Militärische Lage, Bevölkerung, Sanktionen Russlands Marsch auf Kiew – der zweite Kriegstag

Putins Truppen rücken bis an die ukrainische Hauptstadt Kiew vor. Russlands Luftwaffe fliegt Angriffe im ganzen Land. Der Westen ist sich uneinig, wie hart Sanktionen sein müssen. Der Überblick.
In der vergangenen Nacht haben russische Truppen Luftangriffe auf Kiew geflogen – nun wird im Großraum der Hauptstadt bereits gekämpft

In der vergangenen Nacht haben russische Truppen Luftangriffe auf Kiew geflogen – nun wird im Großraum der Hauptstadt bereits gekämpft

Foto: SERGEY DOLZHENKO / EPA

Russlands Angriff auf das Nachbarland Ukraine ist einen Tag nach der Kriegserklärung von Präsident Wladimir Putin in vollem Gange. Westliche Staaten haben Sanktionen gegen Russland erlassen, die bislang wirkungslos blieben. Nun droht ukrainischen Ministern zufolge der Marsch auf die Hauptstadt Kiew. Ein Überblick über die Entwicklungen der vergangenen Stunden.

Militärische Lage

Die russische Armee ist bei ihrem Angriffskrieg auf die Ukraine bis nach Kiew vorgedrungen. Das ukrainische Militär kämpft im Großraum der Hauptstadt eigenen Angaben zufolge gegen russische Truppen. Mit Blick auf zwei Orte im Nordwesten Kiews sagte Militärsprecher Olexij Arestowytsch am Freitag vor Journalisten: »Dort gibt es jetzt schon Kämpfe.« Die Stadt bereite sich auf Verteidigung vor. Die ukrainische Armee habe »einige« russische Hubschrauber und Militärtechnik zerstört. Solche Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Zuvor hatte das Verteidigungsministerium die Bevölkerung in Kiew aufgerufen, sogenannte Molotowcocktails zum Kampf vorzubereiten und Sichtungen über russische Militärtechnik zu melden. Einwohner sollten ihre Wohnungen nicht verlassen. Das ukrainische Heer warnte, russische Einheiten nutzten teilweise eroberte ukrainische Technik.

Das ukrainische Verteidigungsministerium berichtete am Freitag von russischen »Saboteuren« im nördlichen Stadtbezirk Obolon. Außenminister Dmytro Kuleba sprach von »schrecklichen russischen Raketenangriffen« auf die Stadt mit knapp drei Millionen Einwohnern. Seit Beginn des Angriffs am Donnerstagmorgen wurden auf ukrainischer Seite nach offiziellen Angaben mehr als 130 Soldaten getötet. Aus Russland gab es zu Opfern zunächst keine Angaben.

Putin hatte am Donnerstag nach monatelangem Truppenaufmarsch an den Grenzen eine Offensive aus verschiedenen Richtungen gegen das Nachbarland gestartet. Während Panzer in die ehemalige Sowjetrepublik vorstießen, gab es Luftangriffe im ganzen Land.

Russische Truppen haben zudem nach Angaben des Verteidigungsministeriums eine Insel vor der ukrainischen Hafenstadt Odessa eingenommen. Die 13 ukrainischen Grenzschützer der Schlangeninsel im Schwarzen Meer seien durch Beschuss eines russischen Kriegsschiffs getötet worden. 82 ukrainische Soldaten hätten sich ergeben.

Nach Angaben des ukrainischen Militärs nutzt Russland den belarussischen Flugplatz Gomel zur Aufstellung von Truppen für einen Angriff auf die Hauptstadt Kiew, nachdem der Militärflughafen Hostomel in der Nähe von Kiew zerstört worden sei. Russland wolle zunehmend zivile Infrastruktur und Häuser zerstören, schreibt der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte auf Facebook. Angaben des ukrainischen Innenministeriums zufolge hat Russland in den letzten 24 Stunden 33 zivile Ziele getroffen. Zwei Kinder seien getötet worden.

