Gesundheitssystem in Rumänien "Wir haben nur wenige Notärzte"

Das rumänische Gesundheitssystem ist eines der schlechtesten in der EU, viele Krankenhäuser sind heruntergekommen. Ärztin Gyöngyi Tar spricht darüber, warum das auch an Deutschland liegt.
Ein Interview von Keno Verseck
Ein Operationssaal im Krankenhaus in Borsa in der rumänischen Region Siebenbürgen

Ein Operationssaal im Krankenhaus in Borsa in der rumänischen Region Siebenbürgen

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Andreea Campeanu/ REUTERS

Über ihr Gesundheitswesen sprechen viele Rumänen nur mit Entsetzen und Kopfschütteln. Kein Wunder: Unter allen EU-Ländern gibt Rumänien am wenigsten für Gesundheit aus, sowohl pro Kopf als auch gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP).

So machten die Gesundheitsausgaben im Jahr 2017 5,2 Prozent des BIP aus – der EU-Durchschnitt lag fast doppelt so hoch.

Die Folgen sind unübersehbar: Bei vielen Gesundheitsindikatoren belegt Rumänien den letzten oder einen der letzten Plätze der 28 EU-Länder. So hat Rumänien die höchste Säuglingssterblichkeit in der EU – mit knapp sieben Todesfällen pro 1000 Kinder liegt sie fast doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt.

Rumänien verzeichnet auch EU-weit die höchste Zahl von Tuberkulosefällen. Zudem belegt das Land einen der letzten Plätze der EU-Länder bei Impfraten, weshalb sich Infektionskrankheiten wie Masern in den vergangenen Jahren stark ausbreiten konnten.

Patienten warten auf ihre Behandlung durch eine Ärztin in einer Praxis in der Stadt Salistea de Sus

Patienten warten auf ihre Behandlung durch eine Ärztin in einer Praxis in der Stadt Salistea de Sus

Foto: Andreea Campeanu/ REUTERS

Dabei gibt es in der Gesundheitsversorgung in Rumänien große Unterschiede: In einigen Großstädten mit universitären Kliniken ist sie vergleichsweise gut, abseits davon jedoch extrem mangelhaft. Darüber berichtet Gyöngyi Tar, die seit 2007 Leiterin des Gesundheitsamtes im südostsiebenbürgischen Kreis Harghita ist.

Zur Person
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privat

Gyöngyi Tar, Jahrgang 1966, studierte Medizin in der westrumänischen Stadt Temeswar (Timisoara) und ist Internistin und Fachärztin für Nierenkrankheiten. Seit 2007 leitet sie das Gesundheitsamt im Kreis Harghita im Südosten Siebenbürgens.

SPIEGEL: Frau Tar, viele Menschen in Rumänien empfinden den Zustand des Gesundheitswesens als einen der größten Missstände im Land. Wie sieht es in Ihrem Landkreis Harghita aus?

Gyöngyi Tar: Unser Kreis zählt wegen seiner schwachen Wirtschaft und der schlechten Infrastruktur zu den sogenannten benachteiligten Regionen Rumäniens. Das gilt auch für das Gesundheitswesen. Die Zahl der Ärzte und die der Krankenhausbetten liegen deutlich unter dem Landesdurchschnitt. So wie vielerorts in Rumänien finden Behandlung und Pflege auch in zum Teil völlig veralteten, seit Jahrzehnten nicht renovierten Gebäuden statt.

Anzahl der Ärzte und Krankenhausbetten

In Rumänien arbeiteten im Jahr 2017 292 Ärzte je 100.000 Einwohner, das Land lag damit an drittletzter Stelle der EU; vor Polen und knapp vor Großbritannien. Im Kreis Harghita betrug die Zahl der Ärzte im Jahr 2017 nur 189 je 100.000 Einwohner. In der Hauptstadt Bukarest standen 2017 1202 Betten je 100.000 Einwohner zur Verfügung, im Kreis Harghita waren es nur 644; der Landesdurchschnitt lag bei 676 Betten.

SPIEGEL: Was erwartet einen Bewohner Ihres Landkreises, der zum Arzt muss?

Tar: Zunächst einmal wird er wahrscheinlich viel Zeit und Geduld mitbringen müssen. Diverse Untersuchungen und Behandlungen können wir in unserer Kreisstadt nicht anbieten, weil die Fachärzte fehlen. Die Patienten müssen in die größeren universitären Zentren fahren, die weit entfernt sind – und wo sie zudem oft monatelang auf Termine warten müssen. Besonders schwer haben es ärmere Bewohner in ländlichen Gegenden, die häufig das Fahrgeld kaum aufbringen können. Ein weiteres großes Problem ist das hohe Durchschnittsalter der Ärzte, vor allem der Hausärzte: Viele sind kurz vor der Rente oder schon im Rentenalter – und haben oft keine Nachfolger.

