Enthüllungsvideo des Kremlkritikers Nawalnys Paukenschlag gegen den »Zaren«

Kurz nachdem der Kreml Alexej Nawalny einsperren ließ, veröffentlichten dessen Mitstreiter neue Korruptionsvorwürfe gegen Russlands Präsidenten. Es geht um einen Palast am Schwarzen Meer – und Putins Familie.
Alexej Nawalny (l.) bei seiner Verhaftung: Victory-Zeichen trotz Handschellen

Alexej Nawalny (l.) bei seiner Verhaftung: Victory-Zeichen trotz Handschellen

Foto: Sergei Bobylev / dpa

»Habt keine Angst«, das ist in diesen Tagen die wichtigste Botschaft Alexej Nawalnys an seine Unterstützer. Welch ungewöhnlichen Mut er selbst aufbringt, das hat der Oppositionspolitiker nun schon das zweite Mal in kurzer Folge bewiesen. Er ist nicht nur nach Russland zurückgekehrt, wo Wladimir Putins Justiz ihn sogleich festnehmen und einsperren ließ. Er hat, als wäre das nicht genug, am Dienstag auch noch einen neuen anklagenden Enthüllungsfilm über den Präsidenten und dessen Umfeld veröffentlichen lassen. »Ein Palast für Putin. Geschichte der größten Bestechung« heißt der fast zweistündige Film .

Er ist im Stil früherer Antikorruptionsvideos gehalten – mit Nawalny als Erzähler, mit schnellen Schnitten und lustigen Infografiken und exklusiven Bildern. Aber der Film ist noch angriffslustiger, respektloser, länger als die Vorgänger, und er macht auch nicht vor Putins Familie halt. Er ist gewissermaßen die Antwort von Nawalny und seinen Mitstreitern auf die Vergiftung des Kremlkritikers.

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Diese offensichtlich schon lange vorbereitete Antwort ausgerechnet jetzt zu veröffentlichen, da Nawalny in Putins Gewalt ist – er sitzt im berüchtigten Untersuchungsgefängnis »Matrosenstille« im Moskauer Nordosten –, ist eine mutige, nahezu tollkühne Geste. Mit dem Film versucht Nawalnys Team, die Proteste zu befeuern, zu denen es am Wochenende in ganz Russland aufgerufen hat.

»Wir haben ausgemacht, dass wir diese Recherche erst veröffentlichen, wenn ich wieder in Moskau bin, damit ihr wichtigster Held nicht glaubt, wir haben Angst vor ihm«, so erzählt Nawalny gleich zu Beginn des Videos, auf einer Bank in Dresden sitzend – der Stadt, in der Putin einst als KGB-Offizier diente. Dies werde »ein psychologisches Porträt«, verkündet Nawalny: »Wir wollen verstehen, wie aus einem einfachen Sowjetoffizier ein Irrer wurde, der auf Geld und Luxus fixiert ist.«

Im Mittelpunkt des Films steht ein mysteriöses Anwesen bei Gelendschik an der russischen Schwarzmeerküste. Dass dort eine Art inoffizielle Residenz aus Korruptionsgeldern für Putin gebaut werde, davon ist schon länger die Rede. Ein Insider, ein damals an dem Bauvorhaben beteiligter Geschäftsmann, hatte erstmals 2010 über das Luxusanwesen für Putin berichtet.

Das Anwesen an der Schwarzmeerküste

Das Anwesen an der Schwarzmeerküste

Foto: Alexei Navalny / youtube

Aber Nawalny hat Neues zu berichten. Offenbar wird an dem Palast im italienischen Stil kräftig weitergebaut. Und obwohl die Baustelle vom Geheimdienst FSB abgesichert wird, konnten Nawalnys Leute vom Schlauchboot aus eine Drohne über das gewaltige Anwesen schicken sowie einen genauen Grundriss des 17.691 Quadratmeter großen Hauptgebäudes erhalten. Von einem Bauunternehmer, der »bestürzt und wütend« über den Luxus war, wie Nawalny sagt.

