Eingeschlossene Soldaten und Zivilisten Russische Truppen starten erneut Angriffe auf das Stahlwerk bei Mariupol

Russland hat laut der Ukraine wieder Attacken auf das Stahlwerk Asowstahl in Mariupol begonnen. Während eines neuen Versuchs zur Rettung von Zivilisten fürchtet Moldau Russlands Expansion.
Rauch über dem Stahlwerk von Mariupol am 22. April

Rauch über dem Stahlwerk von Mariupol am 22. April

Foto: Victor / dpa

Russische Truppen haben die Angriffe auf das Stahlwerk Asowstahl in der Hafenstadt Mariupol nach ukrainischen Angaben wieder aufgenommen. »Der Feind versucht, den letzten Widerstand der Verteidiger von Mariupol zu ersticken«, sagte Präsidentenberater Olexij Arestowytsch am Samstag in einer Videobotschaft. Eingesetzt würden Artillerie und Luftwaffe. Die ukrainischen Soldaten hielten jedoch ihre Positionen und starteten »sogar Gegenangriffe«. Die Angaben sind nicht überprüfbar.

Während Moskau angibt, Mariupol »befreit« zu haben, bleibt die Hafenstadt laut Kiew umkämpft. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Donnerstag angeordnet, keinen Sturm der aus dem Kalten Krieg stammenden Bunkeranlagen vorzunehmen. Damit sollten eigene Verluste vermieden werden.

Die Hafenstadt am Asowschen Meer war kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges vor zwei Monaten von russischen Truppen komplett eingeschlossen worden. Kiew schätzt, dass infolge der Kämpfe mehr als 20.000 Menschen getötet wurden. Satellitenbilder zeigten Orte möglicher Massengräber.

Neuer Versuch zur Rettung von Zivilisten aus Mariupol

Trotz des orthodoxen Osterfests gab es bislang aller internationalen Appelle zum Trotz in der Ukraine keine Feuerpause. Für die seit Wochen im weitgehend zerstörten Mariupol eingekesselten Zivilisten gab es dennoch einen Hoffnungsschimmer: Wie die ukrainische Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk mitteilte, sollte ein neuer Versuch zur Rettung von Zivilisten über einen Fluchtkorridor unternommen werden.

»Wir werden heute erneut versuchen, Frauen, Kinder und Senioren in Sicherheit zu bringen«, sagte Wereschtschuk. Geplant war demnach, dass die Evakuierungsaktion in Richtung Saporischschja gegen Mittag beginnen sollte. Eine Waffenruhe sollte für die Evakuierung einsetzen, wozu es zunächst jedoch keine genaueren Informationen gab. In der Vergangenheit waren mehrere Versuche, Fluchtkorridore für Zivilisten aus Mariupol zu öffnen, gescheitert.

Das am Asowschen Meer gelegene Mariupol mit einst 450.000 Einwohnern gilt strategisch als äußerst bedeutsam. Der russische General Rustam Minnekajew hatte am Freitag erklärt, die Aufgabe der russischen Armee in der »zweiten Phase« des Konfliktes sei es, »die vollständige Kontrolle über den Donbass und die Südukraine« zu erreichen.

Sorgen in Moldau angesichts Russlands Plänen in Donbass und Südukraine

Ziel sei die Schaffung einer Landverbindung zur annektierten Krim sowie zu der von prorussischen Separatisten kontrollierten Region Transnistrien in Moldau, sagte Minnekajew. Mit Blick auf Transnistrien sprach er von einer angeblichen »Unterdrückung« der dortigen russischsprachigen Bevölkerung.

Die Äußerungen lösten in Moldau Unruhe aus. Das Außenministerium in Chisinau bestellte den russischen Botschafter ein und forderte Moskau zum Respekt der »territorialen Souveränität« und »Neutralität« des Landes auf.

»Ukraine ist nur als Anfang gedacht«

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

International besteht die Befürchtung, dass sich der Ukrainekrieg auf die ehemalige Sowjetrepublik Moldau ausweiten könnte. Die Regierung in Chisinau ist prowestlich ausgerichtet und strebt wie Kiew eine EU-Mitgliedschaft an. Die Invasion in der Ukraine hatte Moskau unter anderem auch mit der angeblichen Unterdrückung russischsprachiger Menschen im Donbass begründet.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mahnte in seiner Videobotschaft am Freitagabend, die Äußerungen Minnekajews ernst zu nehmen: »Dies bestätigt, was ich bereits mehrfach gesagt habe: Die russische Invasion der Ukraine ist nur als Anfang gedacht.«

Ukraine will mehrere Orte zurückerobert haben

Nach Angaben Kiews kommt die russische Armee aber langsamer voran als gedacht. Der Gouverneur der Region Charkiw, Oleh Sinehubow, erklärte am Samstag, den ukrainischen Truppen sei es nach »erbitterten Kämpfen« gelungen, die nahe der russischen Grenze gelegenen Orte Besruki, Slatine und Prudjanka zurückzuerobern.

Russland hat die ukrainischen Kämpfer wiederholt zur Kapitulation aufgefordert. Auf dem Industriegelände des Konzerns Asowstahl sollen sich auch Hunderte Zivilisten befinden, die kaum Zugang zu Wasser oder Nahrung haben. Das nationalistische ukrainische Asow-Bataillon veröffentlichte am Samstag ein neues Video, auf dem Dutzende Frauen und Kinder in den Kellern der Anlage zu sehen waren.

»Wir werden bis zum letzten Patienten hier bleiben«

Roman Wodjanik, Direktor des Krankenhauses von Sewerodonezk

EU-Ratspräsident Charles Michel appellierte in einem Telefonat mit Kremlchef Wladimir Putin am Freitag, humanitäre Zugänge zu Mariupol zu ermöglichen. Zudem müsse es sichere Fluchtkorridore für die Menschen aus Mariupol und anderen belagerten Städten geben, twitterte Michel.

Unterdessen gingen die russischen Angriffe auch im Donbass weiter. Das nur 14 Kilometer von den russischen Stellungen entfernte Dorf Lysytschansk glich am Wochenende einem Geisterort, nach der Bombardierung eines Lebensmittelmarkts war dort nur noch ein kleines Geschäft in Betrieb.

Ununterbrochene Angriffe meldeten auch die ukrainischen Behörden in der Region Luhansk. Während Gouverneur Serhij Gajdaj die Menschen dazu aufrief, sich über Fluchtkorridore in Sicherheit zu bringen, harrten Ärzte, Pfleger und Freiwillige im vom Krieg gezeichneten Krankenhaus von Sewerodonezk aus. »Wir werden bis zum letzten Patienten hier bleiben«, versicherte Direktor Roman Wodjanik.

kig/dpa/afp
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