Medikamentenmangel in EU-Ländern »Wir Eltern von krebskranken Kindern sind zu erschöpft, um zu protestieren«

Mitten in der EU mangelt es an Krebsmedikamenten, weil es sich für Pharmaunternehmen finanziell nicht lohnt, sie dort zu vermarkten. Eine NGO in Rumänien organisiert deshalb Arzneien aus anderen Ländern – für Tausende Patienten pro Jahr.
Aus Rumänien berichten Astrid Viciano und Petrut Calinescu (Fotos)
Ioana Oprea, 37: Ihr Sohn Teodor bekam die Diagnose Hirntumor – doch die benötigten Medikamente gibt es im EU-Land Rumänien nicht

Ioana Oprea, 37: Ihr Sohn Teodor bekam die Diagnose Hirntumor – doch die benötigten Medikamente gibt es im EU-Land Rumänien nicht

Foto: Petrut Calinescu
Globale Gesellschaft

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Ihr Sohn Teodor hat einen Hirntumor. Als sie im Herbst vor einem Jahr diese grausame, zutiefst beängstigende Nachricht bekommt, bleibt Ioana Oprea, 37, zunächst keine Zeit, den Schock zu verarbeiten.

Zunächst muss sie in Rumäniens Hauptstadt Bukarest eine passende Klinik für den damals Sechsjährigen finden, ihm dann bei der Chemotherapie und Bestrahlung beistehen, monatelang. Die Behandlung verläuft gut, doch Oprea kann weiterhin nicht zur Ruhe kommen. Denn ihr Junge, so erfährt sie, werde ein Medikament brauchen, damit der Tumor nicht erneut heranwächst. Eine Arznei, die in Rumänien nicht zu finden ist. »Ich habe mich sofort auf die Suche gemacht«, sagt die zweifache Mutter.

Ioana Oprea zeigt ein Bild ihres Sohnes Teodor

Ioana Oprea zeigt ein Bild ihres Sohnes Teodor

Foto: Petrut Calinescu

Das war im Juni 2021. Ende September sitzt Oprea im hellen Beratungszimmer der Organisation Magic und zeigt Fotos von Teodor auf ihrem Handy: Ein schmaler Junge mit einer großen dunklen Brille, dem es inzwischen viel besser geht. Genau hier, in dem blassgrünen Gebäude mit Umrissen von Kinderhänden an der Fassade, hatte sie schließlich jene Medikamente erhalten, die ihr Sohn so dringend benötigt.

Um Krebspatienten wie Teodor zu helfen, hat die Organisation aus Bukarest vor sieben Jahren ein internationales Netzwerk aus Freiwilligen aufgebaut. Die Helfer bringen die Medikamente nach Rumänien – aus Österreich, Deutschland, Ungarn, Frankreich, Großbritannien oder Bulgarien. »Solange wir von den Patienten ein Rezept bekommen, können wir die Medikamente überall in der EU besorgen«, erklärt Adriana Andrei, Projektmanagerin bei Magic. Im Schnitt erreichen sie zehn Anfragen pro Tag. Allein in diesem Jahr hat die Organisation bereits fast 2000 Patientinnen und Patienten geholfen.

Mitten in der EU mangelt es an lebenswichtigen Therapien, seit Jahren. Eine Analyse zu fehlenden Krebsmedikamenten ergab, dass 24 von 113 Arzneien in Rumänien schwer oder nicht zu bekommen waren, bei weiteren 13 zeichnete sich ein Mangel ab, berichtete das Romanian Health Observatory, eine pharmakritische Organisation in Bukarest bereits im Jahr 2018.

Adriana Andrei (l.) und Raluca Alexandru von der Organisation Magic: zehn Anfragen pro Tag

Adriana Andrei (l.) und Raluca Alexandru von der Organisation Magic: zehn Anfragen pro Tag

Foto: Petrut Calinescu

Von 2015 bis 2017 erhielt die nationale Arzneimittelbehörde 2600 Meldungen zu fehlenden Medikamenten, die meisten von ihnen zur Behandlung von Krebs. Wie ein europäischer Bericht ergab, fehlen die Arzneien in Rumänien im Durchschnitt für 6,5 Monate, das Krebsmedikament Bleomycin war sogar zwei Jahre lang nicht zu bekommen.