Selbst die darin eingezeichneten Möbel haben sie einzeln ermittelt und so ein virtuell begehbares Modell der Anlage erstellt, das Nawalny mit trockenem Humor kommentiert: Wasserpfeifenbar mit Poledance-Stange, großzügig bemessenes Theater, Spielcasino, Schwimmbecken, Aquadisco. Außerdem ein unterirdisches Eishockeyfeld, ein per Tunnel zu erreichender Degustationsraum mit Ausblick über die Meeresbrandung, Tunnel zum Strand, Austernfarmen, Weinberge, eine Extra-Datscha.

Allein die Sofas in der Residenz kosten ihm zufolge zwischen eineinhalb und zwei Millionen Rubel pro Stück (bis zu etwa 22.000 Euro), das Team von Nawalny zählte 47 Stück in dem Anwesen. Das Grundstück sei insgesamt 39 Mal so groß wie das Fürstentum Monaco.

Wände im Inneren der Residenz

Wände im Inneren der Residenz

Foto: Alexei Navalny / youtube

»Die größte Bestechung«

Nawalnys Recherchen zufolge wird der Bau weiterhin von Nikolaj Schamalow beaufsichtigt, einem Geschäftsmann aus Putins Freundeskreis. Bisher war man davon ausgegangen, dass Schamalow das Anwesen nach dem Skandal von 2010 für 350 Millionen Dollar an einen anderen Geschäftsmann verkauft hatte. Laut Nawalny war der Verkauf fiktiv, nur ein Zehntel der Summe sei geflossen; doch eine von Schamalows Firmen verwaltete noch einige Zeit lang das Anwesen, bis eine neue übernahm. Für diese zeichnen nach Informationen von Nawalnys Team auch führende Beamte im Kreml und deren Frauen.

Finanziert werde die gesamte Anlage mit Zahlungen von Unternehmen, die mit Putins Freunden noch aus Sankt Petersburger Zeiten zusammenhängen, sagen die Autoren von Nawalnys Antikorruptionsstiftung – darunter auch die Staatsfirmen Rosneft und Transneft. Daraus schließt der Oppositionspolitiker: Dies sei »die größte Bestechung«. Er schätze ihren Gesamtwert auf 100 Milliarden Rubel, umgerechnet gut 1,1 Milliarden Euro, sprach von einem »Staat im Staat«. In diesem gebe es »einen einzigen und unersetzlichen Zaren – Putin«.

Im Geflecht der Transaktionen, die Nawalny beschreibt, tauchen auch Putins angebliche Geliebte sowie Putins Familie auf. Der Oppositionspolitiker zeigt auch ein Kinderbild der beiden Töchter, die Putin mit seiner Ex-Frau Ljudmila hat, sowie Briefe, die diese mit einer damaligen Freundin in Deutschland über längere Zeit austauschte. Zudem blendet Nawalny auch Bilder einer jungen Frau ein, angeblich Putins uneheliche Tochter. Über sie hatte erstmals das Onlinemagazin Projekt im November berichtet, allerdings ohne ihr Gesicht zu zeigen.

Damit verletzt Nawalny ein weiteres Tabu, Berichte über Putins Privatleben gelten in Russland als unzulässige Grenzüberschreitungen.

Allein in den ersten vier Stunden zählte das Nawalny-Team sechs Millionen Klicks – der Putin-Film führte die Trends im russischsprachigen YouTube an.

Putin nahm sein alljährliches Eisbad: Die russisch-orthodoxe Kirche feierte am Dienstag die Taufe von Jesus Christus im Jordan

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Foto: Kremlin Pool / imago images/Russian Look

Der Kreml reagierte schnell auf die Veröffentlichung, wies sie als unwahr zurück. »Wir haben schon vor vielen Jahren erklärt, dass Putin keine Paläste hat«, sagte Sprecher Dmitri Peskow dazu. Am Mittag hatte er bereits geäußert, man fürchte sich im Kreml nicht vor Protesten. Geprüft werden müsse aber, ob es sich bei Nawalnys Ankündigung nicht um einen Aufruf zu »etwas Ungesetzlichem« handele. 

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Nawalny habe mit seinem neuen Enthüllungsfilm seinen Einsatz erhöht, sagte der Politologe Alexander Kynew. »Die Situation bewegt sich vorwärts, auf eine Art Höhepunkt zu, wie der ausfallen wird, können wir nicht sagen.« Aber Nawalny habe keine Wahl und mache weiter.

Mitarbeit: Alexander Chernyshev