Mikhail Zygar

Druck auf Schwule und Lesben in Russland Der zweite Krieg

Mikhail Zygar
Eine Kolumne von Mikhail Zygar
Die Hetze gegen die Ukraine reicht nicht mehr. Jetzt hat der Kreml eine Kampagne gegen Lesben und Schwule losgetreten. Aber er kann sich nicht sicher sein, dass die Russen dabei mitgehen.
Aktivisten für Rechte von sexuellen Minderheiten demonstrieren in Moskau, das Bild stammt aus dem Jahr 2013. Auf dem Banner steht: »Homophobie – die Religion von Tyrannen«

Aktivisten für Rechte von sexuellen Minderheiten demonstrieren in Moskau, das Bild stammt aus dem Jahr 2013. Auf dem Banner steht: »Homophobie – die Religion von Tyrannen«

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AP

Russland führt seit Jahren mehrere Kriege gleichzeitig. Und einer davon ist der Krieg gegen Schwule. Letzte Woche wurde eine wichtige Schlacht geschlagen. Die Tennisspielerin Darja Kassatkina, die Nummer Eins Russlands und Nummer 12 der Weltrangliste, hat in einem Interview mit dem YouTube-Blogger Vita Kravchenko verraten, dass sie eine Freundin hat . Und dann postete sie auf Instagram ein Foto mit ihr. Natalia Zabiako ist Olympia-Silbermedaillengewinnerin von 2018 im Eiskunstlauf.

Das Interview gab Kassatkina zusammen mit ihrem Jugendfreund, dem Weltranglistenachten Andrej Rublew. Die Tennisstars sprachen sich gegen den Krieg in der Ukraine aus und forderten die Eltern junger russischer Tennisspieler auf, ihre Staatsbürgerschaft zu wechseln und das Land zu verlassen. Denn: Der Tennissport in Russland werde, so sagte Kassatkina, einfach sterben.

Doch selbst diese mutigen Worte wurden durch ihr Coming-out übertönt. Die in Spanien lebende Tennisspielerin verfolgt offensichtlich nicht die russische innenpolitische Agenda und ist sich daher nicht bewusst, dass die Behörden in Russland gerade eine neue Kampagne gegen die LGBT-Community begonnen haben: Im Juni schlug Wjatscheslaw Wolodin, der Vorsitzende der Staatsduma, neue Anti-Homosexuellen-Gesetze vor.

In Russlands bizarrer Hierarchie ist der Posten als Parlamentspräsident ein politisches Gnadenbrot, sodass Wolodin ständig darum kämpfen muss, gesehen zu werden – sowohl von Putin als auch von der Öffentlichkeit. Wolodin arbeitete von 2011 bis 2016 als Ideologe für die Kremlverwaltung und war schon damals der Hauptorganisator des Kampfes gegen die sogenannte »Schwulenpropaganda«. Auf seine Anregung hin verabschiedete die Duma 2013 ein Gesetz gegen »Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen«. Im Wesentlichen wurde damit jede Erwähnung von LGBT in den Medien, in Filmen oder im Theater verboten. Seither fällt alles, was sich mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen befasst, egal wie harmlos der Kontext ist, in die Kategorie »Über 18«.

Wjatscheslaw Wolodin, Vorsitzender der Duma: Gesetz gegen »Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen«

Wjatscheslaw Wolodin, Vorsitzender der Duma: Gesetz gegen »Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen«

Foto: Russian State Duma / ITAR-TASS / IMAGO

Im Jahr 2013 war allen klar, dass es sich um eine populistische Maßnahme handelte, mit der der Kreml den ungebildetsten und konservativsten Teil der Wählerschaft umgarnen, und die liberale Intelligenz einschüchtern wollte. Dabei soll Wolodin Gerüchten zufolge selbst schwul sein.

Seit Kurzem ebbt die patriotische Hysterie rund um den Ukrainekrieg etwas ab, und Wolodin zog erneut seinen alten Trumpf aus dem Ärmel: Am 8. Juni, dem Tag, der vor einigen Jahren von der Regierung als Feiertag für »Liebe, Familie und Treue« erfunden worden war, startete er auf seinem Telegram-Kanal eine Umfrage: Soll die Förderung »nicht-traditioneller Werte« nicht nur gegenüber Kindern, sondern auch gegenüber Erwachsenen verboten werden? Wolodins Abonnenten (sowohl echte als auch Bots) stimmten natürlich dafür. In der UdSSR war einvernehmlicher Sex mit einem Angehörigen des eigenen Geschlechts mit fünf Jahren Gefängnis bestraft worden.