Auch für Teodor sah es zunächst schlecht aus. Der einzige bulgarische Apotheker des internationalen Netzwerks hatte die Krebstherapie nicht parat, auch ein ungarischer Kollege nicht, eine Pharmazeutin aus Wien ebenfalls nicht. Erst in Deutschland wurde Projektmanagerin Andrei fündig: Eine Apothekerin in Hof konnte das Medikament besorgen. Allerdings musste Teodors Mutter die 750 Euro für die 20 Kapseln selbst zahlen, weil die Krankenversicherung die Kosten für Arzneien aus dem Ausland nicht übernimmt.

Adriana Andrei besorgt dringend benötigte Medikamente für Rumänien in einer bulgarischen Apotheke

Adriana Andrei besorgt dringend benötigte Medikamente für Rumänien in einer bulgarischen Apotheke

Foto: Petrut Calinescu

»Wir Eltern von krebskranken Kindern sind zu erschöpft, um gegen die Zustände zu protestieren«, sagt Oprea. Sie trägt eine schwarze Jacke und eine graue Jogginghose, auf ihrem gelben Rucksack ist das Logo eines Discounters zu sehen. In kaum einem anderen EU-Land müssen die Menschen für Medikamente so viel aus eigener Tasche zahlen wie in Rumänien. Und in keinem anderen gibt der Staat pro Kopf so wenig dafür aus.

Besonders seit der Finanzkrise 2009 versucht die rumänische Regierung, auch an Medikamentenkosten zu sparen. Wie allgemein üblich, orientiert sie sich bei den Kosten an den Medikamentenpreisen in anderen EU-Ländern, übernahm bislang stets den niedrigsten Preis aus einer ausgewählten Gruppe von zwölf Staaten, darunter Litauen, Ungarn und Polen. »Was erst einmal vernünftig klingt, ist genau das Problem: Die Medikamente in Rumänien sind zu billig«, sagt Razvan Pavel aus der Abteilung für Arzneimittelregulierung des Gesundheitsministeriums in Bukarest.

Die klassischen Krebsmedikamente, die seit Jahren für Chemotherapien eingesetzt werden, sind inzwischen in Rumänien so billig, dass es sich für Pharmaunternehmen schlicht nicht mehr lohnt, sie dort zu vermarkten. Die Folge: Die Arzneien kommen erst gar nicht auf den Markt oder verschwinden irgendwann. Oft nämlich kaufen andere Unternehmen die Medikamente in Rumänien auf und vertreiben sie dann zu deutlich höheren Preisen in anderen EU-Ländern, zum Beispiel in Deutschland. Verboten ist das nicht.

Allerdings gäbe es die Möglichkeit, den Export zu blockieren. Zumindest theoretisch. Wenn es im Land an einer Arznei mangelt. Praktisch gibt es jedoch bislang kein Register, das die Bestände der Medikamente in ihrer Gesamtheit in Rumänien erfasst, ebenso wenig wie ein nationales Krebsregister. »Wir wissen weder, wie viele Menschen an welcher Krebserkrankung leiden, noch, wie viele Medikamente wir zu welchem Zeitpunkt in Rumänien vorrätig haben«, sagt Pavel.

Der 32-Jährige klappt seinen Laptop auf, öffnet eine Seite im Intranet und scrollt Spalte um Spalte durch eine Tabelle. Pavel, dunkles Jackett, faltenloses Hemd, gepflegter Fünf-Tage-Bart, war früher auch für die Organisation Magic tätig, derzeit arbeitet er Tag und Nacht daran, eine Art Alarmsystem zu entwickeln, das in Gelb, Orange und Rot anzeigen soll, wenn im Land der Mangel eines Medikaments droht.

Bereits heute müssen alle rund 10.000 Apotheken in Rumänien dem Ministerium melden, welche Arzneien gerade bei ihnen vorrätig sind. Pavels neuer Algorithmus soll helfen, diese Informationen zu sammeln und auszuwerten.