Die genaue militärische Lage blieb undurchsichtig. Russland setzte eigenen Angaben zufolge insgesamt 118 ukrainische Militärobjekte »außer Gefecht« – darunter elf Militärflughäfen. Dem Verteidigungsministerium zufolge wurden auch fünf ukrainische Kampfflugzeuge und ein Hubschrauber abgeschossen. Ein Militärsprecher bestätigte zudem, dass die Russen das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl erobert haben, knapp 70 Kilometer von Kiew entfernt.

Nach ukrainischen Angaben erlitten die russischen Truppen ihrerseits schwere Verluste. Das Verteidigungsministerium sprach von 30 zerstörten russischen Panzern, 130 Panzerfahrzeugen, sieben Flugzeugen und sechs Hubschraubern. Etwa 800 russische Soldaten seien getötet worden. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in einer Videobotschaft, die ukrainische Armee habe am ersten Tag der Invasion 137 Soldaten verloren, 316 Soldaten seien verletzt worden. Russland habe das gesamte Staatsgebiet angegriffen und gehe auch gezielt gegen die Zivilbevölkerung vor. Die Russen machten entgegen ihrer Zusicherung keinen Unterschied zwischen militärischen Zielen und Wohnhäusern, so Selenskyj.

Situation der Zivilbevölkerung

Nach Schätzung der Vereinten Nationen sind inzwischen in der Ukraine schon 100.000 Menschen auf der Flucht . In der ukrainischen Hauptstadt Kiew flüchteten die Menschen zum Schutz vor Luftangriffen in U-Bahnhöfe.

In der Hauptstadt herrscht angesichts eines erwarteten russischen Vorstoßes Angst auf den Straßen. Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur dpa berichtete, mit Sturmgewehren bewaffnete Patrouillen seien in der Innenstadt unterwegs. Straßen und Plätze waren leer.

Das ukrainische Verteidigungsministerium rief die Bevölkerung dazu auf, russische Militärfahrzeuge überall zu blockieren. »Kommt mit ukrainischen Flaggen auf die Straßen, filmt die russischen Besatzer. Zeigt ihnen, dass sie hier nicht erwünscht sind, dass ihnen jeder Widerstand leisten wird«, hieß es in einem emotionalen Appell. Von Kampfhandlungen sollten sich die Bewohnerinnen und Bewohner aber fernhalten, damit das ukrainische Militär »seine Arbeit erledigen« könne.

Unterdessen verbrachten auch im Osten des Landes Menschen die Nacht in Luftschutzbunkern. »Es kamen immer mehr Menschen, je länger die Nacht dauerte«, schrieb die 34-jährige Jewgenija Andrejewna aus der zweitgrößten Stadt Charkiw der Deutschen Presse-Agentur. »Alle kamen mit ihren Haustieren.« Am Morgen habe sie zunächst wieder in ihre Wohnung zurückkehren können.

Regierung in Kiew

Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag eine allgemeine Mobilmachung angeordnet. Die Anordnung gilt vorerst 90 Tage und sieht die Einberufung von Wehrpflichtigen und Reservisten vor. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nun nicht mehr verlassen.

Zudem hat sich das ukrainische Staatsoberhaupt in den vergangenen Stunden mehrfach in Videobotschaften gemeldet. Darin hat er sich auch direkt an den Westen gewandt und verzweifelt um militärische Hilfe gebeten. »Wenn ihr, die europäischen Führer, heute der Ukraine nicht helft, wird der Krieg morgen an eure Tür klopfen«, sagte Selenskyj in einer Rede am Donnerstagabend.

