorganisation vor Ort

»Es wird als innovativer Ansatz verkauft, am Ende geht es aber nur darum, dass das Geld fehlt«, meint der Nothelfer. Das WFP teilt auf Anfrage schriftlich mit, der neue »bedarfsbasierte Ansatz« sei »nicht direkt« auf Geldnot zurückzuführen, er werde schon länger geplant. Gleichzeitig verweist die Organisation darauf, dass bei lang andauernden Hilfsprogrammen wie in Ruanda die Spendenlage immer schlechter werde und »nachhaltige Lösungen« gebraucht würden. Auch das Flüchtlingshilfswerk UNHCR bezieht sich in einer schriftlichen Antwort an den SPIEGEL auf »knappe Ressourcen«, die man nun zielgerichteter verteile.

Droht jetzt Zehntausenden Flüchtlingen Hunger? Ruanda leidet stark unter der Corona-Pandemie, die Arbeitslosigkeit ist deutlich gestiegen. Geflüchtete haben es noch viel schwerer, einen Job zu finden, selbst wenn sie das Camp verlassen dürfen. Das World Food Programme verweist darauf, dass man die Betroffenen beim Aufbau einer eigenen Existenz unterstützen wolle. In den internen Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, ist dieser Punkt jedoch noch mit einem Fragezeichen versehen, an anderer Stelle mit dem Verweis »abhängig von Spendengeldern«. Unklar bleibt, wo die Jobs herkommen sollen.

Kagabo und seine Familie sind noch nicht darüber informiert worden, in welche Gruppe sie eingeteilt sind. Er hofft, dass sein Abschluss ihm nicht zum Verhängnis wird. »Sie wollen uns loswerden«, glaubt er. In den nächsten Wochen können die Betroffenen Berufung gegen ihre Eingruppierung einlegen, die Beteiligten rechnen mit viel Arbeit.

»Die Zahl an Spendern wird von Jahr zu Jahr kleiner«, sagt WFP-Landeschefin Edith Heines. Nicht nur in Ruanda. So könnte das Targeting Hub bald auch in weiteren Ländern Anwendung finden. Die Ironie der Geschichte: 2015 gab es eine ähnliche Situation, in zahlreichen Flüchtlingslagern im Mittleren Osten mussten aus Geldnot die Essensrationen gekürzt werden. Das gilt als einer der Auslöser der so genannten Flüchtlingskrise in Europa.

Damals beteuerten Politiker: »So etwas darf nie wieder passieren.«

*Hinweis: Um den Protagonisten zu schützen, haben wir auf seinen Wunsch hin den Namen geändert. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.