Rumänisches Krankenhaus: Krebsmedikamente sind in Rumänien so billig, dass es sich für Pharmaunternehmen nicht lohnt, sie dort zu vermarkten

Rumänisches Krankenhaus: Krebsmedikamente sind in Rumänien so billig, dass es sich für Pharmaunternehmen nicht lohnt, sie dort zu vermarkten

Foto: Petrut Calinescu

Zudem änderte die rumänische Regierung die Gesetzgebung, um die Situation ein wenig zu verbessern. Seit Juli muss sich das Gesundheitsministerium nun bei den Kosten nicht mehr am günstigsten Medikamentenpreis der besagten zwölf EU-Ländern orientieren. Stattdessen wird für eine Auswahl besonders wichtiger Medikamente der Durchschnittspreis aus den drei billigsten Ländern übernommen. Was das bedeutet? Dass die Arzneien etwas teurer werden. »Der rumänische Markt wird damit attraktiver für die Pharmafirmen«, sagt Vlad Voiculescu, der bereits zweimal Gesundheitsminister war, zuletzt bis April 2021.

Im Gegensatz zu vielen Amtsvorgängern hatte Voiculescu den Mangel an Krebsmedikamenten öffentlich thematisiert und die neue Regelung angeregt. Doch nur wenig konnte er verändern, erklärt Voiculescu, zu schnell war er seinen Job wieder los. »Insgesamt komme ich nur auf zehn Monate Amtszeit«, sagt der 38-Jährige. Was in Rumänien nicht ungewöhnlich ist, wurden doch in den vergangenen 25 Jahren mehr als 30 Gesundheitsminister ernannt und wieder entlassen.

Ehemaliger Gesundheitsminister Vald Voiculescu, 38, in dem Lager der NGO Magic, die für krebskranke Kinder Weihnachtsgeschenke organisiert hat

Ehemaliger Gesundheitsminister Vald Voiculescu, 38, in dem Lager der NGO Magic, die für krebskranke Kinder Weihnachtsgeschenke organisiert hat

Foto: DANIEL MIHAILESCU / AFP

Voiculescu war es auch, der vor Jahren mit dem Transport von Krebsmedikamenten nach Rumänien begann. 2008, lange bevor er Politiker wurde, arbeitete er in Wien als Bank-Angestellter. Eine ehemalige Klassenkameradin, die inzwischen Ärztin war, hatte ihn gebeten lebenswichtige Arzneien für sechs krebskranke Kinder mitzubringen.

»Ich hatte bis dahin keine Ahnung davon, dass die Medikamente fehlten«, erinnert sich Voiculescu. Wenig später lernte er eine Frau kennen, die ihre Chemotherapie nur erhalten hatte, weil sie die jüngste war von drei Krebspatienten auf Station. Die anderen beiden waren leer ausgegangen. Noch heute unterstützt Voiculescu die Organisation mit Ideen und Kontakten, 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat Magic mittlerweile.

Inzwischen ahmen auch andere Organisationen das Netzwerk nach, etwa die Medikamenten-Box, ebenfalls eine Initiative aus Bukarest. Im Gegensatz zu Magic müssen die Patienten hier die Arzneien nicht selbst zahlen, die Medikamente werden aus Spenden finanziert.

Und manche Apotheken in Rumänien stellen einige Arzneien sogar selbst her, so etwa Corina Salagean aus der Stadt Brașov. Hinten, im fensterlosen Labor des grauen Betongebäudes, füllt eine Assistentin gerade ein Pulver in hundert braun-weiße Kapseln – ein Antibiotikum für Krebspatienten mit geschwächtem Immunsystem. Auf einem weißen Regal steht in einem schlichten Plastikbehälter eine Salbe für einen Patienten mit schwarzem Hautkrebs. »Vor zehn Jahren konnten wir die Salbe noch bestellen, heute gibt es sie in Rumänien nicht mehr«, sagt Salagean. Daher springt die Apothekerin häufig ein.

Die Pharmazeutin Corina Salagean stellt inzwischen einige Arzneien in ihrer Apotheke selbst her

Die Pharmazeutin Corina Salagean stellt inzwischen einige Arzneien in ihrer Apotheke selbst her

Foto: Petrut Calinescu

Auch die Mutter von Teodor möchte helfen. Sie ist sogar bereit, einige der noch 14 übrigen Kapseln ihres Jungen mit anderen zu teilen. Tatsächlich hat sie bereits die Anfrage nach genau diesem Krebsmedikament erreicht, berichtet Adriana Andrei. Einem anderen Patienten ist sein Vorrat ausgegangen, er braucht dringend eine Kapsel.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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