Seit dem Austritt Russlands aus dem Europarat werde es keinen Druck mehr von außen geben, freute sich Wolodin, niemand verlange die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe, man sei frei, »traditionelle Werte zu schützen«.

Bald darauf brachte die Leiterin des Duma-Ausschusses für Familien-, Frauen- und Kinderfragen, die Kommunistin Nina Ostanina, einen Gesetzentwurf zum Verbot von Homosexuellen-Propaganda ins Parlament ein, so wie von Wolodin gefordert. Als die 66-jährige Lehrerin für Marxismus-Leninismus ihre Sicht der Dinge erläuterte, wirkte sie irgendwie konfus. Zunächst erklärte sie, dass Homosexualität »eine Diagnose« sei und dass ein Coming-out nicht strafrechtlich verfolgt werden dürfe: »Das ist dasselbe wie ein Krebspatient, der sagt, er sei krank. Er gibt also zu, dass er krank ist, na und? Was soll's? Es wird Sympathien wecken.« Zwei Tage danach kündigte sie jedoch an, sogar ein Strafregister für die sogenannte Schwulen-Propaganda anlegen zu wollen.

Journalist und YouTube-Blogger Juri Dud : Als »ausländischer Agent« gebrandmarkt

Journalist und YouTube-Blogger Juri Dud : Als »ausländischer Agent« gebrandmarkt

Foto: Vladimir Gerdo / ITAR-TASS / IMAGO

Das Thema wird nun jede Woche neu aufgerollt: Anfang Juli wurde Russlands beliebtester Journalist und YouTube-Blogger Juri Dud wegen »Schwulenpropaganda« zu einer Geldstrafe von 120.000 Rubel (2000 Euro) verurteilt – im vergangenen Jahr hatte er den Künstler Fedor Pawlow-Andrejewitsch interviewt, der offen über seine sexuelle Orientierung sprach. Dud wurde bereits vor einigen Monaten als ausländischer Agent gebrandmarkt. Er hat sich nämlich gegen den Krieg ausgesprochen. Doch aus irgendeinem Grund sind die Behörden der Meinung, dass der Ruf von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens am schwersten durch die Nähe zur Homosexualität geschädigt wird.

Russische Beamte und Politiker, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind, neigen zu einer ausgeprägten Homophobie. Sie finden Schwulenwitze sehr lustig und halten es für eine Beleidigung, »homosexuell« genannt zu werden. Wladimir Putin scherzte letzte Woche bei einem Besuch in Teheran etwas kryptisch, dass die europäischen Länder »die Bedeutung der traditionellen Energie vernachlässigt und sich auf nicht-traditionelle Energien verlassen haben – weil sie in nicht-traditionellen Beziehungen groß sind«.

Demonstration gegen Homophobie vor der russischen Botschaft 2017 in Berlin

Demonstration gegen Homophobie vor der russischen Botschaft 2017 in Berlin

Foto: Jan Scheunert / ZUMA Wire / IMAGO

Aber interessanterweise teilen die meisten jungen Russen diese Sicht gar nicht. Der bekannte russische Wirtschaftswissenschaftler Konstantin Sonin war der Erste, der auf die Online-Diskussion über die Nachricht vom Coming-out der Tennisspielerin Kassatkina hinwies: Darin fanden sich überwiegend Worte der Unterstützung und weniger homophobe Witze oder Anfeindungen als erwartet. Offenbar glaubt die Putin-Elite, dass die Wählerschaft die Verfolgung von Schwulen wirklich gut findet. Aber offenbar ist die Wählerschaft überhaupt nicht so, wie sie denkt. Die Hasspropaganda, die die russischen Staatsmedien betreiben, spricht einen großen Teil der Bevölkerung wohl kaum an.

Die neue Anti-LGBT-Kampagne in Russland zeigt natürlich, dass das Hauptziel des russischen Regimes darin besteht, um jeden Preis an der Macht zu bleiben. Es versucht, jeden loszuwerden, der möglicherweise illoyal ist. Hunderttausende von Menschen, die mit dem Krieg nicht einverstanden sind, haben das Land in diesem Frühjahr verlassen. Aber der Kreml will noch mehr Konformität.

Deshalb entfesselt er eine neue Welle des Terrors gegen Schwule und Lesben. Das kann nur eines bedeuten: Putin ist sich nicht sicher, ob er in der Gesellschaft wirklich so einen starken Rückhalt hat. Er erfindet deshalb immer wieder neue Feinde und macht großes öffentliches Aufheben um ihre Bekämpfung. Das kann natürlich nicht ewig so weitergehen – früher oder später werden ihm die Feinde ausgehen.

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