Systematische Folter Ex-Gefangene berichten von Vergewaltigungen in russischer Strafanstalt

Ende 2021 tauchten Videos auf, die Folterungen russischer Gefangener in einem berüchtigten Gefängnis des Landes zeigen. Die BBC hat nun mit Opfern gesprochen.
Im Gefängniskrankenhaus von Saratow kam es offenbar zu systematischer Folter und Vergewaltigungen

Im Gefängniskrankenhaus von Saratow kam es offenbar zu systematischer Folter und Vergewaltigungen

Foto: Filipp Kochetkov / ITAR-TASS / IMAGO

Im Oktober 2021 sind Videos aus russischen Gefängnissen geleakt worden, die offenbar zeigen, wie Insassen gefoltert und vergewaltigt werden. Die BBC hat nun mit mehreren Ex-Häftlingen darüber gesprochen , wie diese in den verschiedenen Einrichtungen systematisch gequält worden sind.

Ein ehemaliger Häftling, Alexei Makarov, gibt gegenüber der BBC an, in seiner Zeit im Gefängniskrankenhaus Saratow zweimal gefoltert und vergewaltigt worden zu sein, um ein Geständnis zu erpressen.

»Zehn Minuten lang schlugen sie mich, zerrissen meine Kleidung. Und für, sagen wir, die nächsten zwei Stunden vergewaltigten sie mich alle zwei Minuten mit Besenstielen«, berichtet Makarov über den ersten Vorfall. Wenn er ohnmächtig geworden sei, hätten sie ihn mit kaltem Wasser übergossen und weiter gemacht.

Laut Makarov wird den Gefangenen bedeutet, dass die Videoaufnahmen der Folter dem gesamten Gefängnis zugänglich gemacht werden können, wenn sie sich nicht beugen. Weitere Opfer und Experten sagten dem Bericht zufolge, dass die Misshandlungen stets von den Gefängnisbehörden gebilligt werden und dazu dienen, Häftlinge zu erpressen, einzuschüchtern oder Geständnisse zu erzwingen.

Vergewaltiger offenbar meist andere Häftlinge

Die Anti-Folter-Organisation Gulagu.net  hatte die Videos im vergangenen Oktober veröffentlicht. Sie stammen von Sergej Saweljew, der in dem Gefängnis in Saratow inhaftiert war.

Während seiner siebeneinhalb Jahre langen Freiheitsstrafe wegen Drogenhandels hatte er als IT-Wartungsbeauftragter gearbeitet. So hatte er Zugang zum internen Server des Gefängnisses und zu den Servern anderer Haftanstalten.

Saweljew speicherte einige Foltervideos auf einem USB-Stick, den er in der Nähe des Gefängnisausgangs versteckte.

Auch mit Saweljew hat die BBC gesprochen. Die Vergewaltiger sind demnach meistens andere Häftlinge, die auf Anweisung der Gefängnisleitung handeln würden. In der Regel seien dies Männer mit langjährigen Strafen, die dadurch eine bessere Behandlung und kleine Gefälligkeiten erhielten.

BBC wertete Tausende Gerichtsdokumente aus

Der Kreml hatte nach der Veröffentlichung zugesagt, die Misshandlungen zu untersuchen. Es wurden sechs mutmaßliche Vergewaltiger, der Direktor des Gefängniskrankenhauses von Saratow und sein Stellvertreter verhaftet – alle bestritten jegliche Verbindung zu den in den Videos gezeigten Misshandlungen.

Laut dem unabhängigen russischen Medienprojekt Proekt wurde zwischen 2015 und 2019 in 90 Prozent der russischen Regionen über Folterungen berichtet. Die BBC hat nach eigenen Angaben Tausende von Gerichtsdokumenten aus dieser Zeit ausgewertet und festgestellt, dass 41 Angehörige des Strafvollzugsdienstes in den schwersten Fällen von Gefangenenmissbrauch verurteilt wurden. Fast die Hälfte von ihnen wurde jedoch nur zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Im Juli wurde in Russland ein Gesetz geändert, um schwere Strafen für die Anwendung von Folter als Mittel des Machtmissbrauchs oder der Beweisbeschaffung einzuführen. Menschenrechtsaktivisten betonen jedoch, dass Folter als eigenständiges Delikt noch immer nicht unter Strafe gestellt ist.

Die russische Strafvollzugsbehörde äußerte sich nicht zu den Vorwürfen.

svs
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