Schimmel, eingeschlagene Fenster, defekte Sanitäreinrichtungen

Die "Klinik für Infektions- und Atemwegserkrankungen" in der Stadt Miercurea Ciuc im Landkreis Harghita ist seit Jahren bekannt für ihren schlechten Zustand. Sie befindet sich in einem Gebäude, das im 17. Jahrhundert erbaut wurde und seit Jahrzehnten auf eine Grundsanierung wartet. Decken und Wände sind feucht, teils voller Schimmelflecken, innen und außen blättern Putz und Mauerstücke ab. Patienten sandten in den vergangenen Jahren immer wieder Bilder von defekten Toiletten und Waschbecken, eingeschlagenen Fensterscheiben und aufgerissenen Linoleumböden an lokale Medien. In ähnlichem Zustand befinden sich zahlreiche andere Krankenhäuser in Rumänien.

SPIEGEL: Welche Fachärzte fehlen bei Ihnen im Kreis?

Tar: Wir haben nur wenige Notärzte, Anästhesisten und Fachkinderärzte wie Kinderkardiologen. Patienten müssen in die Städte Târgu Mures oder Cluj geschickt werden, die 150 beziehungsweise 270 Kilometer entfernt sind. Andererseits konnten wir in letzter Zeit Stellen mit Fachärzten besetzen, die lange frei waren: Zum Beispiel haben wir jetzt Neurochirurgen, Kinderchirurgen und Oralchirurgen in unserem Landkreis.

Eine Mutter und ihre Tochter auf der Kinderstation des Krankenhauses in Borsa

Eine Mutter und ihre Tochter auf der Kinderstation des Krankenhauses in Borsa

Foto: Andreea Campeanu/ REUTERS

SPIEGEL: Wie ist es Ihnen gelungen, diese Stellen zu besetzen?

Tar: Vor allem dadurch, dass Krankenhäuser jungen Ärzten nach dem Ende ihrer Ausbildung angeboten haben, ihnen Wohnungen zur Verfügung zu stellen, wenn sie zurück in unseren Kreis kommen, um hier zu arbeiten.

SPIEGEL: Wie funktioniert das in der Praxis? Krankenhäuser sind ja keine Immobilienmakler.

Tar: Ich habe schon vor vielen Jahren versucht, lokale Politiker davon zu überzeugen, kreative Wege zu beschreiten, um Ärzten einen Anreiz zu geben, hierzubleiben. In der Folge hat die Kreisverwaltung Harghita in der Stadt Miercurea Ciuc beispielsweise den Bau von Reihenhäusern finanziert, die junge Arztfamilien zu günstigen Konditionen mieten können. Anderswo wurden alte Arbeiterheime umgebaut oder Wohnungen angemietet, um sie günstig an junge Ärzte weiterzuvermieten. Positiv ist zudem, dass die Löhne in öffentlichen und kommunalen Krankenhäusern deutlich erhöht wurden. Dennoch arbeiten viele Ärzte aus dem öffentlichen Gesundheitswesen nebenher auch privat, einfach, weil sie sonst zu wenig Geld verdienen würden.

Akten stapeln sich im Krankenhaus in Viseul de Sus. Das Krankenhaus hat nur wenige Ärzte - verreisen sie, müssen Teile des Krankenhauses schließen

Akten stapeln sich im Krankenhaus in Viseul de Sus. Das Krankenhaus hat nur wenige Ärzte - verreisen sie, müssen Teile des Krankenhauses schließen

Foto: Andreea Campeanu/ REUTERS

SPIEGEL: Wie verbreitet ist Bestechung im Gesundheitswesen heute noch, also die Praxis, dass Patienten Ärzten zusätzlich Geld zustecken, um behandelt zu werden?

Tar: Das passiert leider noch häufig. Jeder weiß, dass es ein hässliches System ist, trotzdem machen viele mit. Schuld daran sind aber nicht nur die Ärzte. Ich glaube, die meisten Ärzte erwarten kein Schmiergeld. Oft denken Patienten aber, dass sie sonst nicht angemessen behandelt werden.

Massive Lohnerhöhungen im öffentlichen Gesundheitswesen

Im Jahr 2018 wurden die Gehälter im öffentlichen Gesundheitswesen massiv erhöht und für Ärzte mehr als verdoppelt. Zuvor verdiente ein Assistenzarzt im zweiten Jahr im Schnitt umgerechnet 670 Euro brutto monatlich, im Jahr 2018 waren es bereits 1500 Euro. Bei Fachärzten stiegen die Gehälter von etwa 1000 Euro auf circa 2650 Euro brutto monatlich.

SPIEGEL: Unter allen in Deutschland tätigen ausländischen Ärzten stehen rumänische Ärzte an erster Stelle. Deutschland wirbt aktiv Ärzte und medizinisches Personal im Ausland an, vor allem in Südosteuropa.

Tar: Die medizinische Ausbildung ist eine der teuersten und langwierigsten überhaupt, daher ist es aus deutscher Sicht natürlich logisch, Ärzte abzuwerben. Es wäre gut, wenn Deutschland oder andere westliche Länder das in irgendeiner Form gegenüber Rumänien kompensieren würden. Aber realistisch ist das wohl nicht. Zum Glück hat sich die Tendenz unter Ärzten, Rumänien zu verlassen, in der letzten Zeit etwas abgeschwächt – in erster Linie, weil die Löhne gestiegen sind.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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