Am Freitagmorgen hat er noch einmal die osteuropäischen Nato-Mitglieder um Unterstützung gebeten. Er habe auch um Hilfe gebeten, Russland an den Verhandlungstisch zu bringen. »Wir brauchen eine Anti-Kriegs-Koalition.«

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Selenskyj mutmaßte bereits am Donnerstag, dass der russische Angriff ihn stürzen solle. »Nach unseren Informationen hat mich der Feind zum Ziel Nummer eins erklärt, meine Familie zum Ziel Nummer zwei«, sagte er. In Kiew fürchtet man auch um das Leben des Präsidenten. Russland strebt laut Angaben eines Beraters Selenskyjs die Einnahme von Kiew an. Selenskyj solle getötet werden, sagt Mychailo Podoljak am Donnerstag. Das sei das einzige Ziel der russischen Aktion. Selenskyi befinde sich weiterhin in Kiew. Auch die übrigen Regierungsmitglieder haben die ukrainische Hauptstadt offenbar trotz des russischen Angriffs bisher nicht verlassen.

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Reaktion des Westens

Der Westen hatte mit Verhandlungen und der Drohung harter Sanktionen versucht, einen russischen Einmarsch abzuwenden – letztlich vergeblich. Nach Beginn der Offensive sprach Frankreichs Präsident Emmanuel Macron als erster westlicher Politiker direkt mit Putin. Der französische Präsident nannte das Gespräch »offen, direkt und kurz«. Er habe Putin aufgefordert, die Kämpfe so rasch wie möglich zu beenden. Doch dies habe keine Wirkung gezeigt. Macron sprach sich dafür aus, den Gesprächsfaden dennoch nicht ganz abreißen zu lassen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach von einem eklatanten Bruch des Völkerrechts. Der gesamte Westen reagierte schockiert. Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einer »tiefgreifenden Zäsur in der Geschichte Europas nach dem Ende des Kalten Krieges«. Sie verfolge die Entwicklungen mit größter Sorge und Anteilnahme. In Deutschland begann eine Debatte über eine Stärkung der Bundeswehr.

Bei einem Krisengipfel in Brüssel suchten Scholz und die übrigen EU-Staats- und Regierungschefs eine starke Antwort auf den russischen Angriff. Sie vereinbarten Strafmaßnahmen mit Blick auf Energie, Finanzen und Transport. Zudem soll es Exportkontrollen für bestimmte Produkte sowie Einschränkungen bei der Visavergabe geben. Selenskyj wurde nach Brüssel zugeschaltet.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte danach: »Unsere Einigkeit ist unsere Stärke.« Ganz einig waren sich die Staats- und Regierungschefs aber nicht: Mehrere forderten noch härtere Strafen , auch mit Blick auf das Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift. Ein Swift-Ausschluss hätte zur Folge, dass russische Institute quasi vom globalen Finanzsystem ausgeschlossen würden.

Scholz wandte sich jedoch dagegen, dieses Sanktionsinstrument jetzt schon einzusetzen. Manches müsse man sich »aufbehalten für eine Situation, wo das notwendig ist, auch noch andere Dinge zu tun«, sagte der SPD-Politiker. US-Präsident Joe Biden kündigte ebenfalls Sanktionen an, auch gegen große russische Banken. Zudem will er strikte Exportkontrollen für den Technologiesektor und weitere Strafmaßnahmen gegen die russische Elite.

Die Vereinigten Staaten verlegen zudem 7000 weitere Soldaten nach Europa , die zunächst in Deutschland stationiert werden und die Verteidigung der Nato-Partner stärken sollen.

In Deutschland sprachen sich führende Politiker der Ampelkoalition dafür aus, der Bundeswehr mehr Geld zur Verfügung zu stellen. In dem Sinne äußerten sich Finanzminister Christian Lindner (FDP) in der ARD-Sendung »Maischberger« sowie Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) in der ZDF-Sendung »Markus Lanz«. Unionsfraktionschef Friedrich Merz forderte im Deutschlandfunk eine Neuausrichtung der Außen- und Sicherheitspolitik.

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Termine und Hintergründe

  • Um 15 Uhr treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten zu einem Sondergipfel per Videokonferenz. Parallel dazu tagen die EU-Außenminister in Brüssel in einer Sondersitzung. Um 21 Uhr erfolgt eine Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats. Verfolgen Sie aktuelle Ereignisse weiterhin in unserem Liveblog.

muk/asc/dpa/Reuters
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